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SZ-Aktion "Coaches' Challenge":Der Talente-Flüsterer

elvir mangafic mit amelie zachenhuber (re.) und markus fischer bei der DM 2019 in Berlin

"Er weiß genau, wie er den Einzelnen fördern muss": Schwimmtrainer Elvir Mangafic mit den Talenten Amelie Zachenhuber (re.) und Markus Fischer (li.) bei der deutschen Meisterschaft 2019 in Berlin.

(Foto: privat/oh)

Beim SC Prinz Eugen bringt Elvir Mangafic ambitionierte Nachwuchsschwimmer bis an die Spitze. Gleichzeitig sorgt er sich während der Corona-Pandemie um die Zukunft des deutschen Schwimmsports.

Von Celine Chorus, München

Im Rahmen der "Coaches' Challenge" haben die Dr.-Ludwig-Koch-Stiftung und die Süddeutsche Zeitung seit Anfang März besonders engagierte Übungsleiter gesucht. Die zwölf von der Jury ausgewählten Preisträger, bei deren Finanzierung die Münchner Stiftung die Vereine nun ein Jahr lang unterstützt, werden aktuell in der SZ vorgestellt. Hier der 12. und letzte Teil über Elvir Mangafic.

Wenn man Elvir Mangafic, 60, im vergangenen Oktober erzählt hätte, dass seine Kinder auch in sieben Monaten nicht trainieren dürfen, hätte er es wohl für einen schlechten Scherz gehalten. Die letzte gemeinsame Einheit sei "eine Katastrophe" gewesen, erinnert sich der Trainer des SC Prinz Eugen: "Wir haben geglaubt, dass wir uns schnell wiedersehen würden - nur dass bis heute lediglich die Kaderathleten trainieren können." Denn der Gesetzgeber betrachtet Schwimmbäder nicht als Sportstätten im Innenbereich, sondern als Freizeiteinrichtungen, deren Betrieb weiterhin untersagt bleibt.

Schon vor der Corona-Pandemie fehlte vielen Kinder die Möglichkeit, frühzeitig die Grundlagen des Schwimmens zu erlernen. Diese Entwicklung könne durch die aktuellen Regelungen nochmals verstärkt werden, befürchtet Mangafic: "Wenn wir in einem Monat an den See gehen, was glauben Sie, wie viele Kinder ertrinken würden?" Die fehlenden Schwimmkurse bereiten ihm allerdings nicht nur wegen der Unsicherheit im Wasser große Sorgen, denn durch die monatelange Pause gingen dem Deutschen Schwimm-Verband (DSV) auch viele Talente verloren: "Es ist eine gute Sache, dass die Kaderschwimmer trainieren können, aber wir möchten, dass alle Kinder trainieren können", erklärt Mangafic.

Der deutsche Schwimmsport droht seit Jahren in der olympischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Bei den vergangenen drei Spielen haben die deutschen Athleten nur vier Medaillen (zweimal Gold über 50 und 100 Meter Freistil, einmal Silber und einmal Bronze über zehn Kilometer Freiwasser) gewonnen. Damit Deutschland an die Erfolge aus alten Tagen anknüpfen kann, betont Mangafic, müssten sich die Strukturen im deutschen Schwimmsport ändern: "In anderen Ländern haben die Kinder die Möglichkeit, neben ihrer schulischen auch ihre sportliche Karriere zu verfolgen."

Mangafic trainierte von 1986 bis 1992 auch die ehemalige jugoslawische Nationalmannschaft

Als ehemaliger Trainer der Nationalmannschaft im damaligen Jugoslawien hat sich Mangafic inzwischen der Nachwuchsförderung im Kinder- und Juniorenbereich verschrieben und ist beim SC Prinz Eugen für die Betreuung der Leistungsschwimmer verantwortlich. Auf diese Weise gelinge es ihm stets, die Talente "bis an die Spitze zu bringen und ihr Leistungsniveau kontinuierlich zu verfeinern", betont die neue Präsidentin Katja Nomrowski. Dabei gebe sich Mangafic "die größte Mühe, jeden Schwimmer individuell zu fördern und die Leistungsgrenzen nicht zu überschreiten".

