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Darts:Show im Schlauch

Zum zweiten Mal trifft sich die Welt-Elite im Münchner Zenith. Obwohl die Halle nur eine Notlösung ist, locken die extrovertierten Profis an drei Tagen insgesamt 12 000 Zuschauer an.

Rob Cross tritt vor die Scheibe, drei Pfeile in seiner linken Hand, da beginnen einige Zuschauer zu buhen. Andere Dartsfans im Münchner Zenith pfeifen, wieder andere schreien. Sie sind so laut, dass Cross warten muss, bis er seine Pfeile zum Viertelfinalsieg beim German Darts Grand Prix gegen Mensur Suljovic abfeuern kann. Eigentlich richten sich die Buhrufe nicht gegen Cross, die Fans wollen nur viel lieber Suljovic, den lustigen Österreicher mit der charmanten Zahnlücke, noch einmal spielen sehen.

Als wieder Ruhe eingekehrt ist, beendet Cross das Spiel mit einem Treffer auf die Doppel-14. Er dreht sich zum Publikum, hat aber kaum den Mut, sich zu freuen. Er weiß, dass die Münchner seinen guten Kumpel Mensur noch mehr mögen als ihn.

Im Darts ist es ja so: Für die Spieler geht es darum, sich möglichst schnell von 501 auf null Punkte zu spielen. Die Fans wollen möglichst viel Spaß haben, deshalb lieben sie jene Spieler, die besonders unterhaltsam sind. Da wäre neben Suljovic etwa Peter Wright, den sie nicht nur in München verehren, weil dieser rundum coole Typ den aufrechtesten Irokesen der Welt trägt. Oder Max Hopp, den sie in allen deutschen Hallen feiern, weil er Deutscher ist.

Österliche Darts-Verzückung: Fans von „Evil Charlie“ Karel Sedlacek nach dem 6:4-Sieg ihres Idols in der ersten Runde gegen den Brasilianer Diogo Portela. Im Viertelfinale unterlag Sedlacek dem Deutschen Max Hopp dann 5:6.

(Foto: Claus Schunk)

Und dann gibt es Rob Cross, gegen den niemand etwas hat, den aber auch kaum einer vergöttert. Beim von Samstag bis Montag stattfindenden Osterturnier in München zeigt sich mal wieder warum. Der 28-Jährige von der Südküste Englands ist viel zu zurückhaltend, um unter seinen extrovertierten Kollegen aufzufallen. 2018 wurde er in seinem ersten Jahr auf der Tour Weltmeister. Danach wirkte es oft so, als belaste ihn der Trubel, den der Triumph mit sich brachte. "Die viele Zeit im Scheinwerferlicht war anfangs hart", sagt Cross. "Aber jetzt mag ich es."

Um ein Fanliebling zu werden, müsste er das auch auf der Bühne zeigen. Mal aus sich herausgehen. Bei Suljovic, seinem Viertelfinalgegner, kann man jederzeit miterleben, was er gerade fühlt. Er schüttelt Kopf und Hände, wenn es schlecht läuft, und jubelt enthusiastisch, wenn ihm etwas gelingt. Cross zeigt dagegen kaum eine Regung. Er geht einfach auf die Bühne und schmeißt seine Pfeile, so gut es geht, auf die Scheibe. Dann verschwindet er wieder. Gleichzeitig sagt er: "Ich bin wirklich dankbar dafür, das zu tun, was ich tue."

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Sein Spitzname lautet „Voltage“, doch von Rob Cross springen selten Funken zu den Fans über. In München war das nicht anders – bis zum Halbfinale gegen Michael van Gerwen.

(Foto: imago images)

Vor ein paar Jahren arbeitete Cross noch als Elektriker. Daher kommt sein Spitzname Voltage, Spannung. Im Halbfinale gegen Michael van Gerwen, seinen Dauerrivalen, ist er ausnahmsweise der Favorit der Zuschauer. Van Gerwen polarisiert auf der Tour, weil ihn viele für so etwas wie den FC Bayern des Darts halten - immer verbissen und dabei fast immer erfolgreich.

So auch in München. Van Gerwen, der Weltranglistenerste, gewinnt das Halbfinale in nur 20 Minuten gegen Cross, den Zweiten der Rangliste. Cross kann das atemberaubende Tempo des Niederländers nicht mitgehen, seine Scores sind zu niedrig. 7:1 gewinnt van Gerwen im Best-of-13-Modus. Kurz darauf fegt er auch im Finale über den bemitleidenswerten Simon Whitlock hinweg (8:3). "Er ist einfach auf einem anderen Level", sagt Whitlock. Den Grand Prix hat van Gerwen nun vier Mal gewonnen, längst hat er höhere Ziele: "Ich will versuchen, die Perfektion hinzubekommen."

Von den Zuschauern hört diesen Satz kaum einer mehr, fast alle laufen schnellstmöglich zu Auto oder U-Bahn. 3000 Fans waren am Montag zur Abendsession gekommen, mehr gingen nicht rein. Insgesamt kamen an den drei Tagen 12 000 Zuschauer, etwas weniger als im Vorjahr. Die Europa-Tour der Professional Darts Corporation (PDC), einer von zwei weltweit führenden Verbänden, machte erst zum zweiten Mal Halt in München. 2015 und 2016 fand jeweils ein Turnier in Unterschleißheim statt. Ganz einfach ist der Standort München nicht, denn eigentlich fehlt eine passende Halle. Das viel zu lange Zenith, an dessen Ende man kaum mehr mitbekommt, was vorne auf der Bühne passiert, ist nur eine Notlösung. Aber was Werner von Moltke, Präsident der PDC Europe, vor einem Jahr sagte, gilt noch heute: "Für uns geht es momentan nur im Zenith. Die kleine Olympiahalle ist zu teuer, die Olympiahalle zu groß." Alternativen gibt es nicht.

Trotzdem ist auch in München zu erkennen: Das ehemals als Kneipensport verschrieene Darts wird immer beliebter. Pausen haben die Spieler kaum. Rob Cross hat sich mittlerweile an die Reisen gewöhnt. Er freue sich, jede Woche woanders zu sein: "Es sind schöne Erinnerungen." Nur seine Familie vermisst er, während der Europa-Tour kann er nur selten nach Hause fliegen. Anfang Juni, beim World Cup in Hamburg, besuchen ihn seine Frau und seine Kinder bei einem Turnier. "Das geht leider nicht oft, weil die Kinder in die Schule müssen." Manchmal - so erlebt es Cross gerade - ist das Leben als Dartsprofi auch hart.