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Feldafing:Die Namen der Rosen

Die Stämmchen und Sträucher im historischen Garten auf der Roseninsel sind teilweise falsch ausgezeichnet. Jetzt wurden sie neu kartiert

Von Carolin Fries

Noch hat sie einen falschen Namen, die dunkelrosafarbene Schönheit am Stämmchen. "Tuscany Superb" beschreibt ein kleines Schild vor dem Wurzelstock die Rosa gallica im ellipsenhaft angelegten Rondell auf der Roseninsel im Starnberger See. Dabei ist es eine "Cardinal de Richelieu". Für den Laien mag das keinen Unterschied machen, die Rose blüht und duftet inmitten lilafarbener Katzenminze. Doch der Rosengarten inmitten des Sees hat den Anspruch, möglichst viele historische Arten und Sorten aus der ersten Anpflanzung des 19. Jahrhunderts zu versammeln - und diese korrekt auszuzeichnen. Ein Jahr lang hat darum die Rosenexpertin Maria Theresia Riedl aus Egmating im Landkreis Ebersberg zusammen mit der Insel-Gärtnerin Renate Eller die einzelnen Stämme und Sträucher überprüft. Ende Juli wird Riedl der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung ihren Abschlussbericht vorlegen. Das Ergebnis: Etwa 40 bis 50 der insgesamt 600 Rosen auf der Insel erweckten ihre besondere Aufmerksamkeit und wurden teilweise neu bestimmt. Fünf Rambler-Rosen, die den Pavillon beranken, konnte selbst Riedl bislang nicht eindeutig zuordnen. Die Rosenliebhaberin wird also wiederkommen.

Dreimal hat sie die Insel im vergangenen Jahr besucht, dreimal heuer. Mit Fotoapparat, Block, Stift und Lageplan wandelte sie über die Kieswege, von einer Rose zur anderen. Im Frühjahr betrachtete sie Pflanzenbau und Knospenansatz, im Sommer die Form der Blüte, die einzelnen Blätter. Sie zog den Duft ein und besprach mit Renate Eller die Entwicklung der Pflanzen. Sie erkundigte sich, wie die Rose in der Sonne reagiert, wie sich die Blüte entwickelt hat, welche Vorlieben sie habe. Und Renate Eller, die resolute 55-Jährige, die eine Mischung aus Oberpfälzer und Südtiroler Dialekt spricht, gab bereitwillig Auskunft. Zuhause in Lindach bei Egmating wälzte Riedl schließlich ihre Bücher, versuchte letzte Zweifel auszuräumen, gegebenenfalls mit einem Spaziergang durch den eigenen Garten. Etwa 350 verschiedene Rosen hat sie hier versammelt, ihre Leidenschaft gilt den historischen Sorten. Zu jenen zählt man selbige, die vor 1867 gezüchtet wurden, spätere Sorten fallen in die Kategorie Moderne Rosen. Auf der Roseninsel ist das älteste Stämmchen eine Rosa alba "Maxima" aus dem Jahr 1450, die jüngsten Rosen stammen etwa von 1920. Was sofort auffällt: Es gibt keine roten Rosen auf der Roseninsel und auch keine gelben, die historischen Arten blühen von weiß über rosa und pink bis dunkellila. Und: Wer es sich einst leisten konnte, zog die Rosen am Stamm: So musste man sich nicht bücken, um sich an den prachtvollen Blüten und dem zauberhaften Duft ergötzen zu können.

1867

Wenn es um Rosen geht, dann beschreibt das Jahr 1867 eine Zeitenwende. Alle Sorten, die es bis dato gab, bezeichnet man heute als historisch, spätere Züchtungen fallen in die Kategorie Moderne Rosen. Auf der Roseninsel ist das älteste Stämmchen eine Rosa alba "Maxima" aus dem Jahr 1450, die jüngsten Rosen stammen etwa aus dem Jahr 1920. Während historische Rosen ausschließlich von weiß über rosa und pink bis dunkellila blühen, gibt es moderne Züchtungeninzwischen auch in blau und schwarz.

Renate Eller beginnt jeden Morgen um 6.15 Uhr mit der Pflege des Gartens. Sie putzt die Rosen aus, schneidet bei Bedarf zu, pflegt kranke oder nicht wuchsfreudige Pflanzen, bringt organischen Dünger aus. Wässern muss die gelernte Zierpflanzenbauerin kaum, Rosen sind Tiefwurzler. "Ich will, dass sie es eigentlich alleine schaffen." Und wie sie es schaffen: Seit Wochen stehen die Rosen in voller Blüte und verströmen einen betörenden Duft, der Besuchern bis zum Anlegesteg hinüberweht. In erhabener Stille scheinen sie ihre stachelige Überlegenheit über die gewöhnlichen Wald- und Wiesenblüher zu feiern. Das heißt: Still ist es gar nicht. Bienen, Hummeln und sonstiges geflügeltes Getier applaudiert mit einem lauten Brummen. Es ist ein von Menschenhand arrangiertes Fest der Natur, welchem in den Sommermonaten zahlreiche Besucher beiwohnen.

