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SZ-Serie "Arbeit ist das halbe Leben":Der doppelte Lehrer

Martin Wild unterrichtet Sport am Münchner Pestalozzi-Gymnasium und ist nun mit Fürstenfeldbrucks Handballern in die zweite Bundesliga aufgestiegen. Eine Profi-Karriere kommt für ihn aber nicht in Frage.

Von Ralf Tögel, Fürstenfeldbruck

Was kann man nicht alles über den Handballprofi Gudjon Valur Sigurdsson erzählen. Meister in Island, Dänemark, Deutschland, Spanien und Frankreich, Champions League gewonnen, Silber bei Olympia. Nun hat das Coronavirus seine Karriere beendet. Immerhin wurde ihm zuletzt noch der französische Titel zugesprochen. Paris Saint-Germain, sein letzter Klub, war Tabellenführer, als der Handball weltweit ausgesetzt wurde. Andererseits kann man im Alter von 40 Jahren an das Karriereende denken. Ohne Corona würde Sigurdsson wohl immer noch über das Parkett flitzen, so aber probiert er den Trainerberuf.

Mit standesgemäßem Einstieg, seine erste Station könnte kaum mit mehr Tradition beladen sein. Der Isländer soll den VfL Gummersbach, der in seiner Historie noch mehr Titel als sein neuer Trainer gesammelt hat, aus dem Tal der Tränen, sprich der zweiten Liga, nach oben führen.

Auch Martin Wild kommt als Meister in die zweite Handball-Bundesliga, nicht als französischer, immerhin aber als Champion der dritten Liga Gruppe Süd. Wild war zwar nur Juniorennationalspieler, als Trainer könnte er dem Isländer aber einiges erzählen. Zum Beispiel, wie man einen blutigen Amateurklub in eine Profiliga führt. Und das als Trainer im Nebenberuf, denn eigentlich ist der 41-Jährige Lehrer.

Das dürfte in dieser Form einmalig sein in einer Spielklasse, deren Vereine in der Vorsaison im Durchschnitt einen Etat von 1,7 Millionen aufwiesen. Zwar dürften die Budgets aufgrund der Corona-Krise gesunken sein, und nicht jeder Konkurrent kann auf eine siebenstellige Summe zurückgreifen, der TuS aber steht mit offiziell 350 000 Euro sicher am Ende der Liste. Der Aufsteiger aus dem Süden ist zudem der einzige Verein, der keinen einzigen Profi im Kader hat. Torhüter Stefan Hanemann, der beim Erstligisten Eulen-Ludwigshafen ausgemustert wurde, gilt in Bruck zwar als spektakulärer Coup, er ist wie das Gros der Spieler aber Student. Es gibt Schüler, zwei Polizisten, einen Zahnarzt, einen Leittechniker und einen Lehrer.

Wie Wild, der als angestellter Lehrer am Münchner Pestalozzi-Gymnasium Sport unterrichtet. Ein Spagat, der nur gelingt, weil "mir zum Glück mein Schuldirektor sehr wohlgesonnen ist". Die neue Liga sei wie ein "großes Abenteuer", sagt Wild, "die Vorfreude ist bei allen riesig". Aber nicht nur die Gegner sind äußerst anspruchsvoll, sondern vor allem der Spielplan. Weil es wegen der abgebrochenen Corona-Saison keine Absteiger gibt, ist das Feld auf 19 Klubs gestiegen (Krefeld bekommt keine Lizenz), was angesichts der verkürzten Saison von Oktober bis Juni nur mit englischen Wochen zu schaffen ist. 36 Partien stehen für den TuS an, allein im Dezember wird fünfmal gespielt. Man habe das mal überschlagen, rechnet Wild vor: Zwölf Urlaubstage werden für die berufstätigen Spieler nötig sein, um überhaupt alle Partien spielen zu können. Daher sei es kaum zu verhindern, "dass wir zu dem ein oder anderen Auswärtsspiel auf Spieler verzichten müssen - oder auf den Trainer."

