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Stadtviertel München:Die Welt muss es wissen

"Ich habe die Motivation, Menschen mit meiner Kunst auf der Gefühlsebene zu erreichen", sagt Kamill Lippa.

(Foto: Robert Haas)

Der Gebärden-Chor "Sing & Sign", Viktor Schenkel, der mit jungen Geflüchteten Theater macht, und der queere Künstler Kamill Lippa - sie alle stehen für viele andere.

Die Feier war etwas ganz Besonderes für uns, wir fühlten uns wie Stars" - Blitzumfrage unter den Mitgliedern von "Sing & Sign", des Chors der Nymphenburger Samuel-Heinicke-Realschule. Lehrerin Susanne John Wuol hat am Tag nach der aufregenden Nacht Reaktionen der Kinder eingefangen. Die großartige Performance der 20 gehörlosen Schülerinnen und Schüler zum Song "Best of us" via Video-Einspielung hätte die Gäste der Tassilo-Preisverleihung im Saal des Künstlerhauses gewiss von den Sitzen gerissen und zu Tanzen animiert, wenn es erlaubt gewesen wäre. Also war Mitwippen angesagt, auch vor den Computer-Bildschirmen daheim. Der Preis, die Feier und die Reaktionen der Kinder - all das hat Eindruck hinterlassen: "Für mich bedeutet es, dass wir es mit aller Mühe endlich geschafft haben, Unmögliches zu erreichen, und dass wir ja auch schließlich den Preis verdienen hatten. Ein schöner Tag!" Oder: "Mir gefielen viele der schönen Erzählungen von Menschen, wir gratulierten jedem Gewinner."

Auch Viktor Schenkel. Als der als Gewinner des Tassilo-Sozialpreises auf die Bühne gerufen wird, macht er es wie immer: mit aller Ruhe, mit leicht federndem Schritt. Er hört die Laudatio und erzählt dann, warum und wie er mit minderjährigen geflüchteten Jugendlichen in der Freimanner Mohr-Villa Theater spielt. Und dass er für viele in der langen Zeit ein "Vater-Ersatz" geworden sei. Das rührt Tassilo-Patin und Pianistin Sophie Pacini. "Ich hatte Tränen in den Augen", sagt sie - als sie gesehen habe, was das Theaterspielen mit den Menschen auf der Bühne plötzlich mache. Und nun ist es Regisseur Schenkel, der gerührt ist von ihren Worten. "Das hat dieser Auszeichnung noch ein besonderes I-Tüpfchen verliehen." Überhaupt: Dass er einen von nur zwei Tassilo-Sozialpreisen bekommen hat, habe ihn wirklich besonders gefreut. "Es ist für mich der erste Einzelpreis und eine schöne Anerkennung!"

Der Abend ist für ihn auch ein Abend der Impulse. Als Freund der Reduktion habe ihn der Gehörlosen-Chor sehr beeindruckt. "Da blickt man plötzlich staunend in eine ganz eigene Welt", sagt der 67-Jährige und spricht sofort davon, in seinen neuen Stücken des "Theaters Grenzenlos" die Sprache wieder ein Stück weit auszublenden. "Emotionen werden doch über den Körper transportiert." Das habe der Chor eindrucksvoll gezeigt. Und Schenkel wäre nicht Schenkel, wenn er den Abend nicht auch genutzt hätte - für Gespräche, für Kontakte. Auf die Frage, was er denn mit dem Preisgeld machen wolle, ist es dann nicht der Theatermacher, sondern eher der Vater, der aus ihm spricht: "Ich will versuchen, damit in der Gruppe etwas Gutes zu tun." Was, das will er nicht verraten.

Kamill Lippa wird das Preisgeld in seine nächste Ausstellung investieren. "Die größte, die ich bisher gemacht habe", sagt der 24-Jährige. "Proud. Human. Queer". Irgendwie hat der Künstler das Motto des Christopher Street Day - die Pride Week beginnt an diesem Samstag - vorweggenommen, als er elegant auf schwarzen High-Heel-Lackstilettos die Bühne betritt. Kamill Lippa bezeichnet sich selbst als nicht binär, fühlt sich also weder männlich noch weiblich. Glücklich und zugleich so ruhig wie ernsthaft nimmt er seinen Preis entgegen. "Die Auszeichnung bedeute für mich, gesehen zu werden - mit dem, wofür ich mich einsetze", sagt Lippa. Ein Plädoyer für Offenheit, Toleranz, Respekt. Queere Menschen würden als ein gesellschaftlicher Side-Fact angesehen in einer Welt hetero-normativer Prägung. Viele queere Menschen hätten, wie er, irgendwann gemerkt, "ich kann so nicht weiter machen". Und so steht er mit seiner Kunst dafür: "Ich bin hier, ich bin queer, und die Welt muss es wissen."

© SZ vom 03.07.2021 / ole, czg
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