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Lacrosse:Fehlfarbtupfer

Laura Koschorek (re.) beim Endturnier um die deutsche Meisterschaft 2014, damals in München – natürlich in Blau-Weiß.

(Foto: Claus Schunk)

Rot-Weiß München ist Rekordmeister. Aber selbst beim mitgliederstärksten Klub ist das Spiel Randsport.

Der FC Bayern, na klar: Die Fußballer haben am Dienstag ein bisschen ihren 30. Meistertitel gefeiert, den achten in Serie; die Basketballer spielen gerade um ihren dritte deutsche Meisterschaft nacheinander. Oder der EHC Red Bull München: in den vergangenen vier Jahren dreimal deutscher Eishockey-Meister. Aber der Sport in München und der Region ist mehr als Fußball, Basketball, Eishockey. Zum Beispiel Frisbee, Bogenschießen oder Tipp-Kick. In einer losen Serie stellt die SZ Bundesligisten vor, von denen viele noch nie etwas gehört haben, die das Angebot aber erst bunt machen. Und es verdient haben, einmal gewürdigt zu werden.

Zum Auftakt ein Porträt des HLC Rot-Weiß München, deutscher Rekordmeister im Lacrosse.

Sportler sind traditionsbewusst. Alte Eigenheiten, die zu einer Sportart oder einem Verein gehören, legt man ungern ab, sie stiften Identität. Eine dieser Traditionen beim HLC Rot-Weiß München stammt aus den Anfangstagen des Lacrosse in Deutschland. Denn statt im namensgebenden Rot-Weiß laufen die Lacrosse-Mannschaften des HLC in Blau-Weiß auf. "Davon konnte man sich wohl nicht trennen", vermutet Max Trübswetter, 31, Kapitän der ersten Herrenmannschaft, und schmunzelt.

Trübswetter kam erst zum Lacrosse, als das "Rot-Weiß" schon im Vereinsnamen stand. In den 1990er-Jahren hatten sich die ersten Münchner Lacrosse-Spieler zusammengetan, meistens Leute, die dieses merkwürdige Spiel mit einer Art Kescher und einem Ball aus den Vereinigten Staaten mitgebracht hatten. Zuerst auf einem Platz bei Wacker München, dann als eigenständiger Lacrosse-Club München. Immer in Blau-Weiß. Der Anschluss als Sparte an den Hockey-Club München erfolgte 2008, das "Lacrosse" kam in den Vereinsnamen: Aus HC wurde HLC.

Rot-weiße Trikots gehen aber auch deswegen nicht, weil das die Farben des SCC Charlottenburg sind. Mit diesem Konkurrenten balgen sich die Münchner seit den Urzeiten, wer denn nun der allererste Lacrosse-Club in Deutschland war.

Keimzelle oder nicht, der HLC ist auf alle Fälle der größte Lacrosse-Verein, sagt Abteilungsleiter Fabian Reeb: "In den letzten zwei Jahren sind wir konstant bei 180 bis 200 Mitgliedern in der Sparte." Das macht deutlich, dass Lacrosse in Deutschland eine Nische ist. Das Spiel, bei dem der Ball mit einem Netzschläger ins Tor befördert werden muss, wurde von amerikanischen Ureinwohnern erfunden. In Kanada ist Lacrosse offiziell Nationalsportart, in den USA wird es an Colleges gespielt. Die beiden Nationen dominieren den Sport, der einmal olympisch war. Auch im britischen Commonwealth gibt es eine Tradition. In Deutschland dagegen braucht man Sitzfleisch, wenn man organisiert Lacrosse spielen will. Da es nur wenige Vereine gibt, sind die Auswärtsfahrten lang. "Als ich in der zweiten Mannschaft angefangen habe, ist man nach Friedrichshafen und Konstanz gefahren", erinnert sich Damenwartin Ricarda Vocke. Mittlerweile gibt es auch eine Landesliga Bayern.

"Beim Handball bleibt man immer die Gurke, wenn man erst mit 20 anfängt."

Der HLC hat drei Männer- und drei Frauenteams sowie jeweils eine Nachwuchsmannschaft. Auf höchster Ebene spielen die ersten Mannschaften in einer mehrgleisigen Bundesliga, der deutsche Meister wird in einem Finalturnier ermittelt. Vor der Corona-Pause führten Männer und Frauen die Bundesliga Süd an. Beide sind Rekordmeister, wenn man die Vorgänger des HLC mit einrechnet. In beiden Nationalmannschaften gibt es immer einen Münchner Block. Die Nationalspieler wiederum bringen von ihren Lehrgängen Neues mit und heben das Niveau im Klub weiter an.

Einerseits bietet der Ballungsraum gute Chancen für die Rekrutierung neuer Spieler, andererseits kommen immer wieder Lacrosse-Liebhaber des Berufes wegen in das Wirtschaftszentrum München, erklärt Vocke. Sie selbst hat eigentlich in Karlsruhe ihre Laufbahn begonnen. Beim Umzug nach München landete die 39-Jährige dann aber natürlich beim HLC. "Wir hatten immer viele Spielerinnen und Spieler, die auf einem hohen Leistungsniveau spielen wollten und Zeit investiert haben", sagt Nationalspielerin Tessa Helf, 28.

Es ist der Vorteil einer eher kleinen Basis: Das Aufsteigen in höhere Sphären ist leichter. "Bei Handball bleibt man immer die Gurke, wenn man erst mit 20 anfängt", sagt Trübswetter, der selbst erst in seinen Zwanzigern mit Lacrosse angefangen hat. "In anderen Sportarten ist die Nationalmannschaft unerreichbar", sagt Vocke. Trägt man allerdings erst einmal das Trikot mit dem Bundesadler, dann muss einem bewusst sein: Man spielt zwar international, Lacrosse bleibt aber Hobby. "Man zahlt nur drauf", sagt Tessa Helf, die schon Weltmeisterschaften gespielt hat. Für Lehrgänge muss sie Urlaub nehmen.

Beim Kontaktsport Lacrosse kann es durchaus einmal ruppig zugehen. Im Umgang mit den Schlägern bleiben blaue Flecken in den Zweikämpfen nicht aus. Zwar tragen die Spielerinnen und Spieler standardmäßig Schutzausrüstung, die Männer etwa Helme. Schwere Verletzungen sind aber selten. Und die Preise für die einzelnen Protektoren liegen unter 100 Euro. Der Einstieg sei also nicht sofort mit großen Investitionen verbunden, sagt Trübswetter.

Auf strategischer Ebene plant der HLC gerade genau das, eine große Investition in die Zukunft. Ein neuer Kunstrasenplatz soll entstehen. "Es gibt Vereine, die treffen sich in der Kneipe und müssen für jedes Training und jedes Spiel einen Platz mieten. Und dann gibt es Vereine, die spielen auf großen Multifunktionsanlagen. Wir sind so ein bisschen im Mittelfeld", ordnet Fabian Reeb die Infrastruktur der Anlage im Westpark ein, die bisher einen Rasen- und einen Kunstrasenplatz aufweist. Wenn alles gut läuft, dann kann im kommenden Jahr gebaut werden. Für weitere Meisterschaften in der blau-rot-weißen Lacrosse-Hochburg.

© SZ vom 18.06.2020

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