Der hat eine zusätzliche Belastung zu bewältigen. Wild muss die erforderte A-Lizenz machen. Einen der vier einwöchigen Lehrgänge in der Sportschule Hennef hat er hinter sich sowie eine der verlangten Hospitationen. Wild war vier Tage beim Erstligisten HC Erlangen - das Prozedere zieht sich über die ganze Saison. Auch der Trainingsaufwand wurde angepasst: "Vor zwei Jahren haben wir dreimal pro Woche trainiert", nun sei tägliches Üben unabdingbar. In der Vorbereitung bittet Wild sogar zweimal vormittags in die Halle, "das gab es noch nie bei uns". Physis und Athletik waren immer die Brucker Trümpfe, jetzt seien aber die Grenzen des Machbaren erreicht: "Von heute auf morgen wird bei uns keiner auf Profi umsatteln."

Das gilt auch für ihn, auch wenn es lose Anfragen gegeben habe, wie er zugibt. Derzeit sei das keine Option, denn ein Engagement wäre mit zu mit viel Aufwand verbunden: "Es gibt im Umkreis von 200 Kilometern keine andere Mannschaft in der zweiten Liga, und die erste Liga ist nicht nur räumlich weit weg." Wild ist in seiner Heimatstadt tief verwurzelt, hat kürzlich ein Haus gekauft und ist "aktuell so zufrieden und glücklich in Bruck, dass es jetzt der falsche Moment wäre, über andere Dinge nachzudenken". Was neben der privaten Situation besonders für die sportliche gelte: "Ich habe gerade mit meiner Mannschaft mein großes Ziel erreicht", sagt er, "vor sechs Jahren in der Bayernliga haben wir intern davon nur geträumt." Der Aufstieg mit dem TuS, bei dem er als Spieler und Trainer seit zwei Jahrzehnten aktiv ist, habe einen besonderen Stellenwert: "Ich wollte das unbedingt mit meinem Heimatverein schaffen, das ist für mich viel mehr wert als mit einem anderem Klub." Gleichwohl sei es kein Grund, "sich zurückzulehnen, oder besondere Genugtuung zu spüren". Die nächste Zielsetzung steht: Die zweite Liga soll zum Dauerzustand werden. "Mein Wunsch ist es, den Standort München und konkret Fürstenfeldbruck dort zu etablieren." Auch wenn man zwischenzeitlich "noch mal einen Schritt zurückgehen muss, will ich auch in drei, vier Jahren Zweitligist sein".

Also keine Zukunft im Profihandball? "Derzeit spielt der Gedanke keine Rolle", sagt Wild, kategorisch ausschließen will er ihn aber nicht. Beispiele gibt es einige: Mit Friedberg lieferte sich der TuS viele Duelle in Bayern- und Regionalliga, der damalige Friedberger Trainer Hartmut Mayerhoffer ist heute Chefcoach des Bundesligisten Frisch Auf Göppingen. Oder Frederik Griesbach, der einst in Bruck spielte, im Vorjahr mit Pfullingen in der dritten Liga zweimal gegen den TuS verlor und nun in Hüttenberg unterschrieben hat. "Es ist der falsche Moment, über solche Dinge nachzudenken", sagt Wild, seine Gedanken kreisen um die kommende Saison.

Das Spiel gegen den HSV Hamburg zum Beispiel, mit dessen Trainer Torsten "Toto" Jansen. Jansen war Weltmeister, hat mit den Hanseaten die Champions League gewonnen - was gäbe es über den 43-Jährigen nicht alles zu erzählen.

Bisher erschienen: Michaela Henry, Beachvolleyballerin und Klinikärztin (22. Juni); Patrick Englhart, Footballer und Lebensmittel-Transporteur (2. Juli); Michael Plattner, Tischtennisspieler und Chirurg (13. Juli), Sebastian Meinzer, Handballer und Zahnarzt (24. August).

© SZ vom 10.09.2020

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