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Dritte Liga:Der Chef empfiehlt eine Tüte Chips

im Hintergrund die Spieler des SC Verl mit Schlussjubel, vorn: Patrick Hasenhüttl (Unterhaching, 11) enttäuscht schauend

Doppelte Tristesse: Am Ende passen die Mienen der Hachinger (hier Patrick Hasenhüttl) ganz gut zum Wetter.

(Foto: Sven Leifer/foto2press/Imago)

Die SpVgg Unterhaching verschludert gegen den ersatzgeschwächten Aufsteiger Verl in den Schlussminuten einen Zwei-Tore-Vorsprung. Der Trainer diagnostiziert Naivität, Präsident Schwabl vermisst Leidenschaft.

Von Christoph Leischwitz, Unterhaching

Manfred Schwabl stand bei diesem Spiel ausnahmsweise mal nicht neben der Ersatzbank an den Zaun gelehnt, er sah die Partie seiner SpVgg Unterhaching gegen den SC Verl von seinem Bürofenster aus, und wenn man nun die Vorkommnisse vom Dienstagabend mit Humor nehmen wollte, könnte man sagen: Mei, kein Wunder, dass da der Schlendrian eingekehrt ist, wenn der Präsident mal nicht am Spielfeldrand steht und grimmig dreinschaut. Ob er sein Büro zertrümmert hat, ist nicht bekannt.

Doch natürlich haben sie danach noch einiges zu hören bekommen von Schwabl. Komplett den Kopf gewaschen hat er den Spielern zwar auch wieder nicht nach dieser fatalen 3:4-Niederlage, aber natürlich musste er deutlich werden. Die vermutlich stark abgemilderte Form gab es am Tag danach auf telefonische Anfrage: "Herz und Leidenschaft haben das Spiel entschieden", fand der ehemalige Bundesliga-Profi. Er habe das Gefühl gehabt, so Schwabl, dass in der Schlussphase "nicht alle 100 Prozent" gegeben hätten. Und wer das nicht könne oder wolle, der solle doch am besten mit Herz und Leidenschaft eine Tüte Chips aufmachen und Fußball von der Couch aus verfolgen.

Trainer van Lent garniert sein Statement mit einem sarkastischen Lachen

Die aberwitzige Schlussphase dieses Drittligaduells dürfte aber auch ohne die präsidiale Kritik nachhaltig auf die Spieler wirken. Die Partie schien ja schon entschieden nach einem Verler Eigentor (41.), je einem Treffer durch Patrick Hasenhüttl (58.) und den eingewechselten Moritz Heinrich (75.), und Letzterer hatte auch noch eine Riesenmöglichkeit zum 4:1 gehabt. Dann brachte Kasim Rabihic, vor seinem Wechsel nach Nordrhein-Westfalen als Spielmacher für den FC Pipinsried und Türkgücü München tätig, Verl auf 2:3 heran (86.). Der stark ersatzgeschwächte Aufsteiger schöpfte Hoffnung und drückte. Prompt lenkte Markus Schwabl einen Abpraller ins eigene Tor, und Berkan Taz drosch den Ball freistehend zum Sieg für Verl ins Netz - aus einem 3:1 war innerhalb von vier Minuten ein 3:4 geworden.

Wie enttäuscht die Hachinger waren, bekamen einige Werbebanden zu spüren, die auf dem Weg zur Kabine stehen. Bei Magentasport, unmittelbar nach Abpfiff, hatte auch der Trainer versucht, es mit Humor zu nehmen. "Das ist bitter", sagte Arie van Lent, zeigte dabei aber ein sarkastisches Lachen. "Naivität" habe seine Mannschaft gezeigt, sie sei "grob fahrlässig" vorgegangen, sowohl im Umgang mit den eigenen Chancen als auch im Abwehrverhalten. Mit einem Dreier hätte die Mannschaft in diesem Nachholspiel des neunten Spieltags einen deutlichen Abstand auf die Abstiegsränge geschaffen.

Trainer Arie van Lent (Unterhaching) nach Spielende enttäuscht schauend, Enttäuschung, Frustration, disappointed, pessi

"Grob fahrlässig": Trainer Arie van Lent ärgerte sich, wie naiv seine Mannschaft es versäumte, den Abstand zu den Abstiegsrängen zu vergrößern.

(Foto: Sven Leifer/foto2press/Imago)

Van Lent hatte offensichtlich nicht nur in der Schlussphase mangelnde Einstellung erkannt. "Hört auf zu reden! Laufen!", rief er einigen Spielern zu, kurz vor dem 1:0 war das. Im Grunde genommen war die Mannschaft ja auch schon Ende der ersten Halbzeit für ihre laxe Haltung bestraft worden, als sie einen Freistoß in der 45. Minute schlecht verteidigt und das 1:0 nicht in die Pause gerettet hatte.

Gut möglich, dass der eine oder andere Spieler, der zu wenig Leidenschaft zeigte, am Samstag gegen Magdeburg nicht spielen wird. Weitere Konsequenzen dürfte der peinliche Auftritt erst einmal nicht haben. Präsident Schwabl jedenfalls gibt dem Trainerstab keine Schuld, dieser habe nach dem Spiel auch eine passende Ansage gemacht.

Der Weggang von Nico Mantl steht offenbar unmittelbar bevor

Ganz nebenbei hat der Vorsitzende zurzeit auch noch eine wichtige Personalie zu moderieren. Denn in Nico Mantl steht ein Leistungsträger der Mannschaft offensichtlich kurz vor dem Abschied. Schwabl bestätigte auf Anfrage, dass es viele Interessenten für den Torwart gebe, darunter RB Salzburg. Unterschrieben sei noch nichts. Allerdings legt die Tatsache, dass Mantl während der jüngsten beiden Partien aussetzte, doch nahe, dass ein Transfer wohl kurz bevorsteht. Immerhin, so Schwabl, habe Mantl leichte Oberschenkelprobleme, da wolle man aktuell nichts riskieren. Und die von der Bild kolportierte Zwei-Millionen-Offerte scheint für einen sehr talentierten 20-Jährigen nicht zu hoch gegriffen. Dem Torhüter Steve Kroll, der am Dienstag bei den vier Gegentoren weitgehend machtlos war, wird die künftige Chefrolle zugetraut, zumal er schon 43 Drittliga-Spiele absolviert hat.

Das Geld könnte die SpVgg Unterhaching gut gebrauchen, außerdem würde der Verkauf auf Schwabls Linie liegen, wonach ein Verein am ehesten von seiner eigenen Jugendarbeit profitieren sollte. Ob man mit dem Verkauf nicht vielleicht auch noch die Mannschaft verstärken könne, zum Beispiel im Angriff? "Wir haben eigentlich nicht vor, nachzubessern", entgegnete Schwabl. Er hofft immer noch auf eine Rückkehr von Routinier Stephan Hain, bei dem es aber nach seinen hartnäckigen Knieproblemen "immer wieder Rückschläge" gebe. Da bleibt dem aktuellen Kader nicht viel anderes übrig, als mehr Herz und Leidenschaft zu zeigen. Allein im eigenen Sportpark hat das Team im Januar noch dreimal die Möglichkeit, Siege über die Zeit zu retten. Außerdem steht am nächsten Dienstag das Derby bei Türkgücü München an.

© SZ/lib/sewi/sjo
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