bedeckt München 26°

Berg:Das Gefühl der Sicherheit geht verloren

Inspektionsleiter Bernd Matuschek (links) und Bayerns Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer nutzen den Abend in Berg zum Erfahrungsaustausch.

(Foto: Arlet Ulfers)

Viele Einbrüche machen der Polizei zu schaffen. Die Zahl der Delikte nimmt massiv zu, berichtet der Starnberger Inspektionsleiter

"Das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger hat sich in den letzten zwei Jahren massiv verschlechtert", sagt Wilhelm Schmidbauer. Fragen zur Sicherheitslage, die der Bayerische Polizeipräsident zu Beginn seiner Amtszeit vor drei Jahren in wenigen Minuten beantwortet hätte, stellen sich heute wesentlich komplizierter da. Schuld daran sind die steigende Zahl von Wohnungseinbrüchen und Cyberkriminalität ebenso wie die Folgen der Flüchtlingswelle und politische Gewalt. Auch mit der 96. Veranstaltung in der Gesprächsreihe unter dem Motto "Bergspektiven" trifft Veranstalter Christian Kalinke den Nerv der Zeit. Bereits vor einem Jahr hatte er Bayerns obersten Polizisten zum Thema "Da braut sich etwas zusammen" eingeladen. Dass sich seine Aktualität nach den Anschlägen von Ansbach, Würzburg und Berlin sowie dem Amoklauf in München noch verschärfen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen. Und so kamen am Donnerstagabend die Zuhörer wieder in Scharen ins Hotel Schloss Berg.

Als lokalen Referenten hatte Kalinke den Leiter der Starnberger Polizeiinspektion, Bernd Matuschek, eingeladen. Der 52-jährige Hauptkommissar erzählte von seinem Einsatz während des G7-Gipfels auf Schloss Elmau, wo er für den Schutz der Strecke vom Münchner Flughafen bis zum Tagungsort mitverantwortlich war, sowie von seinem größten Fahndungserfolg, nämlich dem Festsetzen der sogenannten Friedhofsgang, die in Germering, Gauting und Gilching am Friedhof geparkte Autos aufbrach und regelmäßig in den gestohlenen Handtaschen nicht nur Geld und Kreditkarten, sondern oft auch die dazugehörige PIN fand und zeitnah an nicht videoüberwachten Geldautomaten damit Geld abhob. Matuschek berichtete von Notrufen verzweifelter Eltern, die bei der Polizei anriefen, weil sie mit ihren zehnjährigen Sohn nicht zurecht kamen, und erläuterte, warum er während des Amoklaufs von München zu Hause bleiben konnte: "Ich hatte zu dem Zeitpunkt eigentlich Urlaub, habe dann aber auf der Dienststelle angerufen und erfahren, dass viele meiner jungen Kollegen sich bereits aus Freizeit und Urlaub zum Dienst eingefunden hatten." Mit acht Beamten und vier Streifenwagen beteiligte sich die Inspektion Starnberg an dem Großeinsatz.

Das Auditorium beschäftigte vor allem, was die Polizei gegen die steigende Zahl der Wohnungseinbrüche unternehme. Denn dass die Zahl im vergangenen Jahr um über 50 Prozent gestiegen ist, musste Matuschek bestätigen. "Die Einbrecher betreiben ihr Metier mittlerweile berufsmäßig", erzählt er. Dennoch konnte die Polizei eine Bande festnehmen, deren Mitglieder mit Diebesgut aus Berg nur drei Stunden nach dem Einbruch kurz vor der tschechischen Grenze bei Waidhaus von Schleierfahndern auf der Autobahn kontrolliert wurden.

"Rufen Sie uns an, wenn Ihnen etwas auffällt" fordert Matuschek die Zuhörer auf. Wenn die Alarmanlage des Nachbarn länger läuft, wenn ein verdächtiges Auto in der Straße parkt. "Und erschweren Sie es den Einbrechern, hinein zu kommen." Auch Kameras und Geräte, die beispielsweise Fernseher simulieren, hält er für sinnvoll. Zivilpolizisten der Polizei fahren in der Zeit zwischen 16 und 22 Uhr Streife. Solange die Polizei aus Datenschutzgründen keine Handydaten abfragen dürfe, bleibe die Verbrecherjagd schwierig, beklagte der Inspektionsleiter. Für denkbar hält Matuschek auch die Bildung einer ehrenamtlichen Sicherheitswacht.

"Der Staat nahm bisher zu wenig Geld in die Hand, um die innere Sicherheit zu garantieren", kritisiert auch Polizeipräsident Schmidbauer. Das ändere sich gerade. "Das gesellschaftliche System wird gestützt von Ehrenamtlichen und einer hervorragend arbeitenden Verwaltung." Um die Arbeit der Polizei an die modernen Herausforderungen anzupassen, seien vor allem mehr Personal und der Abbau von rechtsstaatlichen Einschränkungen etwa bei der Telefonüberwachung oder der Anforderung der Bundeswehr in einer konkreten Gefahrenlage notwendig, sagte der Rechtswissenschaftler, dessen Vater ebenfalls schon bei der Polizei war. Der habe den Berufswunsch des Sohnes mit den Worten kommentiert: "Mei Bua, hast nix Besseres gefunden."

© SZ vom 14.01.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite