Gilching:Tieftrauriges Sehnen voller Leidenschaft

Gilching RH, Konzert

Extrem gefordert vor allem im Zusammenspiel: Violinistin Elisabeth Urban, Theresa Meier am Klavier und Hornist Sebastian Krause.

(Foto: Georgine Treybal)

Das Grassauer Horntrio beglückt den Kulturkreis Gilching mit einem Konzert im Rathaussaal

Von Reinhard Palmer, Gilching

Lange hat das Ensemble auf den Auftritt für den Kulturkreis Gilching - sicherheitshalber im Rathaussaal - warten müssen. Das tut im Bühnenfach nie gut. Aber die Sorge der Verantwortlichen um Corona-Maßnahmen galt hierzulande in erster Linie Clubs für die Massen, mit denen gesittete Bühnenkünste, von denen mit disziplinierten Maßnahmen keine Ansteckungsgefahr ausgeht, in einen Topf geworfen wurden. Fatal für die Künstler, die sich jetzt nach monatelanger Abstinenz nur mühsam auf die Bühne zurück ringen. Und es geht nicht ums Können, sind doch die drei Musiker des Grassauer Horntrios längst Routiniers ihrer Fächer.

Elisabeth Urban (Violine), Sebastian Krause (Horn) und Theresa Meier (Klavier), unter anderem gemeinsam an der Musikschule Grassau (Chiemgau) tätig, sind wegen der heterogenen Besetzung vor allem im Zusammenspiel extrem gefordert. Es geht hier um sensible Feinheiten, die in jahrelangem Nachspüren und Austarieren überhaupt erst möglich sind. Dafür muss man oft und kontinuierlich konzertieren. Die leichtsinnig verursachten Schäden an Kunst und Kultur kann man nicht genug anprangern. "Amazing Grace" (Erstaunliche Gnade) mit Alphorn als Zugabe war hier wohl in diesem Kontext zu deuten.

Charles Koechlins "Quatre petites piéces pour piano, violon et cor" zeigte sich dahingehend nicht gar so problematisch. Das lag vor allem an der Anlage des Werkes. Die vier geradezu aphoristisch kurzen Stücke sind typisch für den Stil des französischen Komponisten. Gekennzeichnet ist er von einer Klarheit der kompositorischen Satzes, der zwar schönmusikalisch austariert ist, sich aber auch auf keine größeren Abenteuer in den Harmonien einlässt.

Die Rollenteilung ist ausgeprägt: Im Trio gibt es ein Duo mit erster und zweiter Stimme sowie begleitendes Klavier. Eine Disposition, die sich nur im vierten Stück, dem Scherzando, zu einem Trio mit gleichberechtigten Instrumenten durchringt und von Meier sogleich detailfreudig ausgekostet wurde. Dass dieses spritzig leichte Stück kein euphorisches Finale ist und mit klangschönen Piano-Effekten arbeitet, verriet einen gewissen Reifungsprozess des Komponisten. Zuvor konnten Urban und Krause in Melodien schwelgen, die bisweilen ins Impressionistische changierten, doch eher Gesang als Atmosphäre waren. Es verwundert nicht, dass Koechlin gerne Filmmusiken schrieb. Mit dem sprechenden Musizieren war das Grassauer Horntrio in der Interpretation sicher konform mit der Intention des Komponisten.

Brahms machte es den Musikern schwerer, nicht nur mit einem weit anspruchsvolleren musikalischen Text. Dass Brahms die Feinheiten des Hornspiels selbst beherrschte und ursprünglich für das klangfarblich changierende Naturhorn komponierte, macht das atmosphärische Stück extrem knifflig. Brahms bezeugte den Ursprung des Werkes in einem Naturerlebnis beim Waldspaziergang bei Baden-Baden. Diese Information in den Erläuterungen der Musiker war fürs Hören hilfreich. Dann verstand man die diffuse Einleitung als eine atmosphärische Klangmalerei, mit der Brahms schon weit vorausschaute.

Das Grassauer Horntrio traute sich nicht ganz, einzig den Empfindungen zu folgen, und fühlte sich dann hörbar sicherer in den betörend schönen Melodien des damals erst 32-jährigen Komponisten. Das jugendliche Schwärmen im Zugriff war sicher nicht falsch, auch wenn das Werk eher unter dem Eindruck des Todes der Mutter entstand als heiterer Gedanken. Schon im forschen Scherzo überraschte das Grassauer Trio mit tieftraurigem Sehnen voller Leidenschaft. Gerade das unvermittelte Ausbrechen von Emotionen macht das Werk zu einer ungewöhnlich persönlichen Äußerung des sonst so zurückhaltenden Brahms'. Im gravitätischen Adagio legten die Musiker noch etwas Intimität nach und deckten immer mehr Farbnuancen auf. Das spritzig-leichte Finale mit den typischen Hornsignalen litt etwas unter Textunsicherheit, bescherte dennoch ein Fest von Farben und empfindsamen Nuancen.

© SZ vom 19.07.2021
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