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Klettern:Problemlöserin mit freiem Kopf

lucia dörffel klettern

"Klettern macht wieder Spaß": Lucia Dörffel bouldert sich bei der EM in Moskau auf einen starken vierten Platz.

(Foto: Stepan Chaporov / DAV / oh)

Lucia Dörffel arbeitet in ihrer neuen Wahlheimat München an ihrem Traum von den Olympischen Spielen. 2024 möchte die Kletterin in Paris starten - ihr kleines Tief hat sie längst hinter sich gelassen.

Von Nadine Regel, München

Ob es an der guten Münchner Luft gelegen hat, dass Lucia Dörffel bei der Europameisterschaft im Klettern so erfolgreich war, lässt sich wohl nicht mit Sicherheit sagen. Dort nämlich boulderte sie sich ins Finale und errang einen starken vierten Platz. Fest steht, dass die Kletterhauptstadt Deutschlands seit Anfang Oktober um eine Top-Athletin reicher ist. Die 20-jährige gebürtige Chemnitzerin ist nach München gezogen, um hier gemeinsam mit Bundestrainer Urs Stöcker und dem Olympiakader zu trainieren - auch weil sie die Stadt einfach mag.

Blonder, langer Zopf, heller Teint, athletisch und richtig sympathisch, das beschreibt die junge Kletterin sehr gut. Mit ihrer Leistung bei der EM in Moskau zeigt sie sich zufrieden. Vor allem in ihrer Lieblingsdisziplin Bouldern, also dem Klettern ohne Seil und in Absprunghöhe, habe sie ihr Ziel, ins Finale zu klettern, erreicht, sagt sie am Telefon.

Eigentlich stand für die vier angereisten Athletinnen in Moskau das letzte Olympia-Ticket auf dem Plan, welches bei der EM vergeben wurde. Dafür hätte aber eine der Kletterinnen den ersten Platz bei der kombinierten Disziplin erringen müssen, was nicht gelang. Was man wissen muss: Klettern wird 2021 in Tokio testweise olympisch. Die Sportler müssen sich in Olympic Combined, einer Kombination aus den drei Grunddisziplinen des Kletterns (Speed, Lead und Bouldern), beweisen. Die drei Disziplinen verlangen den kompletten Kletterer, weil man viel umfassender trainieren muss.

Olympia bleibt für Dörffel erst einmal Zukunftsmusik. Die Hoffnungen für eine Teilnahme an den Spielen 2024 sind aber groß

Beim Speedklettern, also dem schnellstmöglichen Emporklettern einer genormten Wand, kommt es auf Schnellkraft an, beim klassischen Leadklettern am Seil auf Kraftausdauer und beim Bouldern auf komplexe Bewegungsabläufe. Olympia bleibt für Dörffel nun aber erst einmal Zukunftsmusik. Die Hoffnungen für eine Teilnahme 2024 in Frankreich sind aber sehr groß.

Die Grundlagen stimmen jedenfalls. Lucia Dörffel klettert, seitdem sie drei Jahre alt ist. Ihre Eltern und ihr Großvater nahmen sie mit in die Sächsische Schweiz und unternahmen Kletterurlaube in Italien, Frankreich und Spanien. "Ich denke, dass das viele Draußenklettern mir geholfen hat, weil ich ein gutes Körper- und Bewegungsgefühl entwickelt habe", sagt sie.

Während eines Freiwilligen Sozialen Jahres gelingt ihr der Durchbruch

Mit dem gezielten Training begann sie 2010 in einer Chemnitzer Boulderhalle. Der Durchbruch gelang ihr dann während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres im Leistungssport, das sie nach dem Abitur und einer dreimonatigen Reise durch Asien antrat. Dort hieß es zehn Stunden pro Woche arbeiten und 30 Stunden trainieren. Nach diesem Quasi-Vollzeittraining folgten bald ihre größten Erfolge. 2019 wurde Dörffel deutsche Meisterin im Bouldern und im Lead und erzielte jeweils einen dritten Platz in der Olympischen Kombination und im Bouldern bei der Jugend-Weltmeisterschaft in Arco.

Dass sie ihren Erfolg nun auch auf europäischem Niveau fortsetzen konnte, freut sie besonders. "Ich habe endlich wieder den Kopf frei und mache mir nicht mehr so viel Druck", sagt sie. Ihre Top-Leistungen 2019 stellten sie vor einen hohen Erwartungsdruck, mit dem sie zwischenzeitlich zu kämpfen hatte. Davon ist längst nichts mehr zu spüren. "Klettern macht wieder Spaß", sagt sie und darauf komme es ihr auch an.

"Auch die Community ist echt cool", sagt Dörffel

Die besondere Faszination macht für sie aus, dass man immer wieder neue Bewegungen hat und sich Routen und Boulder nie gleichen. "Auch die Community ist echt cool", sagt Dörffel. Man sei mit jedem direkt auf einer Wellenlänge und man probiert gemeinsam, eine Lösung für den Boulder oder die Route zu finden. Dafür hat sie jetzt in München am Olympiastützpunkt die besten Voraussetzungen. Neben dem Klettern steht hier ihr Studium der Lebensmitteltechnologie auf dem Plan. Das will sie auch gut abschließen, kann sich aber auch vorstellen, für Wettkämpfe ein Semester zu pausieren.

Bis Januar haben die Münchner Athleten und Athletinnen nun aber erstmal Trainingspause, bis es dann wieder an die Vorbereitung des neuen Wettkampfjahres mit Weltcups und Meisterschaften geht. Lucia Dörffel gibt das die Gelegenheit, ihre neue Wahlheimat München besser kennenzulernen.

© SZ/sewi
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