Dießen "Krieg im Frieden"

Barbara Manns fürchtet die patriarchalen Strukturen, die Flüchtlinge in unsere Welt mitbringen. Vor allem das Thema Ehrenmord beschäftigt die Uttinger Künstlerin sehr. In einem Bilder-Zyklus stellt sie die Grausamkeiten dar

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Dießen

Als die Uttinger Künstlerin Barbara Manns vor zwei Jahren las, dass weltweit jedes Jahr 5000 Frauen im Namen der Ehre erschossen, erdrosselt, erschlagen oder mit Säure übergossen werden, war sie schockiert. Besonders als sie hörte, dass dies nur die Ehrenmorde sind, die angezeigt wurden, dass die tatsächliche Zahl aber mit rund 100 000 weitaus höher liegt. Ihre Betroffenheit und Trauer hat sie in einem Bilderzyklus umgesetzt.

Fünf Leinwände stehen für die offiziellen 5000 Ehrenmorde. Auf jedem Bild sind jeweils zwei Gestalten zu sehen, die dieser rohen Gewalt, diesen privaten Hinrichtungen ausgeliefert sind, mit der die Familienehre wieder hergestellt werden soll. Jede der zehn Figuren steht für 10 000 Opfer. Zusammen ergeben sie 100 000. Die Gestalten sind umgeben von Blitzen, Pistolen oder Messern in grellem Orange-Rot. Der Bilderzyklus "Ehrenmord: Krieg und Frieden" bildet einen tief berührenden Mittelpunkt der Ausstellung "Emannsen", die bis zum 11. Oktober im Taubenturm Dießen zu sehen ist.

Der Bilder-Zyklus ist eines von Manns aktuellsten Werken. Sie hat ihn im Sommer geschaffen, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik. "In Zukunft werden wir viele Nachbarn haben, die nicht nur durch reales Kriegsgeschehen traumatisiert sind, sondern darüber hinaus aus einer Kultur stammen, die noch zutiefst patriarchale Strukturen hat und menschenverachtende Regeln, die wir bereits überwunden haben oder dabei sind zu überwinden", schreibt die Künstlerin in ihrer Erklärung zum Thema Ehrenmord.

Für sie sind Ehrenmorde "Krieg im Frieden". Diesem hierarchischen Familienbild seien besonders Mädchen und Frauen in meist islamisch geprägten Kulturen ausgeliefert. Doch auch über den Männern hängt das Damoklesschwert der Bestrafung oder Hinrichtung, etwa wenn sie homosexuell veranlagt sind. "Die Zahl hat mich umgehauen, vor allem, weil die Morde so nahe rücken", erklärt die Künstlerin. Sie hat weiter recherchiert und festgestellt, dass es in den vergangenen zehn Jahren alleine in Deutschland 250 Ehrenmorde oder Mordversuche gab. Die 250 Betroffenen hat sie zusammen mit ihrer jeweiligen Geschichte auf einer Gedenksäule dokumentiert.

Doch Manns hat sich nicht nur mit der Darstellung der vermeintlichen Schande befasst, wenn Frauen sich nicht unterordnen in einer von Männern dominierten Welt. Ihr Anliegen ist die Rolle der Frau in der Gesellschaft ganz allgemein. Der Titel der Ausstellung "Emannsen", ein Wortspiel, das die Kunsthistorikerin Birgit Kremer auf der Vernissage am Freitag folgendermaßen erläuterte: Er enthält sowohl das negativ besetzte Wort "Emanze", als auch "Mann", die andere Hälfte eines Paares und natürlich den Nachnamen der Künstlerin. Ein klares Signal: Manns mischt sich ein. Sie übt mit ihren Bildern Gesellschaftskritik und stellt dies mit drastischer, großflächiger Deutlichkeit dar.

Ein Bild mit dem kryptischen Titel "Verbogene IV 1/10 mit Silber".

(Foto: Franz X. Fuchs)

Wie die Studie "Sitzungen" zeigt, ist sie zudem eine sehr gute Beobachterin. Männer und Frauen sind auf dem Bilder in verschiedenen Sitzstellungen zu sehen. Während sich die Männer selbstbewusst hinfläzen, machen sich die weiblichen Gestalten klein und sind in sich verdreht. "Nicht umsonst ist Magersucht eine weibliche Krankheit", kommentierte Kremer die Studie.

Manns kann ihren Beruf als Werbeassistentin und Grafikerin nicht verleugnen. Die Ideen für ihre Bilder hat sie meist kurz vor dem Einschlafen. Ihre Kritik drückt sie in radikaler Farbsprache aus, wie in dem Bild "Kinderspiel", in dem sie sich mit den blutspritzenden Ego-Shooter-Spielen befasst. In ihren Collagen stellt sie Frauen als Stückwerk und in sich zerrissen dar. Dann wieder ist die Künstlerin weich, zart und poetisch, wie bei ihren Linolschnitten. Die gelernte Buchhändlerin aus Bad Hersfeld ist Autodidaktin. Nach einer Phase der Fotografie widmete sie sich der Malerei. In letzter Zeit liegen ihre Schwerpunkte auf Papiercollagen und Linolschnitten. Manns kam vor neun Jahren nach Utting und betreibt dort seit vier Jahren eine Galerie.