Tölzer Löwen Nur der Wille zählt

Jubel nach dem Klassenerhalt: Die Spieler der Tölzer Löwen nach dem entscheidenden Sieg über den EHC Freiburg.

(Foto: Oliver Rabuser; Oliver Rabuser)

Bad Tölz spielt auch in der kommenden Saison in der DEL 2. Nach dem Auswärtssieg im längsten Spiel der Ligageschichte entscheidet das Team von Scott Beattie die Serie gegen Freiburg zu Hause mit 4:2.

Von Christian Bernhard, Bad Tölz

Am frühen Morgen des vergangenen Samstags schlenderte ein Mann durch die Bad Tölzer Innenstadt, dem nicht nach Schlaf war. Dabei war er um 6.15 Uhr einem Bus entstiegen, mit dem er durch die ganze lange Nacht gefahren war. Scott Beattie, Trainer der Tölzer Löwen, war noch voller Adrenalin. Während sich die meisten seiner Spieler ins Bett legten, gönnte er sich einen Kaffee, ehe er nach einer schnellen Dusche zu einem Ausflug aufbrach. Dieser führte ihn zuerst in ein amerikanisches Schnellrestaurant, wo er frühstückte, dann in ein Café in Isar-Nähe, wo er in der Sonne zwei Kaffee nachlegte. Danach ging es zurück ins Hotel - nicht um zu schlafen, sondern um sich Spielszenen auf Video anzuschauen. Erst dann legte er sich kurz hin. Kurz deshalb, weil er nicht verpassen wollte, wie der Golfer Tiger Woods Rory McIlroy bezwang.

Anscheinend war es die richtige Vorbereitung. Am Sonntagabend vollendeten die Löwen das, was sie sich durch den historischen Sieg am Freitag ermöglicht hatten. Sie gewannen Spiel sieben der ersten Playdown-Runde gegen den EHC Freiburg mit 4:2 und starten somit auch in der nächsten Saison in der zweithöchsten deutschen Eishockey-Liga DEL 2. "Heute war es Wahnsinn", sagte Stürmer Florian Strobl, der zum ersten Mal in dieser Saison die Mannschaft als Kapitän anführte. In der mit mehr als 4000 Zuschauern "vollen Bude" habe es Riesenspaß gemacht. Während Strobl sprach, saß er umringt von Freunden und Familie entspannt lächelnd auf der Bande - das einzige, das er in diesem Moment verwehren musste, waren die Bitten einiger Kinder nach einem Schläger.

Strobl war mit zwei Treffern vorangegangen. Als Stephen MacAulay die Scheibe 44 Sekunden vor dem Ende zum 4:2-Endstand ins leere Tor beförderte, begann die Party. Jener MacAulay, der am Freitag um 23.41 Uhr das längste DEL-2-Spiel der Geschichte in der dritten Verlängerung nach 107:48 Minuten entschieden hatte, sprang nun mit weit aufgerissenem Mund an das Plexiglas vor der Löwen-Kurve, die ihr Team nach der Schlusssirene wild feierte. Die Eisraupe durfte dabei nicht fehlen.

Beattie hatte seinen Spielern vor der Kurve die Bühne überlassen, doch der Tölzer Anhang wollte die Feierlichkeiten nicht ohne ihn starten. Es musste also erst eine kleine Delegation in die Kabine sprinten, um den Trainer unter "Scott Beattie"-Chören, zu denen auch seine bereits auf dem Eis knienden Spieler rhythmisch mit den Schlägern klopften, vor die Kurve zu lotsen.

Sieben Tage zuvor schienen solche Szenen ganz weit weg. 1:3 lagen die Löwen in der Serie zurück, eine weitere Niederlage hätte eine zusätzliche Abstiegsserie bedeutet. Keine einfache Situation. Stürmer Johannes Sedlmayr verriet nach getanem Werk, wie sie es geschafft hatten, das auszublenden: Man denke "nicht darüber nach, dass es vorbei sein kann". Entscheidend sei der Wille gewesen. "Nur der Wille", betonte Sedlmayr gleich zweimal. "Wir wollten unbedingt diese Serie beenden und nicht wie letztes Jahr in die nächste rein." Damals hatten sie den Klassenerhalt in der zweiten Playdown-Runde geschafft.

Die Löwen waren nicht in Panik geraten, am wenigsten Scott Beattie. "Er ist sehr ruhig geblieben", sagte Strobl über den Trainer, der Ende Januar die Nachfolge von Markus Berwanger angetreten hatte. Beattie habe auch beim Stand von 1:3 immer wieder gesagt, dass er keine hängenden Köpfe in der Kabine sehen wolle. "Die Leute haben mich oft gefragt: Bist du nervös?", erzählte er. "Ich habe immer wieder gesagt: Nein. Besorgt? Ja. Aufgeregt? Ja. Aber ich verfalle nicht in Panik." Das übertrug sich auf die Mannschaft.

Obwohl Beattie zu Beginn seiner Zeit von einer defensiven auf eine offensive Spielweise umgeschaltet habe, so Sedlmayr, überzeugten die Löwen am Sonntag lange Zeit vor allem defensiv. Torhüter Ben Meisner, der sich am Freitag 75 Schüssen in den Weg gestellt hatte und hinterher im Bus nach Eis flehte, um seinen an so vielen Stellen schmerzenden Körper zu kühlen, hatte lange kaum etwas zu tun. MacAulay traf zur verdienten Führung (8.). Nach dem überraschenden 1:2-Rückstand spielten sie minutenlang Fünf-gegen-Fünf-Powerplay, obwohl sie durch die Ausfälle von Andreas Pauli (Gehirnerschütterung) und Philipp Schlager (Fußverletzung), der Spiel sieben auf Krücken neben der Bank verfolgte, nur noch drei Angriffslinien hatten. Der Lohn: Strobls 2:2 eine Sekunde vor der zweiten Sirene, dann sein 3:2 und MacAulays Schlusspunkt. Der Rest war Jubel.

Beattie hob hinterher hervor, wie viel Eishockey-Potenzial in Bad Tölz stecke. Ob er es sein wird, der dieses in der nächsten Saison zutage fördert, konnte oder wollte er dagegen nicht sagen. In den kommenden Tagen werde es Gespräche geben, mehr war ihm nicht zu entlocken. Er wolle erst einmal das Erreichte genießen. In der Sonne. Ganz sicher auch wieder bei einem Kaffee in der Tölzer Innenstadt.