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Brahmstage in Tutzing:Vom Wesen eines großen Komponisten

Tutzing:  Brahmstage

Einfühlsam nähern sich in Tutzing Esther Schöpf und Norbert Groh auf musikalische Weise dem Menschen und Komponisten Johannes Brahms.

(Foto: Nila Thiel)

In einem Gesprächskonzert mit Esther Schöpf und Norbert Groh erfahren die Zuhörer viel über Johannes Brahms

Von Reinhard Palmer, Tutzing

Brahms war mit den Schumanns und mit dem legendären Geiger Joseph Joachim befreundet, das wissen die meisten Klassikfreunde auf Anhieb. Beim biografischen Konzert "Unterwegs mit Johannes Brahms - Eine musikalische Brahms-Reise auf den Spuren seines Lebenswegs" bei den Tutzinger Brahmstagen sollte aber weit mehr zur Sprache kommen. Jedenfalls haben Esther Schöpf (Violine) und Norbert Groh (Klavier, Akkordeon) viel tiefer im Leben des Komponisten gewühlt, um ihn in der Aula des Gymnasiums Tutzing auch als Menschen greifbarer zu machen, mit Projektionen illustriert von Stephan Reiss.

Die Reise begann überraschend mit "La Gamba" aus dem 16. Jahrhundert, bei dem Groh - wie zum Schluss bei Johann Strauß - höfisch galant in der Begleitung für ein besonderes Klangbild das Akkordeon bemühte. Was Brahms mit der Renaissance zu tun hatte, erfuhr das Publikum aus dem Zitat des Schweizer Schriftstellers Joseph Victor Widmann: Brahms habe "sein eigenes künstlerisches Wesen in der italienischen Renaissance gefunden". Widmann begleitete den gereiften Brahms auf Italienreisen, kann daher als glaubhafter Zeuge gelten. Bei den Schumanns, als Brahms sie mit musikalischen Besuchen verzückte, wie Robert an Brahms' Vater schrieb, war dies allerdings wohl kein Thema mehr. Werke, die in dieser Zeit entstanden, waren bei Robert Schumann schon von dessen psychischer Krankheit überschattet. Mit drängender Leidenschaft, doch auch insbesondere im Violinpart Schöpfs empfindsam nahm sich das Duo des Abends den Kopfsatz aus dessen a-Moll-Sonate op. 105 vor. Unterschwellig aufgewühlt, steckte viel Emotion im wogend-melodiösen Thema. Für die mehr als nur eine freundschaftliche Beziehung zu Clara Schumann stand hier deren Romanze Des-Dur op. 22/1, die zu ihren letzten Werken gehörte, bevor mit Roberts Tod ihre Feder verstummte. Etwa 25 Jahre später, als Brahms längst seine Briefe mit "Herzliebste Clara" begann, entstand seine Rhapsodie h-Moll op. 79/1 für Klavier. Eine gute Wahl, präsentierte doch Groh darin das ganze Spektrum an Ausdruck, spieltechnischer Finessen und musikalischer Eingebungskraft des reifen Brahms. Vom lyrischen Sinnieren bis zu kraftvoller Virtuosität bewies Groh die nötige Wendigkeit, diese überbordende Materie unter einem stimmigen Bogen zu bändigen. Ein Reichtum, der später auch das Scherzo der F.A.E.-Sonate zu Ehren Joachims für Violine und Klavier prägen sollte. Hier konnten Schöpf und Groh die Zügel lockern und mit großer Musizierlust nicht nur lyrisch schwärmen, sondern auch im Finale triumphale Größe entfachen.

Für Brahms' generöse Ader stand im Programm Dvořák, der ohne den acht Jahre älteren Protegé wohl kläglich untergegangen wäre. Sanft und empfindsam, formten Schöpf und Groh das erste der "Romantischen Stücke" B-Dur op. 75/1. Dass sich der alternde Brahms für die Walzerkünste von Johann Strauß 'Sohn begeistern konnte, spricht für seine der Tradition zugewandte Haltung. Strauß war gewiss ein kenntnisreicher Komponist, der mit überaus originellen Einfällen glänzte. Brahms schwärmte vor allem von seinen guten Orchestrationen, die bis heute auch geschätzt werden. Brahms' Antipode in der musikalischen Auffassung, der rebellische Wagner, konnte indes der Tanzseligkeit des Wieners wenig abgewinnen. Sein "Liebestod" (beziehungsweise. "Isoldes Verklärung") aus "Tristan und Isolde" führte mit der inneren Kraft, die Schöpf und Groh in der Bearbeitung des Pianisten selbst im Duo noch monumental erscheinen lassen, den Unterschied in den Auffassungen vor Ohren. Dass Brahms nicht zur kämpferischen Avantgarde gehörte, schmälert sein Werk dennoch keinesfalls. Im Gegenteil: Wer möchte schon etwa seine ungarischen Tänze vermissen? Der leidenschaftlich-schmissige "Karpati Vizhangok Czardas" von Béla Kéler erinnerte an die modische Erscheinung im Wien des 19. Jahrhunderts - und gab Schöpf und Groh Gelegenheit, aus dem Bauch heraus dem Temperament freien Lauf zu lassen. Insgesamt erhellend und unterhaltsam. Und mit der berührenden Zugabe, dem Adagio aus Brahms'' d-Moll-Sonate op. 108, überaus erbauend.

© SZ vom 26.10.2020

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