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SpVgg Unterhaching:Risiko-Spieler

Nicht nur Bälle fangen, sondern auch kicken: "Wir spielen oft Pressing, stehen hoch. Da ist es wichtig, dass der Torwart Fußballspielen kann", sagt Nico Mantl.

(Foto: Claus Schunk)

Torhüter Nico Mantl könnte Hachings nächster Top-Transfer werden. Im Verein preist man die Bodenständigkeit des 20-Jährigen, der sich als Nummer eins beim Drittligisten etabliert hat. Sein Talent ist aber auch schon anderen aufgefallen. Die Partie in Rostock könnte eine seiner letzten für die SpVgg werden.

Von Stefan Galler, Unterhaching

Die Szenerie ist vertraut: Ein Fußballer wird im Fernsehen als Studiogast vorgestellt und kann sich schon bei der einleitenden Frage nicht zurückhalten, gleich mal alle ihm bekannten Ergebnisse des Spieltags in die Welt zu posaunen - oft trotz der ausdrücklichen Bitte des Moderators, genau das nicht zu tun ("Nicht das Resultat vorwegnehmen, wir zeigen gleich noch einen Spielbericht."). Deshalb kurz mal folgende Warnung: Wer den Film "Ein unmoralisches Angebot" von 1993 noch immer nicht kennt, aber vorhat, ihn sich demnächst doch noch anzusehen, dem wird geraten, den folgenden Absatz auszulassen. Akuter Spoiler-Alarm!

Und der Übeltäter ist Arie van Lent, Trainer des Fußball-Drittligisten SpVgg Unterhaching, der neulich gefragt wurde, ob ein Verein eine Chance hätte, seinen Torwart Nico Mantl abzuwerben, wenn er denn ein "unmoralisches Angebot" unterbreite. "Ich kenne den Film. Man hat ihn weggeschickt", sagte van Lent trocken und meinte höchstwahrscheinlich Robert Redford, im Hollywood-Streifen jener Millionär, der einem Ehepaar einen Haufen Kohle bietet für ein Tete-à-Tete mit der Frau. Zweierlei drückt die Antwort van Lents aus: Erstens, dass es sich bei dem Fußballlehrer um einen cineastisch gebildeten Menschen handelt. Und zweitens, dass Nico Mantl der SpVgg Unterhaching genauso viel wert ist wie Demi Moore ihrem Film-Ehemann Woody Harrelson.

"Ist doch klar, dass man als Profi so hoch wie möglich spielen will", sagt Mantl. Wegen der vielen englischen Wochen habe er aber gar keine Zeit, über einen Wechsel nachzudenken

Angebot hin oder her, es sei definitiv damit zu rechnen, dass der erst 20 Jahre alte Keeper den Klub vor Ablauf seines Vertrags 2023 verlasse, sagt van Lent. Angeblich gibt es in Mantls Kontrakt eine Klausel, wonach er schon ein Jahr vor Ablauf, also 2022, ablösefrei wechseln könnte. Wie auch immer, Präsident Manfred Schwabl weiß natürlich, dass sein Torwart "irgendwann in der großen weiten Fußballwelt unterwegs" sein wird. Schließlich hegt der Ballfänger den Wunsch, irgendwann in der Bundesliga zu spielen: "Ist doch klar, dass man als Profi so hoch wie möglich spielen will", sagt Mantl, bestreitet aber, sich aktuell konkret mit diesem Gedanken zu beschäftigen: "Ich bin superglücklich in Haching. Und durch die vielen englischen Wochen habe ich gar keine Zeit, über so etwas nachzudenken. Ich konzentriere mich lieber aufs jeweils nächste Spiel." Das ist in diesem Fall die Partie an diesem Samstag (14 Uhr) in Rostock, mit der die SpVgg aus der kurzen Weihnachtspause in die Restsaison der 3. Liga startet.

Wenn, dann muss das Angebot passen, sagt Präsident Schwabl: "Wir sind hier doch nicht auf dem Flohmarkt."

Mit einem Weggang im Winter rechnet weder Mantl noch van Lent: "Ich denke, er wird diese Saison definitiv noch unser Torwart sein, ganz egal wie die Konstellation ist. Aber ich befürchte schon, dass er uns eventuell mal weggeholt wird", sagt der Coach. Schwabl berichtet von einer Anfrage eines Bundesligisten aus dem vergangenen August, eher unverschämt denn unmoralisch: "Die wollten ihn für ein Butterbrot haben, aber wir sind hier doch nicht auf dem Flohmarkt."

