"Frauen helfen Frauen" Raus aus der Tabu-Ecke

Hahn im Korb: Vize-Landrat Tim Weidner mit den (von links) "Frauen helfen Frauen" Ursel Wrede, Liesel Baumann, Claudia Sroka und Cordula Trapp.

(Foto: Arlet Ulfers)

Anfangs treffen sie sich in einer umgebauten Garage, heute haben sie eigene Beratungsräume: Der Verein "Frauen helfen Frauen Starnberg" wird 30 und ist Anlaufstelle für mehr als 100 Ratsuchende pro Jahr

Von Christine Setzwein, Herrsching

Viele Jahre lang sind sie belächelt worden, galten als Emanzen und als lästig, mussten um jede Mark Zuschuss betteln. Aufgehalten hat das die Frauen, die im März 1989 den Verein "Frauen helfen Frauen Starnberg" gegründet haben, nicht. Heute, 30 Jahre später, sind zwei hauptamtliche Sozialpädagoginnen in Teilzeit beschäftigt, die pro Jahr um die 100 Frauen, die häusliche oder sexualisierte Gewalt erfahren haben, beraten und begleiten. Am Donnerstag wurde das Jubiläum im Kurparkschlösschen gefeiert.

25 Frauen hatten sich damals regelmäßig im KommHer in Herrsching getroffen und dabei festgestellt, dass viele von ihnen auch privat Erfahrungen mit häuslicher und sexueller Gewalt in ihrer engeren oder weiteren Nachbarschaft gemacht haben. "Da stand auch schon mal ein Ehemann mit dem Jagdgewehr vor der Haustür, um die Rückkehr von Frau und Kind zu erzwingen", erinnerte sich Christel Schief. In ihrer umgebauten Garage wurde schließlich der Frauennotruf gegründet. Ehrenamtlich und nur auf Spendenbasis arbeiteten zehn Frauen abwechselnd in der Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft.

Am 2. März 1998 kam der Wendepunkt. In der Kreistagssitzung taten sich alle Kreisrätinnen parteiübergreifend zusammen und unterstützten den ÖDP-Antrag auf einen jährlichen Zuschuss für den Frauenhilfeverein in Höhe von 25 000 Mark - gegen den Widerstand der CSU. An den Zusammenschluss der Kreisrätinnen erinnert sich Sophie von Wiedersperg, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. "Leider", bedauert sie, "war das einmalig." Seitdem wird der Verein vom Landkreis und auch vom Sozialministerium gefördert und hat sich zu einer kompetenten und qualifizierten Anlaufstelle für Frauen entwickelt.

2018 haben sich 110 Frauen an die Fachberatung, die ihren Sitz in der Herrschinger Mühlfeldstraße hat, gewendet. Psychische Gewalt war fast doppelt so häufig der Beratungsanlass als körperliche Gewalt. "Seelische Gewalt wirkt sich besonders schädigend auf die Frauen und deren Kinder aus. Gewalt geht immer mit Macht und Kontrolle einher. Frauen werden von ihren Partnern kontrolliert, beleidigt, beschimpft, gedemütigt, manipuliert und bedroht. Diese Art der Gewalt zerstört die Integrität der Frau und ist für Außenstehende oft schwer zu erkennen", sagt Geschäftsführerin Cordula Trapp. In 42 Fällen haben die Klientinnen sexualisierte Gewalt in der Kindheit und Jugend erlebt und die Beratungsstelle kontaktiert, doppelt so oft wie im Jahr zuvor. "Sexualisierte Gewalterfahrungen prägen die Frauen teilweise sehr und beeinflussen bis heute stark ihre Lebensführung. Oft dauert es Jahre, bis Betroffene den Mut finden, sich Unterstützung zu holen", betont die Fachberaterin Claudia Sroka.

Eine der größten Leistungen des Frauenvereins ist für Wiedersperg, dass er das Thema häusliche und sexualisierte Gewalt aus der Tabuecke in die Öffentlichkeit geholt habe. Sehr hilfreich für die Arbeit sei das neue Gewaltschutzgesetz, mit dem rabiaten Partnern Platzverweise ausgesprochen werden können. "So können die Frau und die Kinder oft in der Wohnung bleiben." Ein eigenes Frauenhaus hat der Landkreis Starnberg nicht, unterstützt aber mit den Kreisen Garmisch-Partenkirchen und Weilheim-Schongau das Frauenhaus in Murnau. Dafür haben die Starnberger einen Frauennotruf, die anderen nicht.

Sehr froh ist die Gleichstellungsbeauftragte, dass sie in Landrat Karl Roth einen Mitstreiter gegen Gewalt an Frauen hat. "Er hat keine Angst vor dem Thema", sagt sie. Als ehemaliger Kripobeamter seien ihm diese Probleme nicht fremd. Darum gibt es in Starnberg auch einen Runden Tisch gegen häusliche Gewalt.