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Bella Italia:Einmal um den Stiefel

Die Weltpremiere von Pepe Danquarts Abgesang "Vor mir der Süden"

Von Gerhard Summer, Starnberg

Vom Dolce Vita ist wenig übrig geblieben, in Bella Italia herrscht Endzeitstimmung. Der Süden ist leer und öde, ein verrosteter Tanker liegt am Strand, platt wie ein riesiger Fisch. Die Jungen sind weggezogen, weil sie keine Arbeit mehr finden in Palermo oder Syrakus, die Handwerksberufe so gut wie ausgestorben. Die Alten harren noch aus, mit 600 oder 700 Euro Rente im Monat. Dafür ergießt sich die Flut der Touristen in Städte im industrialisierten Norden. Venedig ist für die Einheimischen fast schon unbewohnbar geworden. Und sogar Rimini, einst der Inbegriff des von Deutschen bevölkerten Urlaubsorts, taumelt in die Krise. Am Strand flanierten "nur noch Pakistanis und Bangladeshis", sagt eine Frau, die Leute investierten nicht mehr, "weil man nichts mehr verdient, denn kein Tourist gibt mehr 50 Euro für einen Fußball aus oder 20 Euro für ein Schlauchboot".

Oscarpreisträger Pepe Danquart beim fsff

Auf Pasolinis Spuren: Pepe Danquart (2.v.li.) mit (v.l.), Kameramann Thomas Eirich-Schneider, Regieassistentin Nadja Röggla und Co-Produzent Wilfried Gufler.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Filmemacher Pepe Danquart, einst mit dem Oscar für seinen Kurzfilm "Schwarzfahrer" ausgezeichnet, hat sich zu einer Entdeckungsreise auf den Spuren von Pier Paolo Pasolini aufgemacht. In "Vor mir der Süden" fährt er mit kleinem Team und einem alten Fiat Millecento im Tross die italienische Küste ab, wie es 60 Jahre vor ihm der berühmte Dichter, Visionär und Regisseur ("Die 120 Tage von Sodom", "Medea", "Decameron") getan hatte: 3000 Kilometer vom ligurischen Ventimiglia bis Triest.

Eine Szene aus "Vor mir der Süden".

(Foto: FSFF)

Im August 2017 brachen Danquart und die Seinen auf, neun Wochen waren sie unterwegs. Sie seien keinem Rechercheplan gefolgt, sagt Danquart nach der heftig beklatschten Welturaufführung der Doku im Kino Starnberg, "alle Begegnungen waren Zufallsbegegnungen". Ziel sei kein Pasolini-Biopic gewesen, sondern die Annäherung an die Realität, die Pasolini 1959 vorausgeahnt hatte. Drei Themen habe er dabei besonders im Blick gehabt, so der Filmemacher: Massentourismus, Flüchtlinge und Konsumismus, den Pasolini als "hedonistischen Faschismus" beschrieben hatte.

"Vor mir der Süden" kommt mit hohem Anspruch daher und wirkte trotzdem zuweilen wie eine überfrachtete Fahrt ins Blaue - einmal bildungsbürgerlich um den Stiefel. Doch der Italien-Abgesang hat zwei Trümpfe: das Panoptikum an wunderbaren und schrägen Interviewpartnern, die über Pasolini reden, ein Gedicht von ihm rezitieren, in einer Litanei ihre Gratisangebote im Hotel herunterbeten oder von den üblen Folgen der Privatisierung sprechen, und die traumhaften langen Einstellungen des Kameramanns Thomas Eirich-Schneider. Seine Bilder reißen das ganz große Panorama auf, sind mal wie Gemälde von Edward Hopper, mal wie grandiose Inszenierungen. Und immer wieder finden sich feine, oft ironische Details: wenn zum Beispiel der Verkehr brandet, alles vorwärts fährt, was Räder hat, und nur ein kleiner Lieferwagen im Rückwärtsgang dahinzuckelt. Oft stellen Schneider und Danquart ihre Protagonisten wie Fotomodelle vor ihren Läden auf, manchmal gibt es auch Gruppenbilder. Eines der schönsten zeigt Kinder, die Fußball gespielt haben. Langsam gruppieren sie sich, und am Ende stehen sie als neunköpfige Mannschaft da, jeder hat seinen Arm auf die Schulter des anderen gelegt.

© SZ vom 31.08.2020

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