Mit fast 400 Mitgliedern ist die Schwimmabteilung mit Abstand die größte des SC Prinz Eugen und hat mit der 17-jährigen Amelie Zachenhuber zudem eines der größten deutschen Schwimmtalente in seinen Reihen. Dass der Verein 2019 vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für seine Nachwuchsarbeit ausgezeichnet wurde, ist allerdings in erster Linie dem unermüdlichen Engagement von Mangafic zu verdanken: "Er hält die Schwimmabteilung durch seinen Einsatz am Leben", so Nomrowski, deren Tochter seit einigen Jahren ebenfalls von ihm trainiert wird: "Ohne ihn wüsste ich nicht, ob alles so reibungslos ablaufen würde."

Mangafic ist verheiratet, hat zwei Kinder, aber bereits seit der Jugend dreht sich in seinem Leben alles um das Schwimmen: 1973 sollte er als Jugendlicher erstmals mit dem Sport in Verbindung kommen, als in der damals jugoslawischen Hauptstadt Belgrad die erste Schwimm-WM ausgetragen wurde. An der dortigen Universität ließ er sich vier Jahre zum Diplom-Schwimmtrainer ausbilden, ehe er parallel zu seinem Engagement bei Roter Stern von 1986 bis 1992 auch die Nationalmannschaft trainierte.

Mangafic wünscht sich, dass alle Kinder ins Schwimmbecken zurückkehren können

Durch den Ausbruch des Bosnienkrieges konnte Mangafic nach den Olympischen Spielen in Barcelona allerdings nicht mehr in seine Heimat zurückkehren. Als ehemaliger Sport- und Schwimmlehrer an der Deutschen Schule in Belgrad bemühte er sich in Deutschland um eine Arbeitsgenehmigung. Nach mehreren Stationen, darunter auch als Trainer und Betreuer beim Bayerischen Schwimmverband (BSV), leitet er seit 2006 das Schwimmtraining beim SC Prinz Eugen und hat sich seitdem einen Namen in der Nachwuchsförderung gemacht.

Jugendliche aus München und dem Umland würden oft lange Strecken auf sich nehmen, um bei Mangafic zu trainieren: "Er verleiht den Leuten ein Gefühl von Sicherheit und weiß genau, wie er den Einzelnen fördern muss", erklärt Nomrowski. Durch seine Erfahrung ist sich Mangafic bewusst, dass neben der technischen Ausbildung auch die soziale Komponente eine große Rolle für ein erfolgreiches Schwimmtraining spielt. So bezeichnet er sich gerne als "ein Freund", der immer ein offenes Ohr für die Sorgen seiner Schützlinge habe: "Die Kinder müssen zufrieden sein und sich weiterentwickeln, sowohl auf körperlicher als auch mentaler Ebene, und dann kommen auch die Erfolge", betont Mangafic.

Umso trauriger stimmt ihn die Tatsache, dass aktuell nur die Kaderathleten bei ihm trainieren dürfen, während die anderen Kinder seit mehreren Monaten nicht mehr im Wasser waren. Bis weitere Lockerungen getroffen werden, die diesmal auch für Schwimmbäder gelten, muss sich Mangafic damit begnügen, seine Schützlinge nur vor dem Bildschirm trainieren zu können. Er sehnt aber bereits den Moment herbei, wenn alle Mitglieder ins Schwimmbecken zurückkehren können: "An diesem Tag geht mein größter Wunsch in Erfüllung."

Bisher erschienen: Miriam Storch, BC Hellenen, Basketball (3.5.); Yusuf Güngörmüs, SC Arcadia Messestadt, Judo (6.5.); Mahmoud Nasser, Bewegung und Spiel e.V., Fußball/Ballsport (8.5.); Carl Eggert, TuS Obermenzing, Hockey (10.5.); Daniel Valin da Silva, Urucungo e.V., Capoeira (11.5.); Nina Stambrau, HC Wacker München, Hockey (17.5.); Inga Rose, RG München 1972, Rudern (18.5.); Claudius Bicker, Freie Turnerschaft München, Turnen (20.5.); Salvatore Marsala, Ackermannbogen e.V., Basketball (25.5.); Richard Holzberger, Schachfreunde München, Schach (27.5.); Julian Domke, FC Teutonia, Fußball (29.5.), Elvir Mangafic, SC Prinz Eugen, Schwimmen (31.5.).

© SZ/toe
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