König Maximilian II. erwarb die Insel 1850 von einem Fischer zur Errichtung eines abgeschiedenen Gartens zum privaten Vergnügen. Franz Jakob Kreuter plante die Inselvilla "Casino", Peter Joseph Lenné bettete diese später in geometrisch verlaufene Gartenpartien ein. 360 Hochstammrosen und 1000 Centifolien verströmten hier einst ihren Duft, inmitten des Rondells stand zum Zeichen der bayerisch-preußischen Freundschaft eine weiß-blaue Glassäule, ein Geschenk des preußischen Königs an seine Cousine, die Gattin Maximilians. Kaiserin Elisabeth "Sisi" von Österreich und König Ludwig II. trafen sich hier oder hinterließen sich Nachrichten, es muss ein kleines Paradies gewesen sein. Mit dem Tod Ludwigs II. endete die Blütezeit schließlich. In den Jahren 1899 bis 1912 wurden zwar die Rosenpflanzungen noch einmal erneuert, konnten aber in den Wirren der Weltkriege kaum mehr erhalten werden. 1970 schließlich hat der Freistaat Bayern die Insel aus dem Wittelsbacher Ausgleichsfond erworben. Das "Casino" war verfallen, der Garten verwildert. Seit 1997 wird intensiv an der Wiederherstellung der Roseninsel gearbeitet, seit 2003 ist sie der Öffentlichkeit zugänglich.

Die meisten Rosen wurden von bekannten Gärtnereien und Rosenschulen bezogen, 245 Hochstämmchen sind es inzwischen. Beharrlich arbeitet Renate Eller daran, immer neue historische Rosen zu erwerben, doch immer wieder laufen ihre Bestellungen ins Leere: "Dann gibt es die Rose nicht mehr." Und Maria Theresia Riedl kann dann keine Geschichte mehr erzählen, wie beispielsweise die der Bourbonrose "Souvenir de Malmaison", die der Zar Alexander von Napoleons Gattin, Kaiserin Josephine, als Erinnerung an seinen Besuch auf dem Schloss bekommen haben soll. Auch Napoleon selbst ist eine Sorte gewidmet, genauer gesagt, seinem Hut: Die "Chapeau de Napoleon" - wegen der Form ihrer Kelchblätter. Für Riedl gehört auch die empfindliche "Honorine de Brabant" zu den Besonderheiten, die nur wenige ihrer ganz fein weiß-lila gestreiften Blüten zeigt. "Die muss man erst einmal so hinbekommen." Grundsätzlich seien historische Rosen zwar robust - doch manchmal anfälliger für Krankheiten. Zu den außergewöhnlichen Sorten auf der Insel zählt zudem die grüne Rose "Viridiflora" aus dem Jahr 1855, wenngleich sie auch recht unscheinbar daherkommt mit ihren aufgeklappten Kelchblättern, wie auch Riedl zugeben muss.

Die Heilpraktikerin hat sich ihr Wissen in mehr als 30 Jahren zusammengetragen. Schlüsselerlebnis war ein Vortrag über ätherische Öle, der Duft von Rosenöl begleitet seither ihr Leben. Sie besuchte Rosenschulen und Vorträge, besondere Gärten und deckte sich mit Literatur ein. Ihre Lieblingsrose ist die Damascena-Rose "Ispahan". Auf der Roseninsel scheint es, als würde die 58-Jährige dauerlächeln. Daheim sei der Garten heuer liegen geblieben, dafür habe sie einen neuen entdeckt. Zu ihrem letzten Besuch im Rahmen des Kartierungsprojekt hat sie eine seltene Tannenrose (Rosa abientina) mitgebracht, eine Wildrose für einen schattigen Platz. Dann schwärmt sie voller Bewunderung von der Anspruchslosigkeit dieser Pflanzen und ihrem Durchhaltevermögen, den Blick auf eine eher kleine "Prince Noir" aus dem Jahr 1854 gerichtet, die die Besucher direkt am Landesteg in Empfang nimmt. Regelmäßig überflutet, von einer mächtigen Weide bedrängt, präsentiert die Remontant-Rose stolz eine Blüte, die ihrer Art in Form und Farbe alle Ehre macht.

© SZ vom 01.07.2017
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