Süddeutsche Zeitung

Toni-Merkens-Weg:Ein NS-Sommermärchen

Toni Merkens passt perfekt in die Propaganda-Maschinerie des Dritten Reichs. Anders als sein Rivale Albert Richter fügt er sich - und erobert 1936 Gold in Berlin.

Lehnte er sich auf, oder lief er einfach mit? Es ist eine jener Fragen, die sich bei jedem deutschen Sportler aufdrängen, der während des düstersten Kapitels der deutschen Geschichte erfolgreich war. Toni Merkens, Jahrgang 1912, Bahnradfahrer, Weltmeister und Olympiasieger im Sprint, kann sie nicht mehr selbst beantworten, er ist 1944 an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben. Sein Beitrag in der Verbandszeitschrift Der Deutsche Radfahrer, erschienen 1936, in dem Merkens "in Dankbarkeit" aufblickt "zu unserem genialen Führer und Volkskanzler Adolf Hitler", spricht jedoch nicht unbedingt für große Distanz. Nun waren Ergebenheitsadressen in den Radsport-Zeitschriften nach 1933 keine Seltenheit, und auch, dass regimetreue Redakteure seine Worte aufgebauscht haben, ist nicht ausgeschlossen. Ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus war Toni Merkens jedoch nicht - zumindest ließen seine öffentlichen Gesten nicht darauf schließen.

Er war ein Mitläufer, jemand, der sich nicht auflehnte gegen das System, in dem er seine größten sportlichen Erfolge feierte. Ein Sportler, der auch mal den rechten Arm hob, wenn es das Foto erforderte. "Er ließ sich instrumentalisieren", zitiert der Kölner Stadtanzeiger das NS-Dokumentationszentrum Köln. Anders als Albert Richter, ebenfalls Bahnradfahrer, ebenfalls Weltmeister im Sprint, wie Merkens ebenfalls 1912 in einem Arbeiterviertel in Köln geboren. Richter lehnte die nationalsozialistische Ideologie ab und zeigte dies nicht zuletzt dadurch, dass er auch dann noch mit seinem jüdischen Trainer und Manager zusammenarbeitete, als ihm das von ganz oben längst untersagt worden war.

Nun ist der Weg durch den Münchner Olympiapark aber eben nicht nach Albert Richter benannt, sondern nach Toni Merkens - anders als Merkens nahm Richter nie an den Olympischen Spielen teil.

Merkens ist die Teilnahme vergönnt. 1936 tritt er bei den von den Nationalsozialisten ausgerichteten Propagandaspielen von Berlin an. Damals ist er bereits dreifacher deutscher Meister der Amateure, 1935 hat er die Weltmeisterschaften in Brüssel gewonnen, nach Berlin reist er deshalb als Favorit.

Entsprechend gefeiert wird der Kölner von der NS-Presse: "Toni Merkens ist eine gute Waffe Deutschlands im olympischen Kampf auf der Bahn an der Avus", lautet die Unterzeile eines Bildes, das in der offiziellen Olympiazeitung - herausgegeben vom Reichssportverlag - vom 25. Juni 1936 erscheint. Merkens befinde sich "in Höchstform", heißt es dort: "Wir können den kommenden heißen Wettkämpfen mit ruhiger Zuversicht entgegensehen."

Toni Merkens tritt im Einkilometersprint an - Malfahren, wie es damals genannt wird. In den Vorrunden lässt der Kölner unter anderem den Franzosen Louis Chaillot hinter sich, im Finale trifft er auf den Niederländer Arie van Vliet, eine Art Dauerrivale Merkens, der schon bei der WM in Brüssel nur knapp hinter ihm ins Ziel kam. Auch in Berlin kann Merkens die beiden Rennen für sich entscheiden, er gewinnt Gold. Den Protest des Niederländers, der Kölner habe während des Rennens seine Bahn verlassen und ihn geschubst, erkennt das Olympische Komitee zwar an und verhängt eine Geldstrafe - da ihm die Aktion aber keinen Vorteil verschafft haben sollte, darf Merkens seine Goldmedaille behalten und bei der Abschlussfeier sogar die olympische Fahne tragen. Merkens habe "den ganzen deutschen Radsport in die glorreiche Reihe der Olympiasieger eingereiht", heißt es in der NS-Olympiazeitung, "zwei lange und ermüdende Jahre hatte er auf diesen Tag gewartet, hatte alle Chancen weggeworfen, um als Amateur für sein Vaterland die goldene Medaille zu holen."

Die Mär vom hehren Amateur, der nur um des Sports willen antritt und nicht, um Siegesprämien einzustreichen: Ein schöneres Propaganda-Sommermärchen hätten sich die Nationalsozialisten wohl kaum wünschen können. Gleichwohl: Im Anschluss an die Olympischen Spiele entscheidet Merkens sich, ins Profilager überzutreten. Dort bleiben die Siege jedoch aus; bei den Weltmeisterschaften in Zürich, die nur zwei Wochen nach den Olympischen Spielen stattfinden, scheidet Merkens im Viertelfinale aus. Er versucht sich als Zweier-Mannschaftsfahrer, im Sprint verliert er 1937 und 1939 bei den deutschen Meisterschaften gegen Albert Richter. Ganz oben auf dem Siegertreppchen des Wettbewerbs steht er erst wieder 1942, kurz bevor er eingezogen wird.

Zu diesem Zeitpunkt ist Albert Richter bereits tot, 1940 ums Leben gekommen in einem Gerichtsgefängnis in Lörrach, nachdem er bei dem Versuch erwischt worden war, Geld für einen in der Schweiz lebenden jüdischen Textilhändler über die Grenze zu schmuggeln. Vermutlich wurde Richter ermordet, die Umstände sind bis heute ungeklärt. Merkens stirbt vier Jahre später, ein Granatsplitter befördert ihn ins Lazarett, wo er tödlich an einer Hirnhautentzündung erkrankt. Er wird 32 Jahre alt.

Neben dem Toni-Merkens-Weg in München erinnert in Köln eine Eiche an den Bahnradfahrer. Es ist jene Eiche, die Merkens anlässlich seines Olympiasiegs 1936 in einem bedruckten Topf zusammen mit der Goldmedaille überreicht bekam und die er in seiner Heimatstadt nahe der Radrennbahn Köln-Müngersdorf einpflanzte. 1948 kam eine Gedenktafel hinzu, die - nicht besonders sensibel - die Inschrift von 1936 einfach übernahm. Immerhin: Bei der Benennung der neuen Radrennbahn, die heute neben der Eiche steht, bewies die Kölner Stadtverwaltung etwas mehr Fingerspitzengefühl - sie wählte als Namensgeber Albert Richter.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4760989
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 05.03.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.