bedeckt München 17°
vgwortpixel

Corona-Geisterspiele:Emotionale Krücke

1. FSV Mainz 05 v Eintracht Frankfurt - Bundesliga

Unglückliche Fans: Für viele ist der Fußball ohne Zuschauer im Stadion nicht der selbe. Viktor Mraz will mit seiner App Abhilfe schaffen und die Stimmung zurück ins Stadion bringen.

(Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Klatschen, pfeifen, jubeln, singen: Ein Münchner bringt eine App auf den Markt, die per Knopfdruck Stimmung wie im Stadion verspricht. Vielleicht sogar bald im Stadion.

Eigentlich ist das Ganze ein Freundschaftsdienst. Auslöser sei das erste Geisterspiel in der Bundesliga Mitte März gewesen, Gladbach gegen Köln, erzählt Viktor Mraz: "Als meine fußballverrückten Freunde sehr verbittert da saßen und sich beschwerten, dass die Emotionen und der direkte Draht zum Spielfeld fehlen und Fußball so keinen Spaß macht, war der Moment gekommen." Sein Moment. Schon länger hatte er die Idee in der Schublade, nun war es Zeit, sie umzusetzen. Und siehe da: Die App MeinApplaus.de ist in der Welt und schon rund 1000 Mal verkauft worden. Nur dort, wo sie eigentlich hin soll, ist sie noch nicht: im Stadion.

Der Ball rollt wieder in der Bundesliga, der erste komplette Spieltag ohne Zuschauer ist Geschichte. Fazit: ging so, na ja, still war's. Wenn es nach Mraz und seinen Software-Entwickler-Kollegen der Herzenswerk.IT GmbH geht, ist das bald anders. Normalerweise beschäftigt sich das Team aus dem Münchner Westend mit Positiver Resonanz und IT-Sicherheit, hat einen Personal Security Service für exponierte Menschen (Ärzte, Anwälte, Berater, Führungspersönlichkeiten) und Unternehmen entwickelt, inklusive Soforthilfe bei Cyber-Vorfällen. Sozusagen eine Feuerwehr gegen Hacker-Angriffe. Mit der Applaus-App wagt sich Mraz, der CEO und Firmengründer, nun auf ein für ihn fachfremdes Feld: Ausgerechnet jemand, der weder kickt noch Fan eines Klubs ist, will die Stimmung zurück ins Stadion bringen.

Und zwar so: Die Fans vor dem Fernseher bestimmen über die App, wie laut es im Stadion und daheim auf dem Sofa ist. Die User können vier Anfeuerungsbuttons drücken: klatschen, pfeifen, jubeln und singen. Je mehr Fans einen der Buttons drücken oder das Handy schütteln, desto lauter wird es daheim - und womöglich auch im Stadion. Die Vereine sollen nämlich die Möglichkeit haben, die App im Stadion anzuschließen und somit auch den Kickern zumindest ein Grundrauschen in der menschenleeren Arena zu bieten.

Derzeit sei dieses Szenario jedoch noch "ein gutes Stück weg", gibt Mraz zu. Im Weg stehen Bedenken der Deutschen Fußball Liga (DFL), und dann sind da noch die Ultras, die mancherorts schon ihre Abneigung gegen das Stadionerlebnis per App bekundet haben. Manche Klubs seien durchaus interessiert, hielten aber die Füße still, so Mraz: "Wenn viele Vereine die App wollen, wird sich die DFL irgendwann auch nicht mehr sperren. Da heißt das Motto: lieber nichts tun als was Falsches. Aber jetzt müssen alle erst mal merken, wie doof so ein Fußballspiel ohne Stimmung ist."

Nicht nur mit der Bundesliga ist Mraz im Gespräch. "Seit die Daily Mail über uns berichtet hat, steht das Telefon nicht mehr still", erzählt er, "es könnte durchaus sein, dass die App in der ein oder anderen europäischen Liga Stadion-Premiere feiert." Dabei hat er alles schon live und im Stadion getestet: in der 12 000-Zuschauer-Arena des FSV Frankfurt. Klang zumindest auf Youtube gar nicht übel. Auch aus anderen Sportarten gebe es Anfragen: Handball, Rugby - gejubelt wird schließlich überall. Auch in der Kultur. Da habe man gerade einen Auftritt von Comedian Ingo Appelt im Autokino Auenwald bei Stuttgart per App beklatschen lassen, sagt Mraz: "Ingo hat gemeint: ,Es ist eine Krücke. Aber eine sehr gute Krücke.'"

Nur zu gerne würde Viktor Mraz mal erleben, wie seine Applaus-App die leere Arena in Fröttmaning beschallt. Er selbst war noch nie da, kennt nur das Olympiastadion von früher. Im Stadion sei er generell selten, sagt er: "Ist mir zu voll. Und zu laut."

© SZ vom 22.05.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite