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Volleyball:Die Kontroverse der Privilegierten

Volleyball Grafing Saisonauftakt

Fiebertest im Herbst: Manager Johannes Oswald prüfte damals persönlich die Temperatur von Helfern und Pressevertretern vor Heimspielen in Grafings Halle.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nach dem vierwöchigen Shutdown beginnt die zweite Volleyball-Bundesliga wieder. Das richtige Zeichen? Grafings Männer sowie Lohhofs und Planeggs Frauen sind nicht die einzigen, die zweifeln.

Von Sebastian Winter, München

Die Volleyball-Bundesliga setzt ihren Zeitplan nun wirklich in die Tat um. An diesem Wochenende sollen die Zweitligisten der Nord- und Südstaffel wieder spielen, erstmals nach einem von der VBL am 14. Dezember verhängten Lockdown. Aus der Region sind Planegg-Kraillings und Lohhofs Frauen sowie Grafings Männer betroffen: Der Tabellenvorletzte Planegg spielt am Samstagnachmittag gegen Vilsbiburg II, die drittplatzierten Lohhoferinnen reisen ins hessische Waldgirmes, Grafings Männer, derzeit Zweiter hinter Mimmenhausen, sollten eigentlich nach Gotha fahren. Eigentlich.

Weil die Bedenken innerhalb der Mannschaft und auch der Abteilung zuletzt aber immer größer wurden, weil die Inzidenzwerte im Landkreis Gotha aktuell weit über 300 liegen, nutzen die Grafinger nun eine Sonderregel der Liga, die ihnen eine Spielverlegung erlaubt, sobald der Wert im eigenen Landkreis oder jenem des Gegners 200 oder mehr beträgt. Ihrem Antrag wurde stattgegeben - womit sie nun schon drei Nachholtermine haben. "Sportpolitisch freuen wir uns darüber, dass wir als Profiliga eingestuft sind und weiterspielen können, aber gesundheits- und gesellschaftspolitisch haben wir ein ungutes Gefühl", erläutert Grafings Manager Johannes Oswald, der zugleich Sprecher der Süd-Staffeln ist.

"Ich weiß langsam nicht mehr, an wie vielen Stellschrauben wir noch drehen können, um Kosten zu sparen", sagt Lohhofs Teammanagerin

Die Liga hatte den Spielbetrieb Mitte Dezember ausgesetzt. "Mit dieser Maßnahme trägt die VBL dem dringenden Appell der Bundeskanzlerin und der Landesregierungen Rechnung, auch über den Umfang der erlassenen Verordnungen hinaus, Kontakte zu reduzieren", hatte ihr Geschäftsführer Klaus-Peter Jung den drastischen Schritt damals begründet. Nur hat sich an der damaligen Situation nichts geändert. Vielmehr gibt es einen noch härteren Lockdown, weil die Infektionszahlen nicht signifikant sinken.

Dass die VBL parallel zu den Verschärfungen wieder ihren Spielbetrieb für die von der Politik als Profiliga eingestufte, aber eher semi-professionell anmutende zweite Liga öffnet, sehen nicht wenige Klubs als inkonsequenten Schlingerkurs an. "Das widerspricht der momentanen Situation, auch wir sind da zwiegespalten. Viele verstehen nicht, warum in dieser Lage weitergespielt wird", sagt Planeggs Teammanagerin Stephanie Mehnert. Zugleich hat der TV schon vor Silvester wieder mit dem Training begonnen, der Klub testet die Spielerinnen nun noch einmal mehr pro Woche, um das Risiko zu minimieren, wie zu Saisonbeginn wegen Corona-Fällen zwei Wochen in Quarantäne zu müssen. "Wir haben auch eine Fürsorgepflicht und Verantwortung gegenüber den Spielerinnen", sagt Mehnert, "und als Ärztin habe ich doch große Zweifel, ob das Weiterspielen richtig ist."

Maskentransport: Planeggs Mittelblockerin Carolin Zach hat derzeit auch neben dem Feld viel zu tun.

