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Billard:Ein Knackpunkt und viele Karambolagen

„Das Schönste ist der Freitag vor den Spielen, wenn sich alle wieder treffen“: Christos Christodoulidis, Gründungsmitglied und Vorsitzender des BC.

(Foto: Claus Schunk)

Der BC München steht vor seiner ersten deutschen Meisterschaft - ob der Klub in der Bundesliga bleiben kann, ist vor allem eine Geldfrage.

Von Oliver Götz

"Jetzt wird er Rot spielen", prophezeit Christos Christodoulidis und blickt gespannt durch die Glaswand, die das Spiellokal des Billard-Carambolclubs München (BC) in zwei Hälften teilt. Der Spieler auf der anderen Seite der Glaswand kann Christodoulidis nicht hören. Er spielt die gelbe Kugel an. Und verfehlt sein Ziel. "Ich hätte die rote Kugel gespielt", sagt Christodoulidis und zuckt mit den Schultern. "Deshalb spielt er in der zweiten Bundesliga", sagt er und lacht. Ein Scherz.

Christodoulidis spielt Dreiband-Karambolage-Billard für den BC München. In der ersten Bundesliga. Er gehört in Deutschland zu den Besten in seiner Sportart, die kaum einer kennt. Billard schon, klar. Aber Dreiband-Karambolage?

Es fängt schon damit an, dass der Spieltisch keine Löcher hat. Und dann sind da nur drei Kugeln. Eine weiße, eine gelbe und eine rote. "Meinem Gegner gehört Weiß, mir Gelb", erklärt Christodoulidis. "Oder andersherum, das wird zu Beginn des Spiels ausgestoßen. Die rote ist eine neutrale Kugel, die trifft man nur." Das Grundprinzip des Spiels ist dann schneller erklärt als gedacht: "Mit meiner Kugel muss ich die anderen beiden treffen, eine Karambolage. Zuvor muss die gleiche Kugel aber mindestens dreimal die Bande berührt haben. Wenn ich das schaffe, bekomme ich einen Punkt und bleibe am Tisch." Der Weltrekord liegt bei 28 Punkten in Serie. In der Bundesliga gewinnt sein Spiel, wer zuerst 40 Punkte gesammelt hat. Ein Team besteht aus vier Spielern, der Gesamtsieg bringt drei Punkte.

Für Christodoulidis' Mannschaft hat es in dieser Spielzeit viele Siege gegeben. Acht in zehn Begegnungen, bei einem Unentschieden und einer Niederlage. Das bedeutet Tabellenplatz eins mit vier Punkten Vorsprung auf den Zweiten BC International aus Berlin, der den Münchnern gemeinsam mit dem BC Magdeburg als Hauptkonkurrent gilt und ein Spiel mehr absolviert hat. Die Chancen auf den Gewinn der Meisterschaft stehen bei acht ausstehenden Partien so gut wie wohl noch nie. Ausgerechnet in dieser Saison, "wo wir überhaupt keine Hoffnungen hatten", erinnert sich Christodoulidis, der beim BC hinter Lütfi Cenet, Konstantinos Kokkoris und dem ehemaligen Mannschaftsweltmeister Johann Schirmbrand an Position vier gesetzt ist. "Aber wir haben einen guten Start gehabt. Dann sind die Sorgen um den Abstieg weg und man kann befreit aufspielen."

Christos Christodoulidis spielt Dreibandbillard seit seiner Jugend. Schuld daran seien "ein paar ältere Herrschaften, die in Dachau auf einem Karambolagetisch hin und her gespielt haben", erzählt er. "Ich war neugierig, habe gefragt, was sie da machen, und dann immer öfter mit ihnen gespielt." Sein Interesse wuchs, und als er nach Kreta zum Biologiestudium aufbrach, fand er gleich mehrere "tolle Dreibandklubs" vor. 1994 kehrte er zurück nach Deutschland, mit einer sportlichen Leidenschaft im Gepäck, die ihn nicht mehr los ließ. In der Folge gewann er zehn Mal die bayerische und einmal die deutsche Meisterschaft, dazu zwei Grands Prix. Und nahm 2014 als einziger Hobbyspieler an der WM in Südkorea teil. Christodoulidis ist ein Mensch, der sich darauf nie etwas einbilden würde. Es war wirklich nur ein Scherz, was er da zu Beginn an der Glasscheibe sagte, das mit der zweiten Bundesliga. Dabei gäbe es Gründe genug für den 51-Jährigen, der hauptberuflich als Referent am Münchner Flughafen arbeitet, zumindest ein bisschen stolz zu sein auf das, was er erreicht hat. Vielleicht ist er das auch. Er zeigt es offenbar nur ungern, erzählt fast beiläufig von seinen Erfolgen, seiner Karriere und der Vereinsarbeit für den BC München, dessen Gründungsmitglied und Vorsitzender er ist.

Den BC München gibt es erst seit 2004 und ein bisschen ist er aus der Not heraus geboren. Einige seiner Mitglieder, früher beim Billardsportverein München (BSV), der im Dreiband in Bezirks- und Oberliga aktiv ist, waren unzufrieden mit den Gegebenheiten rund um dessen Spielort, eine Gaststätte. "Es gab Sperrstunden, einen Ruhetag, wir mussten uns danach richten, wie es dem Pächter, gleichzeitig Vorsitzender des Vereins, genehm war", erzählt Christodoulidis. Relativ schnell sammelte der neu gegründete BC Freunde. Seit 15 Jahren zählt er nun fortwährend zwischen 70 und 75 zahlende Mitglieder. Gespielt wird in einem Eckhaus an der Westend- und Ganghoferstraße.

Der Erfolg stellte sich innerhalb kürzester Zeit ein. "Knackpunkt" sei der Aufstieg in die zweite Bundesliga gewesen, "mit hausgebackenen Spielern", wie Christodoulidis sagt. Daraufhin hätten einige Mitglieder privat Geld gegeben. 2014 gelang dem BC München der Sprung in die erste Bundesliga. Seither ist er nicht wieder abgestiegen, hat dazu weitere Mannschaften in der zweiten Bundesliga sowie in der Ober- und Bezirksliga. In den vergangenen Jahren war die erste Mannschaft nah dran am Meistertitel, wurde zweimal Zweiter und einmal Dritter.

In der aktuellen Spielzeit soll es endlich klappen. Zwei Siege zu Hause am Samstag gegen den Tabellenletzten BC Elfenbein Höntrop (14 Uhr) und am Sonntag (11 Uhr) gegen den Tabellenfünften Bottrop sind fest eingeplant. Es sind die letzten beiden Partien in den bisherigen Räumlichkeiten. Danach muss der BC in die Gotthardstraße 89 umziehen. Der Mietvertrag wurde ohne Angabe von Gründen nicht verlängert.

Für die Zukunft gibt Christodoulidis auch deshalb bodenständige Ziele aus: "Es gilt zuallererst finanziell über die Runden zu kommen." Die Bundesliga sei "nice to have", aber nicht zwingend. "Wir haben keinen Nachwuchs, vielleicht verlieren irgendwann die Sponsoren ihre Lust." Für die meisten sei Billard ein Hobby, sagt er. "Für den Aufwand, der man leisten muss, ist der Ertrag zu gering. Das erkennen die Leute früh und lassen es." Die gegenwärtige Situation will er deshalb umso mehr genießen. "Das Schönste ist der Freitag vor den Spielen, wenn sich alle wieder treffen. Da ist die Stimmung super, gerade wenn man erfolgreich ist." Um das zu bleiben, gilt es so oft wie möglich die richtige Kugel anzuspielen.

© SZ vom 31.01.2020

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