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Klassikfestival:Konkurrenz für Brahms

Tutzing Brahmstage 2019

Absolut souverän: Sängerin Katharina Konradi und Pianist Eric Schneider eröffnen die Tutzinger Brahmstage.

(Foto: Georgine Treybal)

Auch wegen des spätsommerlichen Wetters hält sich der Andrang beim Liederabend in der Evangelischen Akademie Tutzing in Grenzen

Es hätte ein fulminanter Eröffnungsabend werden können. Das Spätsommerwetter war nach den vielen trüben Tagen dann aber doch eine ernsthafte Konkurrenz für die Tutzinger Brahmstage. Dass nicht gar so viele in die Evangelische Akademie kamen, wie es dem Rang der Veranstaltung entsprochen hätte, lag aber auch daran, dass sich die Programmmacher unter neuem Vorsitz von Andreas Dessauer für einen Liederabend entschieden hatten. Eine Gattung, die sich generell schwer tut, ausreichend Publikum zu finden. Vertonte Dichtung ist heute schon wegen des hohen Anspruchs ein exklusives Fach, doch fehlt es ihm keinesfalls an einer unterhaltsamen, durchaus auch humorvolle Komponente. Zumal wenn die Lieder so fesselnd, ausdrucksstark und auch schon mal keck vorgetragen werden wie von der kirgisischen Sopranistin Katharina Konradi und dem Pianisten Eric Schneider.

Konradi überzeugte schon alleine mit ihrem guten Draht zum Publikum - dank charmanter Bühnenpräsenz und mitteilsamer Mimik. Als erfolgreiche Opernsängerin versteht es die breit ausgebildete Sängerin, auf sehr subtile Weise die Aussagen auch mit ihrer Haltung und Gestik zu vermitteln. Und mit einem Begleiter, der dieses Fach unter prominenter Anleitung etwa von Alfred Brendel sowie den Sängern Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau zu seinem Schwerpunkt gemacht hat, war eine Symbiose geradezu mühelos, was Konradi viel Freiheit gewährte. Dieser wenn auch noch so kleine Anflug von Spontanität sorgte für reichlich Frische und Natürlichkeit.

Lieder von Brahms und den Schumanns - Clara und Robert - verlangen enorme Einfühlsamkeit und ein ausgeprägtes Gespür für feinste Ausdrucksnuancen, die den sprachlichen Aussagen aufs engste folgen. Diese Verbindung nachzuvollziehen, war in den Sopran-Solo-Einlagen von György Kurtág (geboren 1926) reichlich erschwert. Einerseits, weil die Fragmente op. 20 des ungarischen Dichters József Attila entsprechend in ungarischer Sprache verfasst sind. Andererseits, weil sie einer ganz anderen musikalischen Epoche zugehören, die von Anton Webern geprägt ist und Parameter wie Melodie, Harmonie oder Metrum hinter sich ließ, um reiner Expressivität Platz zu machen. Im Schwierigkeitsgrad sind diese Miniaturen kaum zu überbieten. Sie bestehen aus weiträumig springenden Intervallen ohne nachvollziehbaren Zusammenhang. Konradi meisterte die Stimmakrobatik mit Bravour und im Sinne des Komponisten, der die einst aufführende Susan Narucki anwies, die Fragmente so vorzutragen, als würde man zwischen zwei Radiosendern hin und her schalten, wobei die Musik auf beiden Kanälen kontinuierlich gespielt zu denken sei.

Umso wohliger geriet die Wirkung der späten Sechs Gesänge op. 107 von Robert Schumann, die mit Kurtágs Kurzliedern alternierend zum Vortrag gelangten. Diese Wahl aus dem Liederschatz des Komponisten war insofern spannend, als Schumann mit seinen psychischen Verstimmungen darin neue musikalische Aspekte an den Tag legte, die sich später tatsächlich als stilbeeinflussend zeigen sollten.

Die Lieder op. 13 und 12,11 attestierten der im Schatten ihres Mannes stehende Komponistin Clara Schumann in der Interpretation von Konradi und Schneider große Gewandtheit in der Melodiebildung, aber auch Entschiedenheit in den Stimmungen und Befindlichkeiten. Doch selbst dem gegenüber erwies sich der 14 Jahre jüngere Brahms als ein weit einfühlsamerer Klangmaler. Gleich nach der Pause verzauberte das sorgsam kolorierende Duo Konradi und Schneider mit der blühenden Romantik der Lieder "Feldeinsamkeit" op. 86,2, "O wüsst' ich doch den Weg zurück" op. 63,8, "Wie Melodien zieht es mir" op. 105,1 sowie des in Tutzing entstandenen "Auf dem See" op. 59,2.

Sie sind bereits weit von der strengen Form des strophenweise wiederholenden Liedes mit Refrain verfasst. Auch wenn Brahms weiter das deutsche Volkslied pflegte, wie im großen Finale des Abends mit einer Auswahl aus WoO 33 bewiesen, spannte er mit Vorliebe einen dramaturgischen Bogen über die Erzählung. Noch deutlicher in seinen Gedichtvertonungen, die zwischen vielen Ausdrucksnuancen wie zart, beherzt oder hymnisch stets einen erzählerischen Faden suchen, mit dem Konradi dank weiter Spannungsbögen für packende Szenarien sorgte. Musikalisch ein großer Abend, der begeisterte.