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Berg:Bauen für alle

Biberkor erweitert: In der Krippe kommen mehr Kinder unter, Montessori-Schüler sollen im Forsthaus Ebrach nahe an der Natur lernen und für Menschen mit Behinderung entsteht ein Wohnprojekt

Von Sabine Bader, Berg

"Lernen, arbeiten, leben" - das alles sollen Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen auf Gut Biberkor. Auf dem Gelände, das Schulinitiator Werner von Kahlden-Gmell 1995 vom Orden "Schwestern von der Heiligen Familie" gekauft hat, betreibt der Montessoriverein heute eine Krippe, einen Kindergarten und eine "Schule für alle bis zum Abitur". Bald soll noch ein inklusives Arbeits- und Wohnprojekt folgen, über den Standort wird diskutiert. Zudem hat der Verein hat schon jetzt neue Betreuungsplätze geschaffen.

Kindergarten und Krippe

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Turmbau zu Biberkor: Wie gut sie das können, zeigen Ava und Sissi bei der Einweihung der Räume der Betreuerin Susanne Hartmann und den Gästen (v. li.) Sabine Sefzig,Christoph Borchardt, Melli Zech, Rupert Steigenberger, Sebastian Sefzig, Johann Dullinger und Michael Graf.

(Foto: Nila Thiel)

Statiker Jean Buschmann hat Vertrauen in seine Berechnungen, schwingt sich in die knallig bunte Röhre und rutscht ins Erdgeschoss - auch wenn diesen Weg ins Freie sonst nur die 40 Kinder des Kindergartens auf dem Gutsgelände nutzen. Der erste Stock des Gebäudes ist ausgebaut und die Kindergartenkinder sind eine Etage höher gezogen. Das Erdgeschoss gehört künftig allein den Krippenkindern. Und die haben Zuwachs bekommen. 24 Plätze sind es jetzt statt zwölf. Das tut auch Not in Berg. Denn Krippenplätze sind Mangelware. Kein Wunder, dass Bürgermeister Rupert Steigenberger bei der Eröffnung von "wertvollen Betreuungsplätzen" spricht.

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Über Aufzug, Rutsche und Treppen geht's ins Freie.

(Foto: Nila Thiel)

Für die Kinder auf Biberkor war der Umbau im laufenden Betrieb ein einziges großes Abenteuer. Jeden Morgen fachsimpelten sie mit ihren Betreuerinnen über Bagger, Schaufellader und Co. Für die Arbeiter hieß das: Krach machen ist von 12 bis 14 Uhr verboten, weil die Krippenkinder dann schlafen. Das habe gut geklappt, findet Architektin Sabine Sefzig. Sie und ihr Mann Sebastian haben den Umbau betreut und viel Zeit auf der Baustelle verbracht. Auch die Geschäftsführer und Vorstände von Montessori Biberkor, Christoph Borchardt und Johann Bullinger, sind zufrieden. Im Juni 2020 hatte man mit den Arbeiten begonnen, im Februar 2021 war alles Bauliche fertig. Nach der Abnahme von Räumen und Aufzug, konnten im April die Kinder ins 1,5 Millionen Euro teure Obergeschoss einziehen. 600 000 Euro davon trägt laut Steigenberger die Gemeinde, 652 000 Euro wird wohl der Staat zuschießen und 300 000 Euro entfallen auf den Verein selbst. Zu den stattlichen Kosten hat der Aufzug beigetragen. Er war nötig, um die Räume im Obergeschoss barrierefrei erreichbar zu machen. Derzeit gibt es im Kindergarten sechs Inklusionskinder.

Waldkindergarten

Weil sich die Betreuungssituation schnell ändern kann, ist Bergs Bürgermeister Rupert Steigenberger froh, dass er noch ein Ass im Ärmel hat und das heißt Waldkindergarten. Normalerweise sind es die Eltern, die die Initiative für das Projekt ergreifen. In Berg hatte der Geschäftsleitende Beamte Eric Fiedler die Idee, die sich in vielen Gemeinde längst etabliert hat. Laut Steigenberger sucht man gerade nach einem geeigneten Grundstück dafür.

Schule

Derzeit besuchen laut Geschäftsführer Borchardt 570 Kinder und Jugendliche die Schulen auf Biberkor. "Vor allem der Anteil an Gymnasiasten ist gestiegen, so dass das Gymnasium jetzt doppelzügig ist", sagt er. Doch wegen der Raumnot, sei die Oberstufe noch immer in Containern untergebracht - dabei sollten diese längst Geschichte sein. Jetzt will der Montessoriverein an Stelle des Rinderstalls und des Türmchenhauses Neubauten für Klassenräume errichten. Borchardt rechnet 2022 mit dem Baubeginn und 2024 mit dem Umzug der Schüler in die Räume. Danach sollten die Container abgebaut und an dieser Stelle ein Rasenspielfeld angelegt werden.

Forsthaus Ebrach

Berg: Forsthaus Falkenau

Im Forsthaus Ebrach - bekannt als "Falkenau" -startet ein "Erdkinder-Projekt".

(Foto: Nila Thiel)

Auch das Forsthaus Ebrach, in dem einst die Fernsehserie "Forsthaus Falkenau" gedreht wurde, will der Montessoriverein künftig nutzen. Eigentümer des Anwesens mitten im Wald zwischen Allmannshausen und Münsing sind die Bayerischen Staatsforsten. Man habe einen Miet-Pacht-Vertrag erarbeitet, so Borchardt. Derzeit sei eine Nutzungsänderung beantragt. Sobald sie bewilligt sei, "wollen wir mit dem Erdkinder-Projekt starten". Schüler von der achten Klasse an sollen hier gemeinsam nahe an der Natur lernen.

Inklusionsbetrieb

Menschen mit Beeinträchtigungen haben es schwer, eine Arbeit zu finden. "Gesund, inklusiv, lecker": Mit diesen drei Worten lässt sich das Vorhaben umreißen, das der Montessoriverein derzeit plant, um Arbeitsstellen für drei Menschen mit Behinderung in der Gutsküche zu schaffen. Von dort werden Kindergarten, Krippe, Schule, Akademie und Verwaltung mit Mahlzeiten versorgt. Derzeit bereiten zwei Köche und drei Hilfskräfte täglich 700 Essen zu. Die Vorstände können sich vorstellen, auch andere Schulen und Kindertagesstätten zu beliefern sowie einen Catering-Service für private Feste anzubieten. Die Küche lasse man gerade biozertifizieren, hieß es.

Wohnen

Während der Montessoriverein für die Schulprojekte verantwortlich ist, sind das geplante Mehrgenerationenhaus und das "Haus des Friedens" zwei Herzensanliegen von Schulgründer Kahlden-Gmell und seiner Ehefrau Dorothea. In dem Wohnbau, der bislang im Norden des Geländes geplant ist, sollen 25 bis 30 Menschen mit und ohne Behinderung gemeinschaftlich leben. Geplant sind Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen sowie eine Wohngemeinschaft für bis zu sieben Bewohner. Denn gerade junge Menschen mit Behinderung, die die Schule abgeschlossen haben, finden häufig weder Wohnung noch Arbeit. "So könnten sie in einer inklusiven Wohngruppe und in einem ihnen vertrauten Umfeld leben", hatte Kahlden-Gmell kürzlich erläutert. Unter "Haus des Friedens" verstehen die Eheleute einen Andachtsort, in dem sich philosophische, religiöse und umweltpolitische Fragen erörtern lassen. Gerungen wird noch um die Standorte der Bauten. Von den Möglichkeiten macht sich das Gremium jetzt selbst ein Bild.

© SZ vom 07.05.2021
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