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Basketball ProB:"Zwei gegen zwei ist besser als nichts"

Justin Hedley geht nach England, um zu studieren und in der ersten Liga Basketball zu spielen.

(Foto: Claus Schunk)

Wie sich die Oberhachingen den Gegebenheiten anpassen, am neuen Kader basteln - und auf einen Saisonstart mit Zuschauern hoffen.

Von Ralf Tögel, Oberhaching

Mario Matic glaubt, dass "wir uns daran gewöhnen müssen, mit dem Virus zu leben". Ein weiterer Lockdown? Daran mag er gar nicht denken, lieber hofft er, dass vielleicht ein Impfstoff wieder Normalität in den Alltag bringt. Noch aber gelte es, sich mit den Gegebenheiten abzufinden. Das gilt auch für den Nebenjob von Mario Matic, er ist nämlich Basketballtrainer. Als solcher muss er zu allen Vorsichtsmaßnahmen des täglichen Lebens ein paar zusätzliche Kompromisse eingehen. Denn der Trainingsbetrieb der Oberhachinger Tropics, die in der zweiten Liga ProB notiert sind, ist ebenfalls alles andere als normal. Weil sich die Oberhachinger sportlich zwar in einem recht professionellen Bereich bewegen, es sich bei den Spielern aber um Amateure handelt, greifen bei den Tropics die Ausnahmeregelungen für Berufssportler nicht. Während Profis seit ein paar Wochen wieder weitgehend normal trainieren dürfen, muss Matic mit seinen Spielern improvisieren.

Doch Jammern ist nicht die Sache des 41-Jährigen, er ist schon froh, dass er überhaupt mit einer Handvoll Spieler in die Halle darf. Fünf Akteure plus Trainer dürfen mit Körperkontakt üben, sofern es sich um die immer selbe Gruppe handelt. "Zwei gegen zwei", so findet der Trainer, sei schon mal besser als gar nichts, "wir machen viel Wurftraining, einiges im athletischen Bereich, Schnellkraft, Geschwindigkeit, solche Dinge." Dabei macht es der Freistaat seinen Sportlern nicht einfach, in anderen Bundesländern dürfe längst in Teamstärke trainiert werden, erzählt Matic. Er habe aber für die Vorsichtsmaßnahmen in Bayern Verständnis und kann dem sogar etwas Positives abgewinnen: "Wir haben viel Nachholbedarf, schließlich haben die Spieler vier Monate lang gar nicht trainiert." Es wäre also gar nicht förderlich "von null auf 100 hochzufahren", erklärt der Chefcoach, lieber will er seine Spieler behutsam an ihr Toplevel heranführen, ehe im September die eigentliche Vorbereitung beginnt.

Knox ist weg, Grujic zu teuer: Die Tropics machen aus der Not eine Tugend und verjüngen sich

Der Saisonstart in der ProB ist erst auf den 16. Oktober terminiert, weshalb Matic auch die Vorbereitung nach hinten verschoben hat. "Sechs Wochen genügen", sagt der Trainer, was einen weiteren Vorteil berge: "So haben wir auch mehr Zeit, Sponsoren zu finden." Noch sei der notwendige Etat nicht zusammen, den der Coach auf eine niedrige fünfstellige Summe beziffert. Immerhin etwas Positives in diesen unschönen Zeiten, auch vom vorzeitigen Saisonabbruch hatten die Tropics profitiert, die seinerzeit Vorletzter waren. Gleichwohl ist der Coach überzeugt, dass sein Team den Klassenerhalt sportlich noch geschafft hätte. Im Saisonendspurt war der Kader durch Omari Knox verstärkt worden und einige Langzeitverletzte waren zurückgekehrt. Dass Knox nicht zu halten ist, war Matic klar, weitere Änderungen kamen etwas überraschend.

Zwar wurde der "Kern der Mannschaft gehalten", sagt der Trainer, ansonsten müssen sich die Tropics auch bei der Kaderzusammenstellung den neuen Gegebenheiten anpassen. Christian Hustert zieht es aus beruflichen Gründen nach Düsseldorf, der Vertrag mit dem serbischen Center Milan Grujic wurde nicht verlängert. Zum einen habe das finanzielle Gründe, zum anderen will Matic aus der Not eine Tugend machen: "Ein Umbruch war sowieso demnächst fällig, den ziehen wir nun gleich durch und verpassen dem Team eine Verjüngungskur." Für den 33-jährigen Routinier kommt der 22-jährige Lukas Dollinger, der 2,04 Meter große Center ist athletisch und war bereits vergangene Saison Trainingsgast bei den Tropics. Dollinger wurde beim FC Bayern ausgebildet, unter anderem von Cheftrainer Oliver Kostic, der aber durch Andrea Trinchieri ersetzt wird.

Der SC Freiburg des Basketballs: Chris Würmseher hat ein Angebot vom Erstligisten Bayreuth

Zudem kommt Bernhard Benke. Der 2,09-Meter-Hüne ist trotz seiner Größe ein guter Abwehrspieler und offensiv flexibel einsetzbar. Benke genoss eine erstklassige Ausbildung bei Ratiopharm Ulm, wo er schon mit 18 Jahren im Erstligakader stand und Eurocup-Einsätze hatte. Er entschied sich aber gegen eine Profilaufbahn, studierte Wirtschaftsingenieurwesen und spielte drei Jahre lang in der ersten Regionalliga für Leitershofen. Trotz Angeboten aus der ProA wechselt der 23-Jährige zu den Tropics: "Er ist ein Rohdiamant, er hat den Körper für die Basketball-Bundesliga", sagt Matic.

Oberhaching gilt mittlerweile als gutes Pflaster für die Entwicklung von Spielern, zwei Weggänge untermauern nun diese These: Der 23-jährige Guard Chris Würmseher "hat ein Angebot vom Erstligisten Bayreuth", weiß Matic. Und Justin Hedley, 24, ehemaliger englischer Jugendnationalspieler, geht zurück auf die Insel, wo er neben einem Engagement in der ersten englischen Liga auch ein Studium beginnen wird. Matic hofft, dass derlei Beispiele weitere Talente locken: "Vielleicht werden wir ja der SC Freiburg des Basketballs."

Eine große Hoffnung hat der Trainer der Tropics noch, wenn man schon mit dem Virus leben muss: "Vielleicht können wir zu Saisonbeginn wieder mit Zuschauern spielen, 100 Fans in der Halle wären ja schon mal was."

© SZ vom 16.07.2020

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