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Poolbillard:"Vom Ligageschäft kann keiner leben"

Ralf Souquet, neuer deutscher Mannschaftsmeister und lebende Poolbillard-Legende beim BSV Dachau, im Gespräch mit der SZ über seinen Spitznamen "Kaiser", Österreichs Fußballer, das Auftreten bei Sponsoren und kleine philippinische Basketballer

Interview von Ralf Tögel

Der Kaiser gibt sich die Ehre. Ralf Souquet, lebende Poolbillard-Legende, dekoriert mit so ziemlich allen Titeln, die in diesem Sport zu gewinnen sind, hat mit dem BSV Dachau seine sechste deutsche Teammeisterschaft gewonnen. Eine besondere, wie der 47-Jährige findet, nicht nur, weil er zum ersten Mal auf dem Rathaus-Balkon feiern durfte. Im Gespräch mit der SZ muss er gute Nerven beweisen, denn sein spanischer Teamkollege David Alcaide schleicht sich immer wieder an, um eine Konfetti-Pistole über dem kahlen Haupt Souquets abzufeuern.

SZ: Wie feiert der Kaiser den Titel, ein Gläschen Champagner zum Anstoßen?

Ralf Souquet: Nein, wie Sie sehen mit einem Partyzelt und den Pooligans, unseren einzigartigen Fans, wir lassen es schon ein bisschen mehr krachen.

Die Saison ist ja auch vorbei.

Eben, nicht wie bei den Bayern-Fußballern, die noch spielen müssen, wir können ausschlafen. Morgen haben wir noch einen Fernsehtermin, aber erst am Nachmittag.

Die Fußballer dürfen auf den Balkon.

Wir auch, was glauben Sie denn, der Oberbürgermeister hat uns geehrt und spontan auf den Rathausbalkon gebeten. Wir sind in einem großen Zug mit etwa 100 Menschen zum Rathaus gezogen, das war toll.

Sie sind eine lebende Legende, der Kaiser, wo kommt eigentlich dieser Name her?

Der wurde mir von einem der PR-Leute vom englischen Event-Veranstalter Matchroom verpasst.

Also bekommen Billardspieler ihre Spitznamen verpasst?

Ja, so läuft das bei allen Topspielern. Das lässt sich halt besser verkaufen.

Sie sind in der Hall of Fame, es gibt kaum einen Titel, den Sie nicht gewonnen haben. Unter anderem 42 deutsche Meisterschaften, jetzt die sechste mit der Mannschaft. Das war heute also Routine?

Nein, der Titel bedeutet mir viel. Ich spiele sehr gern Mannschaft, es ist schöner, mit dem Team zu gewinnen als im Einzel. Da gibt es immer sehr viele Neider, weil es nur einen Sieger gibt. Bei der Mannschaft hat man eine Gruppe dahinter, man hat Fans, besonders hier in Dachau, die sich mit dem Verein identifizieren. Für mich hat das einen höheren Stellenwert.

Aber Billard ist doch Einzelsport?

Schon, aber ich finde, es ist auch ein schöner Mannschaftssport. Es hat sogar schon Doppelspiele in der Bundesliga gegeben, das wurde aber wieder abgeschafft.

In der Szene gilt Dachau als ganz besonderer Verein, erklären Sie warum.

Wegen der Fankultur. Dass ein ganzer Bus zu Auswärtsspielen mitreist, das gibt es nur in Dachau. Das ist einzigartig.

Im Vorjahr war Dachau identisch aufgestellt und wurde Zweiter. In diesem Jahr haben sie mit dem zweithöchsten Punktevorsprung aller Zeiten vorzeitig den Titel geholt. Was war der Unterschied?

Wir wären schon im Vorjahr Meister geworden, aber der Verband hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir mussten an den ersten beiden Spieltagen mit der zweiten Mannschaft spielen, das ist ungefähr so, wie wenn der FC Bayern mit den Amateuren gegen Dortmund spielt.

Und welche Schuld trifft den Verband?

Gleichzeitig war der Worldcup of Pool, die inoffizielle Doppel-Weltmeisterschaft. David Alcaide spielte für Spanien, Albin Ouschan und Mario He für Österreich, ich für Team Deutschland. Der Verband hat einer Verschiebung nicht zugestimmt. Wir haben an diesem Spieltag null Punkte geholt, Meister Schwerte sechs. Am Schluss hatten wir einen Punkt Rückstand.

Runde Sache: Ralf Souquet hat bisher knapp 300 Turniere gewonnen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Apropos FC Bayern, haben Sie nicht die Befürchtung, dass es langweilig wird, wenn Dachau immer in Bestbesetzung spielt?

Nein, ich denke nicht. So ein Vorsprung ist die Ausnahme. Dafür ist die Liga zu eng, es sind immer drei, vier Teams, die den Titel holen können. In dieser Saison ist alles für uns gelaufen, das passiert nicht oft.

Die Liga wird von ausländischen Spielern dominiert, Spanier, Österreicher, sehr viele Niederländer. Ist der deutsche Nachwuchs zu schlecht?

Nein, die deutsche Nachwuchsarbeit ist eigentlich gut. Aber die Förderung endet, wenn ein Spieler aus der Jugend herauskommt, er ist mit 18 Jahren komplett auf sich selbst angewiesen. Da zerreißt es die meisten. Ich bin leider die Ausnahme.

Warum?

Ich hatte die Möglichkeit, direkt nach der Lehre ins Profigeschäft einzusteigen. Das war gar nicht geplant. Aber ich hatte den Erfolg und war durch mein Auftreten den Sponsoren wohl sympathisch.

Außerdem hat Billard den Makel des Kneipensports. Wie kann man das ändern?

