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Kommunalwahl in Dießen:Wahre Löwen bleiben am Ball

Nach 24 Jahren tritt Herbert Kirsch nicht mehr zur Wahl des Dießener Bürgermeisters an - bewirbt sich aber für den Gemeinderat. In seiner Amtszeit wurde viel erreicht, das Ammersee-Gymnasium sieht er als Meilenstein. Niederlagen kennt er vor allem als 1860-Fan

Von Armin Greune, Dießen

Dießen BM Herbert Kirsch

Stets gut gelaunt: Rathauschef Herbert Kirsch im Büro mit einem Modell des "Diez", der nun den Untermüllerplatz ziert.

(Foto: Nila Thiel)

Wer hier regiert, dem wird von oben Weisheit, Unerschrockenheit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit verordnet. Denn diese vier Kardinaltugenden sind in der Stuckdecke des Dießener Bürgermeisterbüros seit 1786 figurativ festgehalten. Ganz so lange sitzt Herbert Kirsch noch nicht in diesem Amt. Aber immerhin hat er nach knapp zwei Jahren als Standesbeamter ein halbes Arbeitsleben als Rathauschef der Marktgemeinde verbracht: 24 Jahre lang hat er in diesem Raum residiert, der vom Mittelpunkt Dießens Ausblicke auf die Kreuzung der beiden Staatsstraßen bietet.

Offenbar hat er seine Aufgaben im Sinne der meisten Dießener erfüllt: Bei den vier Bürgermeisterwahlen seit 1996 erhielt Kirsch 71, 85, 75 und zuletzt 81 Prozent der Stimmen. Bereits im August 2018 kündigte der seinerzeit 58-Jährige an, auf eine Kandidatur 2020 zu verzichten. Gründe dafür gab er nicht an, ein erneuter Wahlsieg wäre ihm wohl kaum zu nehmen gewesen.

Dass er der Kommunalpolitik müde geworden sei, kann jedenfalls nicht das Motiv sein, denn inzwischen hat sich Kirsch für die Gemeinderatswahl nominieren lassen. Er nimmt zwar nur den 24. und letzten Platz auf der Liste der von ihm mitbegründeten "Dießener Bürger" ein, aber es bestehen kaum Zweifel, dass er vorgehäufelt und ins Gremium gewählt wird. Der scheidende Rathauschef hat seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger - nicht weniger als sieben Kandidaten haben ihren Hut in den Ring geworfen - bereits versichert, sich als Gemeinderat nicht ungefragt in die Amtsgeschäfte einzumischen. Aber er möchte gegebenenfalls weiter daran mitwirken, dass etwa der ehemalige Dauercamperplatz in St. Alban zu einer Badestelle umgestaltet wird: Kirsch sieht darin eine "Jahrhundert-Gelegenheit" für Dießen.

Mit der Option, als Ex-Bürgermeister im Gemeinderat zu sitzen, hat Kirsch eine eher ungewöhnliche Entscheidung getroffen. Ebenso unkonventionell verhielt er sich bei der bislang letzten Kommunalwahl 2014, als er sich nicht - wie sonst unter Bürgermeistern üblich - auf die Gemeinderatsliste seiner Wählervereinigung setzen ließ. Als Zugpferd an der Spitze der Liste hätte er den Dießener Bürgern auch viele Stimmen für die Gemeinderatswahl eingebracht. 2008, als Kirsch auch noch für das Gremium kandidiert hatte, sammelte er auf der Liste allein 3635 der 16 700 Gemeinderatsstimmen ein.

Kirsch bei der Grundsteinlegung für das Ammersee-Gymnasium 2005.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Zu seiner Beliebtheit in der Marktgemeinde dürfte vor allem sein gewinnendes Wesen beigetragen haben, denn Kirsch ist weder als glänzender Rhetoriker noch als kommunalpolitischer Visionär in Erscheinung getreten. Der Rathauschef wirkt eigentlich immer lässig und gut gelaunt, begrüßt nahezu jeden mit einem breitem, offenen Lächeln und lacht gerne - auch über sich selbst. In seiner langen Amtszeit hat ihn eigentlich nur die Kampagne der Anwohner der Wolfsgasse richtig aus der Fassung gebracht, als sein Haus im Streit um Erschließungsbeiträge von Fernsehteams und Reportern belagert wurde und er seine Familie belästigt oder gar bedroht sah.

Bei kommunalpolitischen Entscheidungen hat sich Kirsch als Pragmatiker ohne ideologische Richtlinien erwiesen. Dießen hat sich vielleicht auch deshalb nicht zu einer ökologischen Vorzeigekommune entwickelt. Aber was der Bürgermeister gemeinsam mit Rathausverwaltung und Gemeinderat in einem Vierteljahrhundert erreicht hat, kann sich sehen lassen. Als erstes fällt Kirsch als "Meilenstein" das Ammersee-Gymnasium ein: "Mit diesem Wunsch bin ich im Kreistag wirklich erst einmal belächelt worden." 2006 nahm die Schule den Betrieb auf.

Lumpiger Donnerstag in Dießen

Bei der Faschingsbelagerung durch die Schüler 2012.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

In seiner Amtszeit konnte er die neuen Kindergärten in Dettenschwang (1998) und Riederau (2005) eröffnen. Mit der Umgestaltung von Mühlstraße und Busparkplatz hat das Bahnhofsumfeld ein neues Gesicht erhalten - das freilich mit dem allgegenwärtigen Steinpflaster und wenig Grün nicht allen Dießenern gefällt. Ein Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt wurde im Zentrum errichtet, alle Ortsteile sind nun an die Kanalisation angeschlossen.

Außer diesen Bauvorhaben fallen Kirsch noch zwei wichtige Weichenstellungen im Ort ein, die Dießens überregionalen Ruf festigten: Die Entscheidung, den von Alfred Sudau privat betriebenen Töpfermarkt von 2001 an unter Regie des Marktes weiterzuführen, bewähre sich jedes Jahr aufs neue. Und der Bürgermeister ist froh, "dass die Carl-Orff-Stiftung in Dießen bleibt und hier verankert ist". All das nimmt er nicht exklusiv als eigenes Verdienst in Anspruch: "Ich hab Glück gehabt, dass ich mich immer auf die Verwaltung verlassen konnte und der Gemeinderat mir nie etwas Böses wollte." Dass dieses Gremium im Gegensatz zu mancher Nachbargemeinde in den Sitzungen zügig zum Punkt kommt und sich fast nie mit ausgedehnten Kabbeleien oder Selbstdarstellungen aufhält, sei auch der Verwaltung zu verdanken: "Das liegt an den umfangreichen Sitzungsunterlagen, mit denen sich die Fraktionen gut auf die Sitzungen vorbereiten," sagt Kirsch.

Welche Wertschätzung die Rats- und Amtskollegen ihm entgegenbringen, hat er erst vor sieben Tagen erfahren, als ihn fast alle besuchten, um zum 60. Geburtstag zu gratulieren. Vom Rathausteam bekam Kirsch ein Traditionstrikot des TSV 1860 geschenkt, das alle Mitarbeiter unterzeichnet hatten. An seiner Liebe zu den Löwen hat der Chef durch alle Höhen und Tiefen unerschütterlich festgehalten. Und so viele Niederlagen erlebt, die ihm bei Wahlen und auch im Amt erspart blieben.

© SZ vom 09.01.2020
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