Billardsportverein Dachau Don Quichotte reitet wieder

Dachau war der große Favorit auf den deutschen Meistertitel. Nun sieht sich der Zweite vom Verband benachteiligt.

Von Ralf Tögel, Dachau

Als "eine depressive Grundgrantigkeit" beschreibt Andreas Huber seine derzeitige Gefühlslage, denn dieser letzte Spieltag ging ihm dann doch nahe. Huber ist gestählt von vielen Jahren als Vorsitzender des Billardsportvereins (BSV) Dachau; er war Bundestrainer, Stützpunktleiter, hat Bücher geschrieben, Lehrfilme gedreht. Huber ist ein unermüdlicher Kämpfer dafür, dass dem Poolbillard endlich das Prädikat Leistungssport angeheftet wird. Seit Jahren sieht er sich dabei, auf einem dürren Klepper sitzend, mit einer Lanze in der Hand Auge in Auge mit riesigen Windmühlen. Doch dieser Spieltag, dieses Ergebnis hat Huber zugesetzt. Sogar ihm.

Neben dem übergeordneten Kampf, der Missionierung seiner Sportart, hatte Huber speziell in dieser Saison ein etwas kleineres, aber für den Verein wahrscheinlich sogar bedeutenderes Ziel: die deutsche Meisterschaft. Und selten hat Huber eine Auswahl mit besseren Aussichten ins Titelrennen geschickt. Alles vergebens, der BSV Dachau hat die Runde auf dem zweiten Platz abgeschlossen - nur auf dem zweiten Platz, muss man sagen, vor Serienmeister BC Oberhausen, aber hinter dem Aufsteiger und Überraschungsmeister PBC Schwerte. Trotz Spielern wie "Kaiser" Ralf Souquet, dem einzigen Europäer, der bislang in die "Hall of Fame" aufgenommen wurden, trotz Spielern wie dem Spanier David Alcaide, Europameister, oder den Österreichern Albin Ouschan und Mario He, allesamt in Europas Ranglisten sehr weit vorne zu finden, und natürlich Manuel Ederer. Der galt als "German Wunderkind" und ist nach einer einjährigen Pause zurück. "Wir sind der FC Bayern des Billards", hatte Huber vor der Saison gesagt.

Der BSV-Chef weiß, dass es es nun nach der verpassten Meisterschaft auch Häme gibt. Dass es angesichts des edel besetzten Kaders nicht reichte, liegt paradoxer Weise gerade auch an dessen Qualität. Denn in den ersten beiden Partien fehlten alle Topspieler, weil zeitgleich der "World Cup of Pool" stattfand, die zwar inoffizielle, aber lukrative Doppel-Weltmeisterschaft. Souquet war für Deutschland im Einsatz, Alcaide für Spanien, Ouschan und He für Österreich. Die Deutsche Billard Union (DBU) sah indes keine Notwendigkeit, die Spiele zu verlegen, was Huber derart in Rache brachte, dass er "das Kriegsbeil ausgraben" wollte und eine Klage gegen den Verband prüfte.

Dass den Titelfavoriten in der Rückrunde ein ähnliches Schicksal ereilte, lag dann an der 10-Ball-Weltmeisterschaft. Wieder fehlten den Dachauern wichtige Akteure, wieder wollte die DBU kein Spiel verlegen. "Definitiv sportschädigende Entscheidungen" seien da getroffen worden, fauchte Huber. Jedenfalls schleppte Dachau fortan eine schwere Hypothek mit sich herum. Und dennoch hätte es beinahe gereicht. Das Überraschungsteam Schwerte sicherte sich den Titel mit einem glücklichen 4:4 gegen Dachau am letzten Spielwochenende mit dem hauchdünnen Vorsprung von einem einzigen Pünktchen.

Ausgerechnet Manuel Ederer, der an diesem Tag seinen 22. Geburtstag feierte, wurde ein Flüchtigkeitsfehler zum Verhängnis, auch weil sein Gegner Can Salim-Giasar diesen eiskalt zu nutzen wusste. Das abschließende 6:2 gegen Oberhausen kam zu spät, auch weil der BSV Fürstenfeldbruck keine Schützenhilfe leistete. Die Brucker unterlagen Schwerte knapp 3:5, der ehemalige Dachauer Valery Kuloyants musste sich in drei engen Sätzen unglücklich geschlagen geben. Ein Schwerter Punktverlust hätte Dachau zum Meister gemacht.

Bruck spielte insgesamt "eine durchwachsene Saison", wie der Vorsitzende Stefan Klein resümiert. Der Vorjahreszweite belegte nur den sechsten Rang, was Klein auch darin begründet sieht, dass "die Liga schon sehr stark geworden ist". Klein muss in der kommenden Saison auf Kuloyants verzichten, der berufsbedingt eine Bundesliga-Pause einlegt. Für ihn wird Philipp Stojanovic in die Mannschaft rücken, der auch schon für Dachau an den Tischen stand.

Zum Finale in Oberhausen waren eigens die Dachauer Pooligans mit einem Bus angereist, der Fanklub veranstaltete ein entsprechendes Spektakel. Vor allem als Bundessportwart Roland Gruß zur Siegerehrung auftauchte, der unter anderem für Spielverlegungen verantwortlich zeichnet. Kein Wort habe man verstanden, sagt Huber, so wurde der Offizielle ausgepfiffen. Auf der gemeinsamen Heimfahrt habe die Ernüchterung indes nur fünf Minuten gedauert, erzählt Huber, die restlichen 700 Kilometer wurde gefeiert. Weil auch die Aufholjagd mit Siegen gegen Fürstenfeldbruck (zweimal 5:3), Meister Schwerte (im Hinspiel 6:2) sowie Oberhausen (7:1 und 6:2) als Erfolg gewertet wird.

Und in der kommenden Saison? Ist Dachau wieder Favorit, sagt Brucks Vorstand Klein. Für seinen BSV gibt er "Platz drei oder vier" als Ziel aus. Der Nachbar gibt sich mit derlei nicht zufrieden, denn die Mannschaft bleibt nicht nur in dieser Konstellation zusammen, vielmehr sucht Huber nach Verstärkungen. Er will den Kader verbreitern, damit Ausfälle nicht mehr so ins Gewicht fallen. Fest steht, dass Ex-Europameister Dominic Jentsch zurückkehren will. "Wir werden wieder angreifen", sagt Don Quichotte Huber. Lanze und Klepper stehen bereit.