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Festival:Bäriger Auftakt

St. Ottilien Ammerseerenade Eröffnungskonzert Kammerphilharmonie St. Petersburg

Rundumschlag: Die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg, hier mit Geigerin Milena Wilke.

(Foto: Nila Thiel)

Die 4. Ammerseerenade beginnt mit einem kühn gemischten Programm, für den Höhepunkt sorgt Geigerin Milena Welke

Die 4. Ammerseerenade ist offiziell eröffnet. Und dies gleich mit doppeltem Segen: Für den geistlichen sorgte in der Rolle des Gastgebers St. Ottiliens Prior Pater Timotheus Bosch, während Thomas Goppe, der Präsident des Bayerischen Musikrats, in der Klosterkirche Herz-Jesu der Erzabtei die weltliche Begrüßungsrede mit gewohntem Elan aus dem Ärmel schüttelte. Die Führung durchs Programm übernahm BR-Klassik-Moderator Maximilian Maier gewandt. Er vermochte es dennoch nicht, im Repertoire des Abends einen durchgehenden roten Faden zu finden.

Den 100. Jahrestag der Unabhängigkeit Finnlands von Russland mit Werken des vor 60 Jahren gestorbenen Jean Sibelius in St. Ottilien zu begehen, war ein origineller Ansatz, zudem vielleicht auch mit einer politischen Nuance. Denn wie in den vergangenen Jahren war für die Ausführung die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg unter der Leitung von Juri Gilbo zuständig. Eine Konstellation, die vor allem in Hinsicht auf die Mentalität ein stimmiges Bild ergab, liegt doch die russische Metropole Helsinki am Finnischen Meerbusen und ist nur einen Bärensprung von der finnischen Grenze entfernt. Die nordisch-elegische Atmosphäre, die das impulsiv und fulminant formende Orchester vom ersten Ton des "Valse triste" von Sibelius ausbreitete, verdeutlichte die Verinnerlichung dieses Zugriffs. Die Weite der musikalischen Entwicklung im Ohr, ging es mit großen, gedehnten Gesten auf eine bilderreiche Reise, hatte doch der Komponist den Konzertwalzer zum Schauspiel "Kuolema" (Der Tod) von Arvid Järnefeld geschrieben.

Die Verwandtschaft mit Tschaikowsky zeigte sich in einem "Melodrama" aus "Schneeflöckchen" op. 12 des Russen, das sentimental dahinfloss und mit melancholischer Melodik verzauberte. Diesen Programmblock sowie das Konzert mit "Maamme", der finnischen Nationalhymne, zu beschließen, passte insofern in die Dramaturgie, als sie das Echo-Ensemble vortrug, ein Männerquartett ehemaliger Mitglieder des Dresdner Kreuzchores. Das Vokalensemble hatte das Konzert fulminant mit Händels Messias-Halleluja begonnen, doch das Ende kam auf leisen Sohlen daher. Das brachte zwar den Vorteil, die Klangschönheit des Quartetts in reiner Form zu erleben, nachdem der warme Klang der Männerstimmen im Halleluja in der Orchesterfülle akustisch untergegangen war. Erst in der lyrischen Feierlichkeit des "Caro mio ben" von Giuseppe Giordano konnte sich das Echo-Ensemble in farbiger Balance exponieren. Aber die Rücknahme im finnischen Finale entzog der Konzertdramaturgie die nachhaltige Wirkung, bzw. lenkte sie in die leisen, farbenreichen, weniger spektakulären Töne.

In welcher Beziehung nun Händel, Giordano und die zwei Hauptwerke des Abends von Mozart und Haydn in Beziehung zur nordischen Musik zu sehen waren, blieb unbeantwortet. Vielleicht stand Haydns Symphonie Nr. 82 mit dem Beinamen "Der Bär" als Metapher für den russischen Bären, von dem sich Finnland befreite. Die Russische Kammerphilharmonie jedenfalls ließ sich von Gilbo zu klaren Charakterausprägungen hinführen, die das Werk in Spannung halten. Zwischen heiter ausgelassen, galant schmeichelnd und erregt dramatisch changierte das Orchester in weitem Spannungsbogen. Das vergnügte Tänzchen im zweiten Satz verzauberte besonders, blieb aber mit seinem pochenden Einschub auch nicht harmlos. Im Schlusssatz begeisterte vor allem der musikantische Ansatz mit dem bärigen Bordunbass.

Der Höhepunkt des Konzerts gehörte zweifelsohne Mozarts Violinkonzert Nr. 5 A-Dur, vor allem wegen der Solistin Milena Wilke, die derzeit noch in der Klasse von Ingolf Turban studiert. Der Auftritt zeigte die große Reife der 21-Jährigen, die mit weit gezogenen Linien zumindest einen musikalischen Kontext zum elegischen Ansatz der nordischen Werke herstellte. Die leidenschaftliche Kammerphilharmonie vermochte nicht, sie von der manchmal allzu poetischen Spielweise abzubringen, was sich allerdings im lyrischen Mittelsatz entsprechend gewinnbringend auswirkte. Wilke ging aber auch auf die deutlichen Verdichtungen des Orchesters ein und verlieh diesen Passagen große Spannung. Ihren gepflegten Ton behielt sie trotz reicher Differenzierung und hochemotionaler Kadenzen durchgehend bei. So strahlte er frisch im Kopfsatz, sang galant und beschwingt, um schließlich mit Heiterkeit auch zur Leidenschaft, ja zum feurigen Temperament im Schluss-Rondeau zu finden. Zugaben blieben nach frenetischen Ovationen nicht aus.

© SZ vom 29.08.2017
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