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Volleyball:Durch die Nacht

grafing volleyball

Sie beweisen, dass man einen Pokal auch in drei Teile schrauben und als Kopfschmuck zweckentfremden kann: Grafings Mittelblocker-Quartett Dominik Stork, Henning Schulte, Christian Seitz (v.l.) und Thomas Stretz (unten).

(Foto: Lothar Forstmair/oh)

Grafings Volleyballer machen nach ihrem schwer erkämpften 3:0-Erfolg in Bliesen den zweiten Zweitligatitel nach 2018 klar und feiern im Partybus. Zugleich ist ihnen bewusst, dass nun ein großer Umbruch kommt.

Von Sebastian Winter, Bliesen/Grafing

Als Grafings Volleyballer am Samstagabend von Bliesen aus dem nördlichen Saarland Richtung München aufbrachen, hatten sie acht volle Kisten Bier im Mannschaftsbus. Gegen 19 Uhr startete der Fahrer, zwei Stunden später waren sechs Träger bereits geleert. Behaupte nochmal einer, Volleyballer würden nicht ganz so viel Alkohol vertragen wie andere Ballsportler. Erst um 5 Uhr morgens war die feucht-fröhliche Busfahrt zu Ende, dem Vernehmen nach sind alle Grafinger heil angekommen, es war auch niemand auf einer Autobahnraststätten-Toilette eingeschlafen und vergessen worden. Ist ja alles schon vorgekommen auf solchen Fahrten. Aber ganz so exzessiv war es dann auch nicht, wie Manager Johannes Oswald am Tag danach sagte: "Sie war einfach gemütlich und schön."

Die virusgeplagten Grafinger feierten gewissermaßen auch eine große Busparty-Bubble-Sause nachts auf der Autobahn, und sie hatten ja allen Grund dazu. Am frühen Abend hatten sie Bliesen im letzten Saisonspiel mit 3:0 (29:27, 28:26, 25:13) geschlagen - wobei die Saarländer in den ersten beiden Sätzen eher irgendwie niedergerungen als dominiert wurden, bei insgesamt sechs abgewehrten Satzbällen. Mit dem Erfolg war der zweite Zweitligatitel für den TSV nach 2018 endlich offiziell. 28 Spiele, 24 Siege, fünf Punkte Vorsprung vor dem hartnäckigen Verfolger Karlsruhe, der parallel das Nachholspiel in Leipzig mit 2:3 verlor. "Wir haben bewiesen, dass wir zurecht da oben stehen", sagte Oswald, mehr noch: "Wir haben schon auch eine Ära geprägt." 2019 waren sie ja am Ende immerhin auf Platz zwei.

Es ist jedenfalls ein großer Triumph für die Grafinger, vielleicht ist er noch höher anzusiedeln als der erste vor drei Jahren. Damals kannten allenfalls Experten die Coronaviren, es mussten keine Profiklubs in wochenlange Quarantäne, die Heimteams hatten noch einen echten Vorteil mit ihren Zuschauern im Rücken. Am 24. März 2018 war volle Hütte in Grafing beim Spitzenspiel gegen Schwaig, 800 Zuschauer, eine würdige Atmosphäre für dieses Spiel. Nach dem 3:1-Erfolg, der den TSV am drittletzten Spieltag erstmals zum Zweitligameister machte, saßen die Spieler damals mit gelben Rosen, die die Vereinsfarben repräsentierten, inmitten ihrer Fans.

Die Pokalübergabe ist schmucklos, wenigstens überreicht Grafings Physiotherapeutin die Medaillen im Dirndl

In Bliesen gab es das nicht, leere Halle, schmucklose Pokalübergabe der Liga-Vertreter, immerhin durfte Grafings Physiotherapeutin Magdalena Katterloher im Dirndl die Medaillen an ihre Buam überreichen. Und wie die Grafinger dann den silbernen Pokal in die Höhe stemmten, wie sie hüpften, sich herzten, das sah dann schon sehr enthusiastisch aus. Von der Busfahrt danach ganz zu schweigen.

Ihr Trainer Markus Zymmara, der das Kunststück vollbrachte, in seiner ersten Saison bei einem Männer-Zweitligisten gleich den Titel zu gewinnen (um danach wie vor Saisonbeginn intern abgesprochen aus zeitlichen und beruflichen Gründen wieder aufzuhören), ist ja nur eines von vielen Puzzleteilen, das Platz eins ermöglichte. "Er war ein Glücksgriff und hat es geschafft, dass alle Lust auf Volleyball haben, bis zum Ende", sagt Manager Oswald. Zymmara habe sich bei der ersten Teamsitzung im Herbst vorgestellt mit den Worten, er wolle Meister werden. Und danach aufgezählt, was die Spieler dafür tun müssten.

Nun folgt der große Umbruch: Einige Spieler hören auf, ein neuer Trainer wird gesucht

Johannes Oswald, Grünen-Politiker und stellvertretender Bürgermeister in Grafing; die ganzen ehrenamtlichen Helfer; nicht zuletzt die Mannschaft, die so wenig trainiert wie kaum eine andere in der zweiten Liga (zweimal pro Woche), aber ganz offensichtlich auch nicht mehr Übungseinheiten braucht, um alle anderen hinter sich zu lassen. All das sind weitere Bausteine des Erfolgs. Die Hauptrolle spielt aber vor allem dieses eingeschworene Team, mit Führungsfiguren wie Kapitän Fabian Wagner, den erstligaerfahrenen Ex-Herrschingern Julius Höfer und Benedikt Doranth, den Blockern Thomas Stretz oder Christian Seitz, Diagonalmann Michael Zierhut.

Aber es ist auch so, dass an die zehn Spieler um die 30 sind, in einem Alter, in dem einige in der zweiten Liga - wo man kaum Geld verdient - ans Aufhören denken. Der Umbruch wird kommen müssen, Höfer wird seine Laufbahn wohl beenden, Wagner zumindest kürzertreten, Zierhuts und Stretz' Zukunft ist noch nicht klar. Nachwuchsspieler wie Korbinian Hess, Daniel Kirchner, Florian Krenkel oder Marvin Primus stehen bereit. Auch einen neuen Übungsleiter braucht es nun, der den Neubeginn verantwortet und das Team wieder aufbaut - mit wahrscheinlich weitaus höherem Trainingsaufwand.

Es ist eine goldene Generation, die nun abtritt in Grafing, manche der Spieler, auch Wagner, hätten problemlos erste Liga spielen können. Sie wussten, dass Grafing nicht unbedingt spielerisch, aber strukturell und finanziell weit davon entfernt ist, und blieben trotzdem in diesem feucht-fröhlichen Biotop. Weil sie wussten, dass bei keinem anderen Klub nächtliche Busfahrten aus dem Saarland nach München so elend lang und zugleich so lustig sein können, auch und gerade in diesen Zeiten.

© SZ
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