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Billard:"In China werde ich erkannt"

Weltstar im Hinterzimmer: Albin Ouschan ist einer der besten Poolspieler des Planeten.

(Foto: Toni Heigl)

Albin Ouschan war die Nummer eins des Planeten in seinem Sport. Der SZ erklärt er die kleine, feine Welt des Poolbillards.

Interview von Ralf Tögel

Man stelle sich vor: Der Beste seines Faches spielt vor den Toren Münchens für eine kleine Entschädigung und keiner bekommt es mit. Im Poolbillard ist das keine Seltenheit, denn der BSV Dachau hat nicht nur einen Weltklassespieler in seinen Reihen, sondern seine gesamte Bundesliga-Mannschaft setzt sich aus solchen Ausnahmekönnern zusammen. Der derzeit Stärkste unter ihnen ist wohl Albin Ouschan, 26, der vor zwei Jahren sogar die Weltrangliste anführte und derzeit auf Platz sieben notiert ist. Der Weg des Österreichers war vorgezeichnet, sein Vater war ein guter Poolspieler, seine fünf Jahre ältere Schwester Jasmin ist eine der besten Spielerinnen der Welt.

SZ: Diese Frage muss sein: Wer spielt besser Billard, Sie oder Ihre Schwester?

Albin Ouschan: Jetzt auf jeden Fall ich.

Sie sind fünf Jahre jünger, Ihre Schwester ist im Billard so etwas wie Gesamtweltcupsiegerin Anna Fenninger im Alpinski. Früher war sie besser, stimmt doch?

Als ich unerfahrener und jünger war. Aber auch meine Schwester wusste, dass ich einfach dass größere Talent habe. Es war eine Frage der Zeit, wann ich es gut umsetzen kann, und jeder wusste, wenn bei mir der Knoten aufgeht, dann kracht es ordentlich.

Gibt es noch Duelle mit ihrer Schwester?

Wenn es zeitlich passt und die Trainingspläne gut koordiniert sind, dann ja, klar.

Andere Jungen spielen Fußball, wie kommt man zum Poolbillard?

Das war vorgegeben. Vor fast 45 Jahren hat meine Oma ein Gasthaus aufgemacht, 15 Jahre später wurde dort einer der ersten Billardklubs Österreichs gegründet. Mein Vater spielt seit 35 Jahren aktiv, da war es nur eine Frage der Zeit, wann wir groß genug sind, damit wir anfangen können.

Wann waren sie groß genug?

Wir hatten zu Hause schon immer einen Miniaturtisch, ich war ungefähr vier Jahre alt, mit sechs war ich dann groß genug für den großen Tisch.

Und jetzt sind sie Profi.

Richtig, seit etwa drei Jahren.

Kann man gut von Poolbillard leben?

Wenn man an der Spitze ist schon. Wir in Österreich werden auch ganz gut gefördert, was in Deutschland leider nicht der Fall ist, da gibt es einfach so viele gute Sportler. Ich bin zum Beispiel Kärntens Sportler des Jahres mit der Randsportart Billard. Das ist schon recht beeindruckend.

Und Ihre Schwester ist regelmäßig unter den fünf Besten bei der Wahl zur Sportlerin Österreichs, die fast immer von einer Skifahrerin gewonnen wird. In Deutschland ist das nicht vorstellbar.

Ihr habt ja auch das Hundertfache an Sportlern, in allen Sportarten gute Leute. Im Billard gibt es außer Ralf Souquet (Teamkollege in Dachau, d.Red.) nicht viel mehr.

Und in Österreich zählt nur Skifahren und Fußball?

Entsprechend schlimm wäre es, wenn ein Billardspieler ganz oben steht, wo so viel Geld in Skisport und Fußball fließt. Aber da habe ich nichts dagegen und über die Förderung können wir uns nicht beklagen.

Wer fördert in Österreich?

Das Bundesland und dann die Stadt Klagenfurt vor allem, weil wir eines der Aushängeschilder sind. Mit dieser Förderung geht es auch leichter. Man sollte aber auch ein paar große Turniere gewinnen, dass man auf Dauer von dem Sport leben kann.

Ein Tief sollte man lieber nicht haben?

Wenn ich mal zwei Jahre patzen würde, dann wäre das schon sehr schlimm.

Sie sind jetzt 26, gibt es einen Plan B?

Noch nicht, aber ich werde demnächst einen schmieden. Ich kann ja nicht davon ausgehen, jedes Jahr Weltmeister zu werden. Aber ich habe es natürlich vor.

Wohin könnte der Alternativplan gehen, auch in Richtung Billard?

Das kommt natürlich auch auf die Angebote an, in Österreich oder wo anders. Autos haben mich auch immer interessiert, vielleicht ja etwas in diese Richtung. Wie gesagt, ich muss mir erst Gedanken machen.

Momentan kracht es ja auch noch gehörig, sie waren 2015 die Nummer eins der Welt, werden momentan auf sieben geführt, zwischen fast nur Asiaten. Was führt einen Weltstar dieser Sportart ins beschauliche Dachau?

Andreas Huber (Erster Vorsitzender des BSV Dachau und früher zehn Jahre lang Bundestrainer, d. Red.). Den Andi habe ich schon lange gekannt aus seiner Zeit als Bundestrainer. Wir trafen uns immer wieder auf der Tour, bei Welt- und Europameisterschaften. Der Trainer von mir und meiner Schwester Jasi ist dann mal mit dem Andi ins Gespräch gekommen, dann haben sie über die deutsche Bundesliga gequatscht.

Und da sind Sie hellhörig geworden?

Ich habe mich schon immer für die Bundesliga interessiert und als es hieß, Dachau würde jemanden suchen, hat das ganz gut gepasst.

