Jahresempfang in der Evangelischen Akademie Europa in Gefahr

Wohin steuert Europa? Staatskanzleichef Florian Herrmann (v. li.), Akademieleiter Udo Hahn, Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

(Foto: Nila Thiel)

In Tutzing appelliert der evangelische Landesbischof Bedford-Strohm an Großbritannien, auf den Brexit zu verzichten

Von David Costanzo, Tutzing

Es war ein düsterer Abend beim Jahresempfang der Evangelischen Akademie in Tutzing. Direktor Udo Hahn und sein Team hatten sich als Auguren erwiesen, als sie vor Monaten Gäste und Thema der sonst so beschwingten Stunden festlegten: den luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn zur Frage "Wohin steuert Europa?" Die Briten streiten über den Brexit, die Feinde der EU erstarken, Mitgliedsstaaten bauen Grundrechte ab, Populisten schwingen sich auf - und das alles nur Wochen vor der Europawahl. Entsprechend beklemmend fielen die Reden und Grußworte aus.

"Die Dramatik der Ereignisse hat historischen Charakter", sagte Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm vor den mehreren Hundert Gästen in Schloss Tutzing und fügte mit Blick auf den Brexit an: "Alles, was nach zwei Weltkriegen an Zusammenhalt entstanden ist, scheint in Gefahr zu geraten." Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland appellierte an Großbritannien, in der EU zu bleiben. Bedford-Strohm gehört auch zu den Unterzeichnern eines am Freitag in der britischen Tageszeitung Times veröffentlichten Schreibens, in dem deutsche Politiker sowie Vertreter aus Wirtschaft und Gesellschaft um die Briten werben. "Sie sollen wissen: Tief im Herzen wollen wir, dass sie bleiben", endet das Schreiben. Der Landesbischof mahnte, anti-europäische Stimmen von der Insel nicht mit anti-britischem Echo zu beantworten.

Asselborn freute sich, als "kleiner Luxemburger" in dem erhabenen Kreis auftreten zu dürfen. Auch der Außenminister zeichnete ein "schattiertes Bild" der EU, wie er es nannte: An "Brandstiftung" grenze es, wenn auf "die in Brüssel" geschimpft werde, wo doch alle Staaten mit ihren Regierungen am Tisch sitzen und im Rat das Prinzip der Einstimmigkeit gelte - was Asselborn als Grundübel ausmachte. "Die Neinsager, die Blockierer, haben die Karten in der Hand." Er plädierte für Mehrheitsentscheidungen und forderte mehr Zusammenhalt. Zwischenapplaus bekam er für seinen Appell, dass "Leute vom Schlag eines Orbán, Salvini, Le Pen, AfD, Lega oder Schwedendemokraten nicht das Sagen haben dürfen".

Den einzigen Lacher des Abends hatte der bayerische Staatskanzleichef Florian Herrmann auf seiner Seite, der kurzfristig für Ministerpräsident Markus Söder eingesprungen war. Herrmann berichtete von seinen vier Schwestern, von denen zwei mit Franzosen verheiratet sind, und sagte augenzwinkernd: "Jetzt muss man's nicht übertreiben."