(Foto: Claus Schunk)

Die VBL möchte andererseits, dass Volleyball sichtbar bleibt, auch unterhalb der höchsten Liga. Gerade jetzt, da Amateursport verboten ist und auch im professionellen Bereich neben Fußball, Eishockey, Basketball, Handball, Volleyball und Tischtennis quasi kein Mannschaftssport mehr existiert in Deutschland. Bei der Frage, warum sie nach dem härteren Lockdown nicht erneut auf Kontaktreduzierungen pocht und den Spielbetrieb weiter ruhen lässt, weicht die VBL aus: "Die Pressemitteilung damals war unglücklich formuliert, wir hätten die Unterbrechung stärker vom Lockdown abkoppeln sollen. Es ging ja vorrangig darum, den Aktiven ein Weihnachtsfest und Jahreswechsel in ihren Familien zu ermöglichen", sagt ein Liga-Sprecher.

Lohhof war damals mit dem abrupten Stopp des Spielbetriebs gar nicht einverstanden. Den Spagat, den die VBL nun mit der Öffnung des Spielbetriebs versucht, findet man aber auch in Unterschleißheim "kontrovers", wie Teammanagerin Martina Banse sagt. Zugleich müsse man auch die Vereine sehen, die kleine Unternehmen in der zweiten Liga seien, mit Jobs, die daran hingen. "Ich weiß langsam nicht mehr, an wie vielen Stellschrauben wir noch drehen können, um Kosten zu sparen", sagt Banse.

Lohhof fährt inzwischen mit zwei Kleinbussen zu Auswärtsspielen statt mit dem Reisebus, was 75 bis 80 Prozent Ersparnis bringt, zwei Leasingautos wurden auch zurückgegeben, erzählt Banse. Zugleich bangt man mit einem der Hauptsponsoren, einem ortsansässigen Hotel, dass es hoffentlich bald wieder mehr Gäste empfangen und Umsatz machen kann - und Lohhof dann auch mittelfristig unterstützen kann.

Zu Auswärtsspielen reisen Lohhofs Volleyballerinnen inzwischen in Kleinbussen statt im großen Reisebus. Das spart Kosten.

(Foto: Claus Schunk)

Lohhof, das sportlich so gut dasteht wie lange nicht, hat wie viele andere Zweitligisten gerade einige Zukunftsängste. Die Spielerinnen freuten sich Banse zufolge auf den Neustart, "sie sind sich dessen bewusst, dass sie ein Privileg haben". Die Frage ist nur: Um welchen Preis?

Die Stimmung scheint jedenfalls langsam zu kippen im Vergleich zum Dezember, als viele der 55 Zweitligisten aus dem Norden und Süden noch eher dafür war, weiterzuspielen. Vor einer guten Woche haben sich Ostbeverens Frauen aus der Nordstaffel zurückgezogen, am Donnerstag machte es ihnen Humann Essen, ein Traditions-Standort bei den Männern, gleich. Beide nutzten das Angebot der Liga, ihre Teams im laufenden Spielbetrieb abzumelden, ohne Lizenzstrafen zahlen zu müssen. Auch eine Option auf Rückkehr in die zweite Liga haben sie.

Andere Klubs trainieren seit Monaten wegen Hallensperrungen nicht und sind damit kaum wettbewerbsfähig. Wieder andere, wie Braunschweig oder Mainz, haben erst fünf beziehungsweise acht Spiele absolviert. Es wird schon jetzt eng, all diese Partien nachzuholen: Am kommenden Wochenende fallen, Stand Freitagnachmittag, allein in der Südstaffel der Männer neben dem Grafing-Spiel vier weitere Partien aus - nur drei finden statt. Und dass Planegg in einer Woche am Samstagabend in Stuttgart spielt, die Nacht über nach Sachsen fährt und dort übernachtet, um am Sonntag um 14 Uhr in Dresden zu spielen, sieht Teammanagerin Mehnert auch nicht wirklich als realistisch an. "Die Zahlen dort sind jenseits von Gut und Böse", sagt sie.

Kommende Woche befasst sich der Arbeitskreis der VBL mit der explosiven Gemengelage. Warum nicht früher? Auch das fragen sich viele Vereine. Den Antrag auf Vorverlegung der Sitzungen hatte die Liga jedenfalls abgelehnt.

© SZ/lib/sjo
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