Und ein paar Mitspieler kannten Sie ja auch?

Ralf Souquet kannte ich natürlich schon lange und wir haben uns sofort verstanden, es hat alles sofort gepasst.

Ist die Bundesliga so lukrativ?

Natürlich gibt es eine Entlohnung, aber man darf das nicht mit anderen Sportarten vergleichen, man kann nicht davon leben. Für mich ist das in erster Linie ein sehr gutes Training. Die Ausspielzeiten sind kurz, das Adrenalin ist immer hoch.

Sie haben jetzt zweimal den Titel geholt, bleiben Sie in Dachau?

Ja das habe ich vor, wir müssen noch mal reden, aber es sollte bei Dachau bleiben.

Das Ziel ist die Titelverteidigung?

Natürlich.

Erst mal ist aber Ligapause.

Für uns beginnt aber die Saison jetzt, im Juni sind die China Open, die habe ich 2015 gewonnen.

China ist ein boomender Markt.

Das ist ein riesengroßes Turnier, China ist vom Marketing her und medial derzeit das Größte, was Billard zu bieten hat.

Wie groß darf man sich das vorstellen?

Bei den China Open haben wir in einer Woche zwischen 80 und 100 Millionen Fernsehzuschauer, das ist schon beeindruckend. Danach geht es direkt von Schanghai nach London zur Doppel-Weltmeisterschaft.

Dort treffen Sie ein paar Teamkollegen.

Genau, Ralf Souquet spielt für Deutschland, mein österreichischer Teamkollege Mario He spielt auch für Dachau. Ziel ist das Podest. Im Juli sind die World Games (für nicht-olympische Sportarten, d. Red.) in Breslau in Polen, die sind alle vier Jahre, wie die Olympischen Spiele.

Warum dominieren die Asiaten die Sportart?

Da hat Poolbillard einen ganz anderen Stellenwert. Bei den Asian Games hat der Taiwanese von seinem Land für den dritten Platz 30 000 Euro bekommen. Das ist für uns unglaublich.

Was hätte er für Gold bekommen?

Ich glaube 80 000 oder 100 000 Dollar. In Asien ist dieser Sport unglaublich beliebt, die Billardspieler in China können alleine gar nicht auf die Straße gehen.

Sie bleiben wahrscheinlich in Deutschland unbehelligt?

In Asien werden meine Schwester und ich oft erkannt und angeredet, hier nicht.

Welchen Stellenwert hat Pool in Amerika?

Dort ist es eher Amateursport, aber es gibt halt zigtausende Amateur-Spieler.

Und in Europa? Die Niederländer haben auffallend viele gute Profis.

Dort wird der Sport sehr gut gefördert vom Olympischen Komitee. Ein Holländer bekommt für eine EM-Medaille ein Jahr lang monatlich 2000 Euro. Das ist schon ein schönes Zuckerl für einen Billardspieler. Dann kommt von der Förderung her, glaube ich, schon Österreich.

In Deutschland hat Poolbillard immer noch den Ruch des Kneipensports ...

... nicht nur in Deutschland. Das wird eigentlich überall so gesehen. Weil jeder Pool aus Filmen kennt, von diesem Klischee wird Billard schwer wegkommen. So lange man es aus Spaß macht und in ein Café zum Spielen geht. Die Leute rauchen und trinken dabei. Im Profisport ist das natürlich anders.

Wie muss man sich das Leben als Poolbillard-Profi denn vorstellen?

Ich bin bis zu 250 Tage im Jahr unterwegs, da braucht man eine gewisse Grundkondition, um das durchzustehen. Ich gehe nicht viermal die Woche ins Fitnesscenter, aber ein Turnier geht über drei Tage und dann stehst du sechs bis acht Stunden am Tisch. Vor allem mental ist das sehr anstrengend, du musst zu 100 Prozent da sein.

Wie trainieren sie die mentale Belastung, mit einem Sportpsychologen?

Genau, wir haben einen im Kader, der trainiert mit uns Life Kinetik, wie man die rechte und linke Gehirnhälfte beansprucht, Übungen, um den Puls runterzubringen, solche Sachen.

Beschreiben Sie mal eine Vorbereitungsphase.

Jetzt zum Beispiel stehe ich fünf Tage pro Woche für zwei, drei Stunden am Tisch für Übungen und Spiele. Dann kommt eine halbe bis dreiviertel Stunde ein Workout mit Laufen und Stabilisationstraining.

Wo trainieren Sie?

Wir haben hier in Klagenfurt eine Billardakademie, drei Tische, Büro und Fitnessraum. Da denkt man nicht an Kneipensport, aber das ist ein Privatklub für mich und meine Schwester, der von der Stadt Klagenfurt gefördert wird.

Viel Freizeit bleibt Ihnen nicht, die will gut genutzt sein.

Die größte Aufmerksamkeit bekommt meine Tochter, die ist jetzt 21 Monate alt. Und sonst: viel Relaxen.

Spielt Ihre Frau auch Billard?

Sie ist Lehrerin und hat mit Billard gar nichts am Hut.

Warum wird Dachau wieder deutscher Meister?

Weil die Balance zwischen den Spielern passt, wir viel Spaß haben und viel miteinander unternehmen. Außerdem spielen wir sehr viele Turniere und sind mental stärker, was uns - Entschuldigung - schon oft den Arsch gerettet hat. Wir haben zum Schluss die Nerven bewahrt. Außerdem haben wir einen Fanklub, die reisen uns wie die Irren mit Trommeln durch ganz Deutschland nach, das gibt uns einen Extrapush. Das alles zusammen ist der Cocktail, mit dem man deutscher Meister wird.

© SZ vom 09.06.2017

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