Kempfenhausen Sphärisches Gesamtkunstwerk

Das Echolot-Festival im und ums Schloss Kempfenhausen begeistert sein Publikum, wirbt gekonnt für Neue Musik und überfordert auch die diejenigen nicht, die bisher damit wenig zu tun hatten

Von Reinhard Palmer, Kempfenhausen

Der Wettergott war nun zum Abschlussabend des Echolot-Festivals im und ums Schloss Kempfenhausen wieder gnädiger. So konnten auch die raumklanglichen Vierkanal-Soundinstallationen des künstlerischen Leiters Gunter Pretzel ihren Dienst tun und ausgekostet werden. Auf Aufnahmefragmenten der nachfolgenden Konzertstücke basierend machten sie vorab mit der Materie vertraut. Denn auch wenn es hier viele kleine Events zu erleben gab, war alles sorgsam als Gesamterlebnis konzipiert - bis hin zu Videoprojektionen von Manuela Hartel und deren magischer Performance "Nach(t)klang" von mystischer Wirkung. Alles jeweils mit reichlich Zeit dazwischen, das Gehörte und Gesehene zu verarbeiten. Und auch das war wohl Programm: Zuhörer, die mit Neuer Musik noch nicht vertraut sind, sollten nicht überfordert werden. Bei einem Getränk oder Snack waren zudem Gespräche mit den Musikern wie auch mit einigen anwesenden Komponisten explizit erwünscht. Das war nicht nur vielmals bei offenen Fragen hilfreich, sondern schaffte gleich auf Anhieb, was es sonst doch recht mühsam aufzubauen gilt: Festivalatmosphäre.

Komponist Johannes X. Schachtner am Pult des renommierten Münchner Ensembles Zeitsprung nutzte die regenfreie Witterung dazu, die Stücke seines Konzertkonzepts "Einsame Idyllen" - ein Serenadenkonzert - vor jeweils anderer Kulisse aufzuführen. Flügel-bedürftige Werke blieben in der Intimität des Rittersaals, wo Publikum und ausführende Musiker geradezu auf Tuchfühlung gehen konnten. Schachtners Canon (Invention IV) wäre fürs offene Gelände vielleicht auch zu sensibel gewesen. Zumindest anfangs, wenn das Klavierquintett und Schlagwerk mit einer flirrenden Fläche von Obertönen zu beginnen hatte. Bis hin zum substanziellen Chaos sich steigernd, entschwand die Musik erneut klar strukturiert wieder dorthin. Bernhard Weidners "Nördlich der Waldeinsamkeit" mit Streichern, Bläsern, Klavier und Schlagwerk arbeitete später mit einem ähnlich abstrakten Verfahren - zunächst. Denn die Entwicklung mit immer wieder überaus reizvollen Klangmixturen steuerte auf einen überraschenden Höhepunkt zu: auf ein Zitat aus Schuberts Oktett in Streicher-Bläser-Besetzung. Ganz im Sinne eines Festivals, das sich auch klar zur Musiktradition bekennt. Schon am ersten Festivaltag hatte das Pelaar-Quartett mit einem Canon überrascht, der auf einem extrem chromatischen, ja im Grunde fast freitonalen Thema aus dem Musikalischen Opfer Bachs basierte. Am Sonntag nun also ein Schubert-Zitat, nachdem im Park zuvor ein großartig atmosphärisches Siegfried-Idyll Wagners die Abenddämmerung einläutete. Sinnenfreudiger kann ein musikalisches Erlebnis wohl kaum sein.

Und auch dieser Beitrag blieb nicht ohne Kontext. Live-Electronic-Performer Gunnar Geisse griff in seinem wwv.E-dyll@103 die orchestrale Anlage des Werkes auf und band sie in einen imposanten Klangaufbau ein. Dass die Musik Wagners aber nicht nur mit innerer Größe überwältigt, sondern auch schönatmosphärisch und sensibel erklingen kann, griff Schachtner in seinen "Wagner-Wandelungen" auf. Übers Gelände verteilt wiederholte sich ein Wagner-Motiv in meditativer Schichtung. Es schien so, als würden die Musiker des Ensembles Zeitsprung über dieses Thema miteinander kommunizieren, während sie das Areal bis zum Vorplatz des Schlosskirchleins abschritten. Und eines hat das Echolot-Festival geschafft: Wer hier dabei war, wird wohl Neue Musik nie wieder missen wollen.