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Aktionstag:Unfälle im Zehnsekundentakt

Unterwegs mit dem Smartphone rechnen: Linda durfte beim Aktionstag "Augen auf die Straße" mit dem Kettcar in der Turnhalle üben, wie sich Ablenkungen auf die Verkehrstüchtigkiet auswirken.

(Foto: Arlet Ulfers)

Mit dem Handy am Steuer: Schüler des Ammerseegymnasiums in Dießen erfahren, wie gefährlich das sein kann. Danach finden die Jugendlichen sogar drastische Strafen in Ordnung

Die Zahlen sind alarmierend: Für ein Viertel der Verkehrsunfälle sind Ablenkungen am Steuer verantwortlich, etwa 8600 Mal haben Beamte im Bereich der des Polizeipräsidiums Oberbayern im vergangenen Jahr Autofahrer beim unerlaubten Telefonieren erwischt. Unter den Zehntklässlern am Ammerseegymnasium in Dießen sieht es kaum anders aus: 94 Prozent nutzen ihr Handy unterwegs als Fußgänger, was erlaubt ist, 78 Prozent beim Radeln, was verboten ist. Und 86 Prozent waren schon im Auto dabei, als der Fahrer unterwegs das Smartphone zur Hand nahm.

Es sei "gerade die richtige Altersgruppe" zum Aktionstag für Verkehrssicherheit unter dem Titel "Augen auf die Straße" in der Dießener Aula versammelt, meint Schulleiter Alfred Lippl. Die 15- bis 17-Jährigen stehen an der Schwelle zur Motorisierung und damit kurz davor, schwerwiegendere Verantwortung auch für andere Verkehrsteilnehmer zu tragen. Das findet auch das Bündnis aus Landesverkehrswacht, der Gemeinschaftsaktion "Sicher zur Schule - Sicher nach Hause", dem Automobilclub Mobil in Deutschland sowie Kultus- und Innenministerium, das für diese Aktion das Dießener Gymnasium als einzige Schule in Oberbayern ausgesucht hat. Dabei müssen die Schüler nicht nur Reden aussitzen, sondern dürfen an zehn Ständen selbst aktiv werden, um so im wahrsten Sinne des Worts selbst zu erfahren, wie schwer sich Handynutzung mit dem Steuern von Fahrzeugen vereinbaren lässt.

Auf dem Kettcar-Parcours in der Turnhalle trägt es schon die erste Testfahrerin aus der ersten engeren Kurve, als sie im Vorbeistrampeln Teile einer Rechenaufgabe ins Smartphone eingeben soll. Noch besser kommt bei den Schülern nur der ziemlich realitätsnahe Fahrsimulator an. Zumindest anfangs, bis sie dann zum Handy greifen sollen. Von da an kracht es trotz Automatikgetriebe im Zehnsekundentakt. "Muss ich's immer noch machen?", fragt da eine Schülerin,als sie mit einem geparkten Auto kollidiert ist. Dabei habe sie schon zuvor "einfach nur Glück gehabt", als sie ein Kind auf der Fahrbahn nur um Haaresbreite verfehlte, kommentiert ein Klassenkamerad bei der Zeitlupenwiederholung. Deutlich zu sehen sind dabei auch die abschweifenden Blicke der Fahrerin.

An anderen Ständen können die Schüler ungewohnte Perspektiven einnehmen. Etwa im Lastwagen auf dem Fahrersitz: Von dort ist im rechten Außenspiegel keines der acht Fahrräder zu sehen, die Polizisten im toten Winkel versteckt haben. In einem Rollenspiel werden die Jugendlichen zum Richter und müssen über einen Fahranfänger urteilen, der trotz Warnung zum Handy gegriffen und deshalb mehrere Personen verletzt hatte: "18 Monate Fahrverbot sind schon okay", findet eine 16-Jährige. Und bei Seminarlehrerin Anne Ruch, die es sonst mit "Schwererziehbaren, also Lehrern" zu tun hat, dürfen die Schüler Stadtplaner sein. "Was Dießen bis 2030 braucht": Separate Wege für Smartphone-User und eine in "Walk, Run, Text" geteilte Treppe schon, mit Polstern und Notrufnummern bemäntelte Straßenlaternen eher nicht, meinen die Jugendlichen. Die auch zur Auswahl stehende Straßenbahn spielt auf Dießens Schulwegen keine Rolle. Wohl aber in München: In einem anrührenden Video stellt ein Teenager den tödlichen Unfall seiner Schwester nach, die mit Smartphone und Kopfhörer 2016 eine Tram übersehen und überhört hatte.

Aber auch Dießener Schulwege bergen Gefahren: So berichtet eine Schülerin über einen Verkehrsspiegel am Radweg, der im Winter oft vereist sei. Die Schüler lernen unter anderen, dass selbst eine Freisprecheinrichtung das Unfallrisiko beim Telefonieren am Steuer nur unwesentlich senkt. In der Diskussionsrunde zu Beginn hatte ein pfiffiger Schüler die Experten auf dem Podium gefragt, ob die Automobilindustrie nicht verantwortungslos handle, wenn sie mit einem immer größeren Unterhaltungsangebot für Fahrer Werbung mache. Philipp Sander vom Automobilclub hatte die Antwort: Fernziel müsse sein, dass sich der "intelligente" Wagen erst in Bewegung setzt, wenn das Telefon außerhalb der Reichweite des Fahrers eingesteckt ist.