Ich fürchte, man kann in Deutschland nicht viel tun. Nach König Fußball kommt lange nichts, dann kommen viele andere Großsportarten. Wir haben einfach zu viele Stars und Sieger. In anderen Ländern ist das nicht so extrem.

Geben Sie ein Beispiel.

Österreich, die haben die Skifahrer und dann wird es eng.

Das dürfen die österreichischen Fußballer aber nicht hören.

Das ist aber so. Haben die Fußballer dort jemals etwas gewonnen? Ich wüsste nicht.

Wo hat Billard einen hohen Stellenwert?

Die Nummer eins im Billard sind die Philippinen. Da gibt es Boxen, Basketball . . .

Basketball?

Ja, kurios, obwohl es dort hauptsächlich kleine Menschen gibt, aber dann kommt schon Billard. Oder nehmen Sie Holland, die haben gute Schwimmer, Fußball, Eisschnelllauf, dann wird es dünn. In Deutschland gibt es über 30 Sportarten, in denen wir Weltmeister sind oder waren. Wir sind überall gut, deshalb schwimmen wir mit Billard immer nur im unteren Drittel.

Also wäre es besser fürs Billard, wenn wir schlechter in anderen Sportarten wären?

Sie sagen es.

Hat das nicht auch mit Tradition zu tun?

Kaum. Tradition hat Poolbillard in Amerika, da ist es auch besser angesehen. Aber an den Topsportarten kommen sie dort auch nicht vorbei.

Wie bekommt man denn nun den Kneipenmief weg?

Ich glaube, die wenigsten Leute wissen, dass es Billard auch als professionelle Sportart gibt.

Dank Übertragungen in Sportkanälen haben Dart und Snooker einen regelrechten Boom, ist das der Weg?

Poolbillard wäre in meinen Augen sogar prädestiniert fürs Fernsehen, deutlich besser als Snooker. Da sind aber die Preisgelder höher und seit Jahren werden die Topspieler elitär gehalten. Dann bezahlt man auch Eintritt, um sie zu sehen. Das hat der Pool-Verband verpasst.

Sie haben viele Jahre nicht mehr Mannschaft gespielt, waren auf der ganzen Welt bei großen Turnieren. Jetzt ist der Kaiser in Dachau, warum?

Des Kaisers Meriten

Ralf Souquet, 47, gewann seinen ersten deutschen Meistertitel als Junior im zarten Alter von 14 Jahren. Seither hat sich einiges getan, 2011 wurde er als erster Deutscher in die Hall of Fame des Billiard Congress of America aufgenommen. Unsterblich machte er sich im Jahr 2007, als er beim Mosconi Cup, das ist das Pendant zum Ryder Cup im Golf, bei dem eine europäische Auswahl gegen die besten Amerikaner antritt, das entscheidende Spiel mit einem 6:4 über Rodney Morris gewann und Europa damit zum dritten Mal diesen bedeutenden Pokal sicherte. 1997 erhielt Souquet, der in Alsdorf bei Aachen geboren wurde und heute in Manching lebt, aus den Händen des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog das Silberne Lorbeerblatt überreicht, die höchste sportliche Auszeichnung in Deutschland. 2012 wurde Souquet zu Europas Spieler des Jahres gewählt. toe

Die Anzahl der Turniere und die Preisgelder haben nachgelassen, da hatte ich wieder mehr Zeit. Und der damalige Bundestrainer Andreas Huber, seines Zeichens auch Präsident in Dachau, konnte mich im Vorfeld einer EM locken.

Mit viel Geld?

Das wäre schön. Der Verband war damals nicht in der Lage, den deutschen Sportlern die EM zu finanzieren. Ich hätte verzichten müssen, oder alles selbst zahlen.

Und da ist Dachau eingesprungen?

Dann haben der bayerische Verband und Dachau gesagt, wir finanzieren dir das und du spielst für uns.

Also ein Gegengeschäft?

Ja, ich habe mir das dann eine halbe Saison angeschaut und wieder Blut geleckt.

Es gibt Überlegungen, eine Champions League zu installieren.

Das war auch ein Grund, wieder im Team zu spielen, das wäre das i-Tüpfelchen. Aber die Idee ist momentan auf Eis gelegt.

Deutscher Meister, Champions League, als Fußballer wären Sie Multi-Millionär.

Man kann weder vom Ligageschäft leben, noch von Sponsoren, es ist die Mischung.

Sie sprechen von Preisgeldern?

Genau, bei Einzelturnieren. Für die Liga gibt es kein Geld. Wir hoffen aber, dass jetzt ein Sponsor einsteigt.

Als der Titel klar gemacht wurde, sagten Sie, nächstes Jahr wiederholen wir das. Die Mannschaft bleibt also zusammen?

Ich hoffe, dass wir in dieser Konstellation zusammenbleiben. Ich weiß, dass einige Spieler Angebote von anderen Vereinen haben, die wohl etwas zahlen. Es wäre also schon gut, wenn es hier in Dachau mehr finanzielle Unterstützung geben würde.

Und was macht der Kaiser?

Ich denke, dass ich weiterspiele.

Ich denke?

Es ist noch nicht in trockenen Tüchern, ich habe eine Anfrage aus dem Ausland, es könnte sein, dass ich ein Jahr ins Ausland gehen müsste.

Müsste?

Ja, es wäre ein Angebot, das ich nicht ausschlagen könnte.

Klingt nach Amerika.

(lacht) Kein Kommentar.

Wenn sich der Kaiser etwas wünschen könnte, was wäre das?

Dass das Team in der Form zusammenbleibt, das passt auch menschlich sehr gut. Die Liga wird wieder sehr spannend, es gibt starke Aufsteiger. Und ein Champions-League-Titel wäre auch nicht schlecht.

© SZ vom 11.05.2016
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