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Hommage an Tiger Willi:Gesamtkunstwerk mit Käppi

Uli Singer und Wolfgang Prochaska stellen in Gilching ihr Buch über den singenden Metzger vor. Gäste wie Anselm Bilgri, Thies Marsen und Wolfgang Görl berichten über ihre Begegnungen mit dem Steinebacher

Von Patrizia Steipe, Gilching

Es war eine Hommage an den vor zwei Jahren gestorbenen Tiger Willi, die in weiten Teilen an ein Klassentreffen erinnerte: In der Filmstation stellten die Journalisten Uli Singer und Wolfgang Prochaska ihr Buch vor, für das sie den Titel "Sex, Drugs and Wurschtsalat - Erinnerungen an Tiger Willi" gewählt haben. Wegbegleiter und Freunde hatten darin Beiträge über den Wörthseer Metzger mit der späten Gesangskarriere geschrieben. Mit dem Buch hat Singer, die den Tiger Willi in ihrer Konzertagentur betreut hatte, ein Versprechen eingelöst, das sie dem an Alzheimer erkrankten Freund noch zu Lebzeiten gab. Als Entdecker und Bewunderer moderierte der langjährige SZ-Redakteur Wolfgang Prochaska die Matinée.

Sogar nach seinem Tod gibt es Wirbel um den Tiger Willi. So forderte seine Witwe die Autoren auf, sich in einer Erklärung zur Unterlassung der Titelnutzung zu verpflichten. Die Begründung: Der Titel des Buchs sei ehrabschneidend. Singer und Prochaska lehnten dies ab; womöglich kommt es noch zu einer mündlichen Verhandlung vor Gericht. Die Veranstalter jedenfalls waren sichtlich erleichtert, als sie ohne behördliches Einschreiten am Schluss noch den versprochenen Wurschtsalat verteilen konnten.

Gilching Filmstation, Präsentation Errinerungen an Tiger Willi

Moderator Wolfgang Prochaska gehörte zu den Bewunderern des Musikers.

(Foto: Georgine Treybal)

Anfang der 1990er-Jahre hörte Prochaska zum ersten Mal den Laienmusiker, der damals als "Helmi, der Metzger" auftrat. ",Die Nacht war kalt, der Schnee fiel runter, da waren die Metzger vom Isele schon munter', sang er mit leicht brüchiger Stimme. Etwas Schmerzhaftes liegt darin, eine große Sehnsucht", las Prochaska. Das Lied über den sensiblen Menschen, der das Schlachten der Tiere nicht mehr erträgt, ist autobiografisch. Wilhelm Raabe hat seinen Metzgerberuf an den Nagel gehängt, Sozialpädagogik studiert und sich um Lehrlinge gekümmert, bevor seine Karriere als Songpoet ins Rollen kam. Bei der Talentshow in Wörthsee stand Thies Marsen, ein junger Punker aus dem Ort, als Bassbegleitung mit auf der Bühne. Vorher geprobt wurde nicht, das Ergebnis sei so schlecht gewesen, dass er sich die Aufnahme heute noch nicht anhören wolle, erklärte der Radiojournalist, der sich längst vom Irokesenschopf getrennt hat, den Zuhörern.

Viele Anekdoten gab es zu hören. SZ-Journalist Wolfgang Görl hat den Songpoeten öfter als Gitarrist begleitet, wenn Not am Mann war. "Er war großartig - einfache Musik, tiefgehende Texte - ein Gesamtkunstwerk." Dabei war der "Tiger" vor den Auftritten offenbar ein Horror. Stets habe er was vergessen, das Lampenfieber machte ihn extrem nervös. Während der Auftritte hatte Görl seine Mühe, mit den abrupten Takt- und Tonartwechseln mitzuhalten. Im Verlauf seiner Krankheit sei es noch chaotischer geworden, einige Textpassagen fielen dem Musiker nicht mehr ein. "Viele im Publikum dachten aber, das gehört zur Show", so Görl.

Gilching Filmstation, Präsentation Errinerungen an Tiger Willi

Wozu proben? Thies Marsen einst mit dem Tiger Willi auf.

(Foto: Georgine Treybal)

Zum 50. Geburtstag von Anselm Bilgri, dem ehemaligen Cellerar des Klosters Andechs, trat der Tiger Willi im Florianstadl auf. Bilgris Vater war ebenfalls ein Metzger gewesen, der mit dem Schlachten nicht zurechtkam, das verband. "Er war eine Marke", urteilte Bilgri über den Musiker, doch der Song "Der Arsch von der Frau Barsch" habe einige Gäste konsterniert.

Natürlich gab es auch Musik. Claus Angerbauer packte im Kinosaal seine Reibeisenstimme aus und spielte Blues. Er hatte beim kongenialen Gitarristen Bonzo, der später mit dem Tiger Willi aufgetreten war, Gitarrenstunden genommen. Der Liedermacher "Der Weiherer" war der Youngster in der Runde. Er erinnerte sich daran, dass der Tiger Willi den Erfolg seiner Konzerte anhand der Besucher, die nicht aufgestanden und gegangen waren, bemessen hatte. "Glaubst Du, es lag an mir?", fragte der von Selbstzweifeln gequälte Musiker. Zuletzt berichtete die Künstlerin und Philosphin Gisela Forster über ihre Beziehung zum Tiger Willi. Die beiden verband die große Liebe zur Philosophie. Vor allem über Schopenhauer habe der Willi gerne diskutiert. "Er war ordentlich und ein unendlich attraktiver Mann", sagte sie.

© SZ vom 13.10.2020
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