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Kolumne:Der Hund ist unschuldig

Manchmal wünscht man sich, Hunde könnten lesen. Dann hätten ihre Halter keine Ausreden mehr.

Von MICHAEL MOROSOW

Der Regen-Sonne-Mix der vergangenen Tage hat das Weidegras saftig grün werden lassen. Der Bauer braucht es als Futter für seine Kühe, aber auch bei den verwöhnten Gäulen vom benachbarten Pferdehof steht es hoch im Kurs. Eine Hundehalterin spaziert mit ihrem hüfthohen Begleiter den Feldweg entlang Richtung Wald, bleibt vor einem Schild kurz stehen, dann vor einem zweiten, um nach beendeter Lektüre ihren Kläffer von der Leine zu lassen. Der läuft schnurstracks aufs Feld, wo er sich sogleich in die Hocke begibt und ein ziemlich großes Geschäft verrichtet, bevor er sich im Umkreis seiner Hinterlassenschaft noch ein wenig umschaut.

Steht "Betreten der Wiese verboten!" auf einem der Schilder? Das könnte erklären, warum die Frau ihrem Vierbeiner nicht gefolgt ist, um seinen stinkenden Haufen in einem Beutel zu entsorgen. Es könnte aber auch sein, dass sich das Frauchen außerhalb ihres eigenen Wohnbereichs wenig darum schert, was ihr Hund so alles liegen lässt, und denkt: "Hat eh niemand gesehen und hier auf dem Land riecht es doch eh immer nach Odel."

Der Vierbeiner ist unschuldig, wenn er lesen könnte, hätte er sich sein größeres Geschäft vielleicht verkniffen. Sein Frauchen dagegen konnte sicher genau entziffern, was auf den Schildern zu lesen stand: "Hunde bitte an die Leine - Rehkitz liegt in der Wiese!" auf dem einen, "Hier kein Hundeklo!" auf dem anderen. Die beiden Warnschilder sind aber offenbar für die Katz und Hundehalter bei Landwirten und Förstern daher zu einem roten Tuch geworden. Kühe und Pferde holen sich Koliken, wenn sie mit Kot verschmutztes Gras fressen, Rehkitze werden von Hunden gerissen, sobald sie in ihrem Versteck entdeckt werden.

Was die Frau vielleicht nicht weiß: Wenn ihr Hund seinem Jagdtrieb folgt und etwa einem Reh nachstellt, kann er vom Jäger erschossen werden. Und von den Bauern rund um die Weide hat so gut wie jeder einen Jagdschein. Vielleicht könnten ergänzende Worte auf einem Schild die Hundebesitzer zur Einsicht bringen: Unter "Rehkitz liegt in der Wiese" der Satz "Jäger liegt auf der Lauer".

© SZ vom 14.06.2021
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