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E-Hockey Powerchair Hockey Munich Animals

„Da kann’s auch schon mal krachen“: Stefan Utz, 51, Munich Animals.

(Foto: Alois Wieshuber/oh)

Die Utz-Brüder haben die Munich Animals zum zwölfmaligen deutschen Meister geformt - im Powerchair-Hockey. Allerdings plagen den Verein große Nachwuchssorgen.

Von Sebastian Winter

Stefan Utz kann sich noch gut an die Anfänge erinnern. Auf dem Hof der inklusiven Schule in der Stiftung Pfennigparade wollte er sich mit seinen Brüdern Roland und Oswald austoben. Mitte der Achtziger war das, sie hatten nichts anderes als einen Tennisball und ein paar Eishockeyschläger, passten sich den Ball zu, schossen auf provisorische Tore. Sie eiferten Heinz Biebl und Wassilios Kirtopoulos nach, die mit diesem Spiel auf demselben Schulhof Anfang der Siebziger angefangen hatten. All das machten die Brüder Utz' in jenen Alltagsrollstühlen, in die sie die Glasknochenkrankheit gezwungen hatte.

Das Brudertrio fand Mitstreiter, Ferdinand Schießl zum Beispiel, Christian Klein oder Stefan Pippich. Sie recherchierten, ob es einen ähnlichen Sport irgendwo gibt: Hockey in Rollstühlen. In Holland wurden sie fündig. Sie tauschten sich grenzübergreifend aus, lernten von den Nachbarn, trugen den Sport in Schulen, Behinderteneinrichtungen, Rehazentren. So entstand von Schwabing aus Elektrorollstuhl-Hockey in Deutschland, E-Hockey also, oder, wie es inzwischen zeitgemäß heißt: Powerchair Hockey. Mitbegründer Stefan Utz sagt: "Es war damals noch ein völlig anderer Sport."

Utz ist inzwischen 51 - und der einzige der Brüder, der noch hochklassig aktiv ist, bei den Munich Animals in der Bundesliga. In einem Spiel, das athletischer, körperbetonter und schneller geworden sei - nicht nur wegen der Elektrorollstühle, die mit bis zu 15 km/h durch die Halle brausen. Mit Plastikschlägern, die man entweder mit der Hand führt oder die am Rollstuhl befestigt sind, versuchen die vier Feldspieler, den mit Löchern durchsetzten Plastikball möglichst oft am gegnerischen Keeper vorbei im Tor unterzubringen. Das Spiel ist actionreich, "wer Powerchair-Hockey spielt, will gewinnen", sagt Stefan Utz: "Da kann's auch schon mal krachen." Dann etwa, wenn die speziellen Sportrollstühle aufeinanderprallen.

Wie im Rollstuhlbasketball werden die Spieler je nach Schwere ihres Handicaps klassifiziert, im Powerchair-Hockey zwischen 0,5 und 5. Ein Team darf auf dem Feld zwölf Punkte nicht überschreiten. So wird gewährleistet, dass auch Spieler mit schwereren Handicaps Einsatzzeit bekommen. Anders als im Rollstuhlbasketball dürfen aber keine Fußgänger, also Nicht-Gehandicapte, im Rollstuhl sitzen.

Stefan Utz hat mit seinen Glasknochen 2,5 Punkte. Er ist der Aufbauspieler der Animals, die gerade noch mittendrin wären in ihrer Saison - wenn nicht das Virus die komplette Saison zerstört hätte. Ein Titel wurde nicht vergeben. Die Animals, immerhin zwölfmaliger deutscher Meister und Gründungsmitglied der Elektrorollstuhl-Bundesliga, durften ihren letzten Titel aus dem Jahr 2015 nicht wiederholen. Die kommende Saison der Sechserliga soll nun, anders als sonst, von März 2021 bis in den Herbst hinein dauern. Stefan Utz kennt sich gut aus mit dieser Thematik, schließlich ist er als Spielbetriebsleiter der ersten, zweiten und dritten Bundesliga verantwortlich für den Terminkalender.

Bis September sei an Training nicht zu denken, sagt sein Bruder, Animals-Abteilungsleiter Roland Utz, 52. Er wollte sich als berufstätiger Vater von zwei Kindern eigentlich schon zurückgezogen haben von dem Amt und aus jenem Sport, in dem er mit Stefan 2010 Weltmeister geworden ist, mit 7:6 nach Golden Goal gegen die Niederlande - ihr größter Triumph. Doch auch diesen Plan durchkreuzte das Virus vorerst. Auch Stefan Utz denkt langsam ans Aufhören, zumindest auf dem Feld; womöglich folgt er Roland als Abteilungsleiter. Und Oswald Utz? Der mit 55 Älteste hat sich längst verabschiedet aus dem Powerchair-Hockey - seit 2004 ist er Behindertenbeauftragter der Stadt München.

Bundesligaspieler und Spielbetriebsleiter, Abteilungsleiter, Behindertenbeauftragter: Wichtige Ehrenämter sind das für die Brüder, denen früher immer wieder gesagt wurde, dass sie wohl nie ein selbstbestimmtes Leben führen könnten. Und die jetzt auf allen Ebenen die Inklusion fördern, dabei aber auch an Grenzen stoßen, vor allem im Nachwuchsbereich.

Denn die Animals, die seit 1990 eine Abteilung des TSV Forstenried-München sind, haben zwar Nationalspieler wie Tim Treidy und Kapitän Stephan Mägele (Stefan Utz zog sich vor zwei Jahren aus der Mannschaft zurück); sie haben auch das eine oder andere Talent wie Lucas Busel, der eine Cerebralparese hat, ebenfalls im Nationalteam spielt und dem Utz bescheinigt, "eine große Hoffnung mit großem Potenzial zu sein". Aber sie haben viel zu wenig junge Spieler. "Ja, wir haben Nachwuchssorgen", sagt Stefan Utz. Leistungsträger hätten aufgehört, und manchmal, das gehört leider auch zu diesem Sport, schlägt das Schicksal zu und jemand stirbt ihnen mitten aus der Mannschaft weg - weil das Handicap letztlich stärker war.

Die Suche nach neuen Spielern sei zugleich "sehr, sehr schwierig", sagt Stefan Utz, der wie sein Bruder Roland täglich auf Zugänge hofft und immer wieder Demospiele in Schulen oder anderen Einrichtungen organisiert - mit ziemlich ernüchternder Erfolgsquote. Der Zeitaufwand für Powerchair-Hockey ist eben groß, es gehen einige Wochenenden drauf, vor allem aber müssen die Spieler ins Training gebracht werden, das nur abends stattfindet - für die Eltern ein enormer logistischer Aufwand. Es ist auch eine Frage des Geldes, ob man in diesen Sport hineinkommt. Denn ein adäquater Elektro-Sportrollstuhl kostet so viel wie ein teurer Kleinwagen, um die 15 000 Euro. All das muss aus eigener Tasche, teils über Stiftungen oder mit Crowdfunding, bezahlt werden. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht.

Trotzdem: Stefan Utz kann jedem dieses Spiel empfehlen. Er war 2014 auch Projektleiter der E-Hockey-WM in München. Die Deutschen wurden zwar "nur" Vierter, trotzdem war es auch für Utz ein einmaliges Erlebnis, eine Weltmeisterschaft im Olympiapark. "Das war eine riesige Sache, das absolute Highlight meiner Karriere." Einer Karriere, die inzwischen 34 Jahre andauert. Und die er selbst kaum für möglich gehalten hätte, 1986, in einem Schulhof in Schwabing.

© SZ vom 17.08.2020
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