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Synchronschwimmen:Hinter der Schallmauer

Kunstvoll abgetaucht: Marlene Bojer und Daniela Reinhardt bei ihrem Freien Duett am Dienstag in Gwangju.

(Foto: Francois-Xavier Marit/AFP)

Das Münchner Duett Marlene Bojer und Daniela Reinhardt erreicht bei der WM in Südkorea Platz 19 und 20, hadert aber mit der Wertung.

Synchronschwimmerinnen lächeln oft, das gehört zu ihrem Job, so können sie die Zuschauer und auch das Kampfgericht verzaubern - der Ausdruck ist schließlich ein ganz wichtiger Teil dieses Sports. Marlene Bojer lächelte am Montagmorgen bei der Weltmeisterschaft in Südkorea noch bis ganz zum Schluss, nachdem sie aus dem Wasser des temporär in eine Sportarena hineingebauten Pools gestiegen war. Die 26-jährige Münchnerin wartete auf der Bühne dann auf ihre Note für ihr Freies Solo, 79,700 Punkte erschienen auf der Anzeigetafel, und Bojers Lächeln gefror. Sie verbeugte sich, bewies Haltung, aber in ihrem tiefsten Inneren war ihr zum Weinen zumute. Sie hatte zu Adeles Love in the dark ein sehr ansprechendes Solo gezeigt und zumindest 80 Punkte erwartet. Diese Schallmauer trennt im Synchronschwimmen die Besten von den Guten.

Am Dienstag dann im freien Duett ein ähnliches Bild: Bojer und Daniela Reinhardt, die beide für die SG Stadtwerke München starten und das einzige deutsche Perspektivduett für die Olympischen Spiele in Tokio sind (das Solo ist nicht olympisch), überzeugten in ihrem abschließenden WM-Wettkampf. Sie winkten in die Kameras und bogen die Finger zu Herzchen nach ihrer schönen, synchronen, ansprechenden Darbietung. Die Wertungsrichter honorierten aber auch diese Leistung nicht wirklich - und vergaben 79,9667 Punkte. Viel knapper kann man nicht scheitern an der magischen Grenze. Platz 19 bedeutete dies in der Endabrechnung, nach Rang 20 für das Duett in der technischen Kür am Freitag. Bojer hatte außerdem im Solo als einzige deutsche Starterin in der Technischen und freien Kür die Plätze 14 und 15 erreicht. "Grundsätzlich sind wir sehr zufrieden, das Ranking stimmt", lautete Bojers Fazit am Dienstag, in das sie aber auch Kritik streute: "Die Wertungsrichter haben sehr mit Punkten gegeizt, das drückt die Stimmung schon und nervt ein bisschen. Man arbeitet ja ein ganzes Jahr auf so einen Höhepunkt hin."

Die entscheidende Qualifikation für die Spiele 2020 ist am 30. April in Tokio

Es geht ja auch um viel. Das große Ziel ist die erste deutsche Olympia-Teilnahme im Synchronschwimmen seit 1992. Am 30. April ist in Tokio der entscheidende Qualifikationswettkampf für die Spiele. "Wir müssen bis dahin schon noch ziemlich zulegen, vor allem bei der Intensität des Trainings", sagt Bundestrainerin Doris Ramadan. Ohnehin sind es Welten bis zur absoluten Spitze, die alles dominierenden russischen Athletinnen bekommen Werte weit jenseits der 90-Punkte-Marke. "Ein solches Standing muss man sich über Jahre erarbeiten", sagt Ramadan. Auch sie hätte "gerne mehr Punkte gehabt, aber man hat die Nervosität auch ein bisschen gespürt". Ihr Plan für die nächsten Monate klingt streng: Mehr Ausdauer, mehr Gewichte beim Krafttraining, außerdem möchte Ramadan die Kür, die Bojer und Reinhardt zu einer Coverversion des Britney-Spears-Songs Toxic gezeigt haben, an manchen Stellen noch verändern - dort, wo die Synchronität nicht so gepasst hat.

Es ist jedenfalls ein Spiel auf Zeit, denn die Bädersituation in München ist nach wie vor prekär, die Olympiaschwimmhalle, die wohl wichtigste Trainingsstätte des Duetts, wird immer noch renoviert. Nach vielen Personaldebatten in den vergangenen Jahren ist Ramadan auch erst seit kurzem wieder Bundestrainerin, und es hat ebenfalls sehr lange gedauert, bis sich der Deutsche Schwimm-Verband entschied, Bojer und Reinhardt zum Perspektivduett zu machen - mit all den damit verbundenen Fördermöglichkeiten.

Nach Gwangju durften sie sogar eine eigene Physiotherapeutin mitnehmen. Sie haben es jedenfalls genossen, im Athletendorf zu sein, so etwas hat selbst Bojer, für die es bereits die vierte WM war, noch nicht erlebt. Massagesessel gab es dort, Karaoke-Maschinen und eine Rund-um-die-Uhr-Verköstigung. Andererseits fielen Bojer die "viel zu kleinen Trainingspools und genau zwei Umkleiden für alle Teilnehmer" eher negativ auf. Bojer möchte nun mit Reinhardt und Ramadan noch die Finals anschauen, dann die Wasserballer und Wasserspringer. Und vielleicht mal im Zentrum von Gwangju, das sie noch nicht gesehen haben, ein bisschen shoppen gehen, bevor sie am Freitag nach München zurückkehren, wo bereits Uniprüfungen warten. Und - nach einem Urlaub auf Ibiza - knochenharte Monate der Vorbereitung für den Wettkampf am 30. April.