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TSV Unterhaching:Tag der Premieren

"Eine richtige Analyse können wir erst im Februar oder März machen": Hachings Zuspieler Benedikt Sagstetter setzt Fabian Suck (re.) über die Mitte ein. Friedrichshafens Rares Balean kommt im Block nicht hinterher.

(Foto: Claus Schunk)

Ausgerechnet gegen Volleyball-Rekordmeister Friedrichshafen gewinnt Haching seinen ersten Satz. Die Annahme um Libero Graven überzeugt.

Von Sebastian Winter, Unterhaching

Sie herzten George Alexandru Zahar, den Rumänen, der gerade seinen wichtigsten Angriff in der bisherigen Saison in den Block geschlagen hatte. Vom Block ging der Ball ins Aus, Punkt für den TSV Unterhaching, 25:20 - der erste Satzgewinn dieser Spielzeit nach vier 0:3-Niederlagen in Serie. Ausgerechnet gegen den Rekordmeister VfB Friedrichshafen, dessen Neun-Nationen-Mannschaft den Anspruch hat, den Seriensieger Berlin zumindest zu ärgern auf dem Weg zum wohl unausweichlichen nächsten Titel.

Friedrichshafen hinkt seinen Ansprüchen aber gerade gewaltig hinterher. Der Klub befindet sich schon länger in einer Identitätskrise, und dass seine heimische Arena am Bodensee wegen Baufälligkeit seit Oktober nicht mehr bespielt werden darf, hat die Laune bei Spielern und Trainern nicht eben gehoben. Entsprechend schleppend verlief der Saisonstart.

Trainer Michael Warm schonte in Unterhaching dennoch einige Stammkräfte, was die wenig inspirierte Leistung der Gäste in der ersten Hälfte des Spiels - und den Satzverlust - beförderte. Unterhaching verlor die Partie in eigener Halle zwar noch mit 1:3 (20:25, 25:20, 18:25, 13:25), durfte sich aber über drei weitere Premieren freuen.

93 Minuten, so lange währte die Gegenwehr des zweitjüngsten Teams der Liga in keinem der bisherigen Spiele. Und dass in Zahar und Jonas Sagstetter zwei Hachinger die meisten Angriffspunkte auf dem Feld machten, gegen diesen Gegner, war ein weiteres Indiz für den aus ihrer Sicht gelungenen Sonntagnachmittag. Nicht zuletzt dürfen sie sich nun darüber freuen, die rote Laterne an den VC Olympia Berlin abgegeben zu haben. Die Talente aus der Hauptstadt warten noch auf ihren ersten Satzgewinn. TSV-Kapitän Roy Friedrich, der das Spiel diesmal wegen etwas besserer Trainingsleistungen der anderen Blocker von der Bank aus ansah, sagte: "Ich hätte nicht gedacht, dass wir heute gegen den VfB unseren ersten Satz holen. Vor allem unsere Annahme stand überragend."

Deren Chef hieß gegen Friedrichshafen Leonard Graven und ist mit 16 Jahren nicht nur der jüngste Hachinger, sondern auch der jüngste Spieler der gesamten Liga - vor Hachings zweitem Zuspieler Severin Brandt, der ebenfalls erst 16 ist, aber zweieinhalb Monate älter als Graven. Hachings Libero überzeugte jedenfalls mit 80 Prozent gelungenen Annahmen, was ein absoluter Spitzenwert ist, zumal gegen Friedrichshafen, das traditionell über starke Aufschläger verfügt. "Er ist der Zwillingsbruder von Ferdinand Tille", frohlockte TSV-Geschäftsführer Mihai Paduretu, in Anlehnung an den aktuellen Libero des TSV Herrsching, der unter Trainer Paduretu bei Generali Haching als 17-Jähriger begonnen hatte und zum Nationalspieler reifte.

Graven hat einen ganz ähnlichen Werdegang, ausgebildet wurde er beim ASV Dachau, dem VCO München und beim TSV Grafing, er spielt im Junioren-Nationalteam in der Halle und erfolgreich im Sand. Und er ist der Sohn von Sepp Wolf, dem Dachauer Erfolgstrainer. "Lenny ist sympathisch, clever, nur ein bisschen besser pritschen muss er noch", sagt Paduretu über den Schüler, von dem er glaubt, "dass er bald explodieren und seinen Weg machen wird". Dass Friedrichshafens Trainer Warm den gegnerischen Libero später zum MVP kürte, ist durchaus bezeichnend für Gravens großen Entwicklungssprung.

Neben der stabilen Annahme überzeugte gegen Friedrichshafen aber auch erstmals so richtig der Angriff um Zahar (17 Punkte), Sagstetter (16) und Simeon Topuzliev (10), der in den vier Spielen davor noch ziemlich gewackelt hatte. Block und Aufschlag zählen zugleich auch weiterhin zu den größten Baustellen im Team. "Die Annahme ist okay, besser als erwartet", sagt Paduretu: "Für alles andere brauchen wir eben viel Geduld." Der Geschäftsführer sieht das Team auf einem guten Weg, auch wenn es die 14-tägige Quarantäne zurückgeworfen habe. "Wir wären jetzt schon weiter, aber eine richtige Analyse können wir ohnehin erst im Februar oder März machen, wenn die Saison fast vorbei ist."

Die Verantwortlichen in Unterhaching rechnen sowieso nicht in Tabellenplätzen. Ob die Mannschaft nun Vorletzter oder Letzter ist, spielt in den Planungen eine eher untergeordnete Rolle. Absteigen kann in dieser Saison ja niemand, weil die Liga diese Regel wegen der finanziellen Bedrohungen der Vereine durch die Pandemie ausgesetzt hat. Und die Playoffs der besten Acht zu erreichen, dürfte für Haching im ersten Bundesligajahr einigermaßen utopisch bleiben. Derzeit beträgt der Rückstand auf Rang acht sechs Punkte.

Das nächste Etappenziel für die Mannschaft von Trainer Patrick Steuerwald lautet also, nach dem ersten Satz bald auch den ersten Punkt zu gewinnen. Oder gleich das erste Spiel. Nach der nun folgenden zweiwöchigen Pause empfangen die Hachinger die SVG Lüneburg, einen schweren Gegner. Aber eine Woche später folgt das Duell beim Letzten VC Olympia Berlin. Spätestens dort will das Team die ersten Punkte sammeln - auch fürs Selbstvertrauen.

© SZ vom 17.11.2020

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