Dabei hatte schon in der Vorsaison kein Drittligakeeper öfter zu Null gespielt als der 1,93 Meter große Schlussmann, der zwölf Mal ohne Gegentor blieb. Und auch in dieser für die Hachinger bisher so wechselhaften Spielzeit ist Nico Mantl wieder eine der wenigen Konstanten: Beim Fachblatt kicker weist er den besten Notendurchschnitt innerhalb des Teams auf, knapp vor Markus Schwabl, der als Verteidiger bereits sieben Tore vorbereitet hat - des eigenen Teams, wohlgemerkt. So manches Mal rettete Mantl mit seinen Paraden den Sieg, beziehungsweise verhinderte eine höhere Niederlage. Dass er nicht nur gut darin ist, Bälle abzuwehren, sondern auch fußballerisch einiges draufhat, zeigen seine herausragenden Passwerte.

Neuer, ter Stegen - Mantl? Zumindest orientiert er sich an diesen Vorbildern

Mantl ist ein mitspielender Torwart, das sei bei der offensiven Grundausrichtung der Hachinger Mannschaft auch notwendig: "Wir spielen oft Pressing, stehen hoch", erklärt der Keeper, "da ist es wichtig, dass der Torwart Fußballspielen kann." Damit steht er in bester Manuel-Neuer-Tradition, an dem er sich ebenso orientiert wie an Marc-André ter Stegen.

Da er wie diese beiden Spitzentorhüter das Risiko niemals scheut, sieht manchmal auch Mantl nicht so gut aus, etwa als ihn Deniz Undav im Juni beim Spiel in Meppen mit einem Heber aus 50 Metern überlistete. Oder gegen Wehen im November, als er einen Risikopass von der eigenen Strafraumkante aus spielte, der ihm prompt um die Ohren flog. "Er darf Fehler machen, wir üben keinen großen Druck aus", sagt Trainer van Lent über seine Nummer eins. "Sein Standing in der Mannschaft ist unumstritten, er hat alles, was er braucht für eine große Karriere. Er ist ein guter Torwart und ein guter Junge."

Das sieht Präsident Schwabl ganz genauso: "Nico hat unser vollstes Vertrauen, er steigert sich stetig und ist ein echter Musterprofi." Neulich nach dem Spiel in Mannheim sei keiner so oft von der Kabine zum Bus gelaufen, um das Equipment der Mannschaft zu verstauen wie der Torwart. "Bodenständigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg", sagt Schwabl.

Sein Elternhaus steht direkt neben dem Platz des FC Deisenhofen, seines ersten Vereins

Von seinem Stammverein FC Deisenhofen, zu dem er nach wie vor engen Kontakt hat (sein Elternhaus steht direkt neben dem Fußballplatz), wechselte er mit elf Jahren nach Haching. Dort arbeitete er sich durch alle Jugendjahrgänge, spielte in der U17 und in der U19 in der Junioren-Bundesliga und debütierte im Mai 2018 mit 18 Jahren und drei Monaten in der ersten Mannschaft bei einem 1:2 in Jena in der dritten Liga. Nach einer Saison als Nummer zwei wurde er 2019 nach dem Weggang von Lukas Königshofer zum KFC Uerdingen Stammtorwart.

Bei der U-21-EM im März wäre es gerne dabei. Kontakt zum DFB gibt es bereits

Seither ist er die Nummer eins bei der SpVgg, obwohl er sich gleich im ersten Spiel der Saison gegen Würzburg einen haarsträubenden Fehler leistete und Schwabl dachte: "Das geht ja gut los." Haching gewann die Partie damals noch 5:4 - und auch Mantls Karriere nahm schon bald Fahrt auf. Der damalige U-20-Nationaltrainer, frühere Haching- und Schalke-Coach Manuel Baum berief ihn in die DFB-Juniorenauswahl. Mittlerweile wäre er für die U21 spielberechtigt, der Verband hat bereits mit dem Verein Kontakt aufgenommen. Im März findet die U-21-Europameisterschaft statt, natürlich wäre Mantl da liebend gerne dabei, auch wenn er das niemals öffentlich fordern würde.

Und so ist die Karriere des jungen Mannes auf dem besten Weg, einen sehr positiven Verlauf zu nehmen. "Das Wichtigste ist, dass er regelmäßig spielt. Darauf muss er bei einem möglichen Transfer unbedingt achten", sagt Schwabl. "Wir können ihn da nur beraten, entscheiden muss er es letztendlich selbst." Im Zweifelsfall sollte man unmoralische Angebote sowieso ablehnen.

© SZ/sjo
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