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SZ-Serie: "Arbeit ist das halbe Leben":Sie hupen wieder

Footballer Patrick Englhart ist LKW-Fahrer - und lernt viel über Zusammenhalt.

Von Christoph Leischwitz

(Foto: SZ-Grafik)

Die Sache mit der Wertschätzung, glaubt Patrick Englhart, die sei immer noch nicht in allen Bevölkerungsteilen angekommen. Klar, viel ist geredet worden in den vergangenen Monaten über Krankenhaus- und Pflegepersonal. Doch seit auf den Autobahnen wieder mehr los ist, stellt sich der Alltag für einen systemrelevanten Lkw-Fahrer genauso dar wie vor der Coronakrise. "Wir fahren ja auch sonntags, wegen der frischen Sachen", sagt er. Anfangs dachte er noch, es sei ruhiger geworden. Doch dann: dasselbe Gehupe wie früher, die selbe Ungeduld mit den langsameren Mitgliedern der Schnellstraßen-Gesellschaft. "Dieser Egoismus, das ist schon echt wild", sagt er. Das ärgert ihn.

Die Firma, für die Englhart auf Achse ist, beliefert mehrere Supermarktketten mit so gut wie allem, "Troso und Mopro" zum Beispiel, also Trockensortiment und Molkereiprodukte, aber auch mit frischem Gemüse. Englhart ist der Springer, der eine Route übernimmt, wenn sie kurzfristig besetzt werden muss: Regenstauf, Aichach, Fürth, Erlangen, alles dabei. Immerhin: In den Filialen sei der Zusammenhalt größer geworden, da bekomme man von einem Mitarbeiter nette Worte und auch mal ein paar Sandwiches zugesteckt. "Teamgefühl ist bei mir stark ausgeprägt, bei mir geht es einfach nur darum: Kommt das Team voran?", sagt er. Menschen, die keinen Teamgeist kennen, ärgern ihn.

Immer auf Achse: Patrick Englhart ist Springer, er übernimmt Routen, die kurzfristig besetzt werden müssen.

(Foto: Privat/oh)

Teamgeist ist das Stichwort, so kam er auch zum American Football, nachdem er in der Jugend beim Augsburger EV Eishockey gespielt hatte. Zunächst sattelte er in der Heimat um und spielte für die Raptors. 2014 wechselte er zu den Munich Cowboys und ist seitdem Bundesligaspieler. Als Defensive End ist der dafür zuständig, den gegnerischen Quarterback zu erwischen, bevor dieser passen will, oder den Ballträger so früh wie möglich zu stoppen.

Seine persönliche Football-Zwangspause begann schon sehr lange vor der coronabedingten Pause. Es passierte im Training, mitten in der Saisonvorbereitung: Der Spielzug war schon beendet, aber ein Mitspieler fiel ihm aufs Bein. "Da hat's mir Syndesmose und Sprunggelenk rausgeschossen", sagt er trocken. Das Wadenbein war auch gebrochen. Für die letzten beiden Partien der Saison 2019 wäre er noch zur Verfügung gestanden, aber die Cowboys sagten: Kurier dich aus, wir brauchen dich nächste Saison noch. Das ist leicht gesagt: Englhart ist 36. Doch nach dem unglücklichen Jahr gab er noch mal alles dafür, noch eine Saison spielen zu können. Dabei ist er seinem Chef überaus dankbar, dass er trotz seiner flexiblen Arbeitszeiten immer noch genug Zeit bekommt, zu trainieren, vor allem während der Reha. Manchmal stand er um sechs Uhr auf, ging laufen, Fahrradfahren und ins Fitnessstudio. Dann von 10 bis 19 Uhr arbeiten, dann wieder laufen, Fahrradfahren, Fitness. In jenen Wochen, zu Beginn der Pandemie, musste er besonders flexibel sein. Manchmal war fast gar nichts los, dann bestellten die Supermärkte plötzlich wieder viel mehr als sonst.

Frühaufsteher: Manchmal geht Patrick Englhart noch vor der Arbeit Laufen, Rad fahren und ins Fitnessstudio.

(Foto: Privat/oh)

Im Januar wurden die OP-Nägel entfernt, Englhart trainierte weiter und immer weiter und brannte auf das Eröffnungsspiel, auswärts bei den Marburg Mercenaries Anfang Mai. Dann kam Corona.

Die deutsche Football-Liga GFL plant immer noch eine verkürzte Saison, aktuell will man ab September in unterteilten Divisionen eine schnelle Punkterunde spielen, die Cowboys würden auf Kempten, Ingolstadt und Aufsteiger Ravensburg treffen und hätten ganz gute Chancen, weiterzukommen. Als eines von wenigen Teams sind ihre so genannten "Imports", die Spieler aus den USA, immer noch im Land. München gilt tendenziell als Abbruch-Gegner. Doch der Verband und einige Vereine ziehen nicht gerade an einem Strang.

Der Streit darüber, wie es weitergeht, war von Misstrauen geprägt, auch wegen möglicher Regressansprüche. Der Wir-lieben-alle-Football-Teamgeist scheint jedenfalls dahin, und viele Klubs würden einem Saisonstart wohl nur noch zustimmen, wenn ausreichend Zuschauer im Stadion erlaubt wären, um die Unkosten halbwegs decken zu können. "Ich bin noch unschlüssig", sagt Englhart auf die Frage, was das nun alles für ihn bedeutet: "Je nachdem, wie es läuft, spiele ich noch eine Saison. Wenn wir heuer gar nicht mehr spielen, dann auf jeden Fall", sagt er. Bereit ist er. Seit die Fitnessstudios wieder auf sind, habe er sich "den Muskelkater des Todes" geholt, an manchen Tagen verbrennt er 5000 Kalorien. Da kann ihn die Ungewissheit, ob er im Jahr 2020 überhaupt noch einmal auf dem Feld steht, auch nicht stoppen.

© SZ vom 02.07.2020

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