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Orff-Festival Andechs:Wo finstre Mächte walten

Animierte Projektionen trennen die Welt von der Unterwelt. "Der Mond" ist das letzte Stück der letzten Carl-Orff-Festspiele in Andechs.

(Foto: Arlet Ulfers)

Mit "Der Mond" enden die Carl Orff-Festpiele in Andechs. Ein Lehrstück von der Ordnung zwischen Gott, Menschen und Toten, das auf der Bühne einen versöhnlichen Ausgang nimmt

Kleines Welttheater? Im Grunde großes Weltentheater, sind doch die Schauplätze Erde, Himmel und Unterwelt. Und als Franz Hawlata mit seinem vollen Bass die Rolle des versöhnlichen Petrus, der wieder Ruhe ins Reich der Toten bringt und den Mond am Himmel platziert, majestätisch wie weihevoll seines Amtes waltete, so stand hier niemand geringere als der alte germanische Göttervater Odin im Mondschein. Zwar stammt die Vorlage zu Orffs "Der Mond" aus der Sammlung der Grimmschen Märchen, doch der mythische Geist der geheimnisvollen wie komplex moralisierenden Fabel vom geraubten und verkauften Mond atmet erdige Luft aus Urzeiten. Ein Zufall, dass gerade dieses Lehrstück von der Ordnung zwischen Gott, Menschen und Toten die Carl Orff Festspiele in Andechs beschließt? Es mutete an, als hätte Marcus Everding die göttliche Versöhnung für etwas inszenieren wollen, das nicht eintraf: Kein Gott erschien auf dem Heiligen Berg, um die Ordnung zwischen der weltlichen Orff-Stiftung, dem um seine Totenruhe gebrachten Orff und den sich dem Himmel zumindest nah wähnenden Mönchen samt Everding wieder herzustellen. Der letzte muss also nun das Mondlicht ausknipsen.

Dennoch kam endlich mal wieder Orff ausgiebig zum Zug, zumal Christian von Gehren am Pult dank der musikalischen Durchbildung des Werkes ausreichend Zügel in der Hand halten konnte, der Erzählung eine schlüssige Gesamtform zu geben. Die zentrale Aufgabe, ist "Der Mond" doch keine Oper im herkömmlichen Sinne. Handeln und Agieren sind hier auf ein Minimum beschränkt, was in gewisser Weise auf die antiken Dramen verweist. Eine eigenartige Mischung war Orff mit diesem Werk gelungen. Der geradezu psalmodierende Erzähler, von Tenor Manuel König souverän durch die extrem hohen Lagen geführt, wahrte dadurch seine Rolle des Nicht-Beteiligten, klar unterschieden vom rezitativischen und deklamatorischen Part der Quasi-Agierenden. Im rhythmischen, kraftvollen Skandieren tat sich der Chor etwas schwer in der Schärfe, doch an gesungenen Stellen bewiesen die Amateursänger Gespür für Klang und Atmosphäre.

"Meinen Abschied von der Romantik" nannte Orff die Partitur, in der er das romantische Orchester um reichhaltiges Schlagwerk erweiterte. Dass von Gehren immer wieder exotische Sphären aus dem Klangkörper herauskitzeln konnte, bewies auch großes instrumentales Können der Orff-Akademisten des Münchner Rundfunkorchesters, die bis in die zartesten Rücknahmen eine runde Klangsubstanz zauberten. Wunderbare Farbigkeit balancierte von Gehren im unterweltlichen Saufgelage in der Art der "buranischen Taberna-Klänge" (Orff) aus, führte das höchst aufmerksame Orchester aber auch gewandt musikantisch durch diverse Volkstänze.

Die Lösung der Bühnen- und Raumgestaltung mittels animierter Projektionen von Raphael Kurig und Thomas Mahnecke erwies sich als eine funktionierende Alternative zu Orffs Bühnenentwurf in Schichten: oben Welt, unten Unterwelt. Ein begeistertes und verzaubertes Premierenpublikum.

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