Süddeutsche Zeitung

919 Schützen aus 98 Nationen:Die magische Zahl

Lesezeit: 3 min

Beim Weltcup der Sportschützen in Garching-Hochbrück dreht sich in diesem Jahr alles um die 17 Quotenplätze für die Olympischen Spiele - das deutsche Team steht unter Druck.

Von Julian Ignatowitsch

Sie sprechen mal wieder alle von den Olympischen Spielen - und eine Zahl, die dabei besonders oft erwähnt wird, ist die 17. "So im Zeichen der Ringe wie diesmal stand der Weltcup selten", sagt Lisa Haensch vom Deutschen Schützenbund (DSB) und schiebt nach: "Die magische Zahl lautet 17." Eben.

So viele Quotenplätze für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 werden dieses Jahr beim Schützen-Weltcup in München seit Sonntag bis Christi Himmelfahrt vergeben. 919 Schützen aus 98 Nationen gehen an den Start. Der traditionsreichste Weltcup, der bereits zum 30. Mal stattfindet, ist einmal mehr ein großes Schützenfest. Auf der Schießanlage in Garching-Hochbrück werden wieder Hände geschüttelt, Freundschaften geschlossen und Scheiben geschossen. Das "Blattl"-Schießen, also die maximale Wertung von 10,9 Ringen, ist das Ziel jedes Athleten, der hier an den Start geht. Wer am nächsten rankommt, sichert sich seinen Platz für die Sommerspiele im nächsten Jahr. Das klingt einfach, ist bei dieser diffizilen Sportart, bei der jeder Mikrometer, jede technische Feinheit und jedes Zucken über Sieg und Niederlage entscheiden kann, aber alles andere als leicht.

Die deutsche Mannschaft geht mit 30 Sportlern in voller Besetzung und in allen Disziplinen - Gewehr, Pistole, Schnellfeuerpistole - an den Stand. Aktuell hat der DSB erst vier Quotenplätze (3×40 Frauen, Schnellfeuerpistole Männer und zweimal Sportpistole Frauen) sicher, was Sportdirektor Heiner Gabelmann "nicht zufriedenstellt". Das Team ist also gefordert. Gerade die Gewehrschützen schnitten in dieser Saison unterdurchschnittlich ab und müssen in Isabella Straub auf ihre beste Schützin und Lokalmatadorin verzichten. Straub schließt gerade ihr Lehramtsstudium ab, steht kurz vor dem Referendariat und war zuletzt viel unterwegs. Sie bekommt eine Pause. Auch die erfahrene Regensburgerin und Olympia-Zweite Monika Karsch (Pistole) wird geschont. Nach den Karriereenden von Barbara Engleder und Daniel Brodmeier, zwei der erfolgreichsten Athleten in den vergangenen Jahren, bekommen die Jungen Gelegenheit, sich zu zeigen: In Max Braun, Anna Janßen, Sabrina Hößl und Hannah Steffen sind gleich vier Junioren am Gewehr nominiert, die international kaum Erfahrung haben. Zwischen Olympioniken, Weltmeistern und Weltcup-Siegern werden sie es extrem schwer haben. Der Druck bei den Gewehrschützen lastet so auf dem 22-jährigen Lengdorfer Maximilian Dallinger. Auch er wartet noch auf den internationalen Durchbruch und Erfolge, ist aber eine der größten olympischen Hoffnungen.

"Die Lichtverhältnisse sind sehr schwer", erklärt Geis, vor allem morgens bei bewölktem Himmel

Ein Olympiasieger geht immerhin auch für das deutsche Team ins Rennen: Schnellfeuer-Pistolenschütze Christian Reitz besitzt zweifellos die beste Chancen auf einen Quotenplatz. Beim Weltcup in Peking war es zuletzt überraschenderweise sein Teamkollege Oliver Geis, der dank Platz zwei über die Olympiaqualifikation jubelte. "Ich schieße jetzt befreiter", sagt er.

Den Heimweltcup sieht Geis, wie die meisten deutschen Schützen, als Vorteil: "Es ist eine vertraute Umgebung, alle sprechen die Sprache, jeder versteht einen, es ist alles unkomplizierter." Der Stand in München hat seine Besonderheiten: "Die Lichtverhältnisse sind sehr schwer", erklärt Geis. Vor allem wer morgens um 8 Uhr bei bewölktem Himmel ran muss, habe die "Arschkarte gezogen". Das gelbe Kunstlicht mache die Sicht noch schwieriger. Da der deutsche Kader regelmäßig in München trainiert, ist er diese Eigenheiten aber gewohnt und aus dem Problem wird letztlich ein Vorteil. Trotzdem hoffen sie auf gutes Wetter, wie meist in den vergangenen Jahren. Zwar schwitzt man unter den dicken Schießanzügen bereits bei 20 Grad, Atmosphäre und Stimmung auf der Anlage sind dann aber einfach viel besser, der "olympische Spirit", von dem die kroatische Luftgewehr-Olympiamedaillengewinnerin Snjezana Pejcic spricht, noch präsenter. Der beste französische Schütze, Pierre Edmond Piasecki, der in der Bundesliga für den Bund München antritt, sieht im Münchner Weltcup gar "das Mekka unserer Sportart". Der Ungar Istvan Peni freut sich auf "Haxn und Apfelstrudel", die Serbin Zorana Arunovic darauf, "durch die Münchner Gassen zu schlendern".

All das zeigt die große Beliebtheit der Veranstaltung bei den Sportlern. Damit alles reibungslos abläuft, sind mehr als 100 Helfer eingebunden, 89 deutsche Wettkampfrichter, Sportler und Betreuer sind in acht Hotels untergebracht, Shuttle-Busse fahren den ganzen Tag. Gary Anderson, technischer Delegierter des Weltverbandes in München, sagt: "Es ist der größte Weltcup in der Geschichte der ISSF!"

München wird auch für seine Offenheit geschätzt. Das ist nicht überall so. Zuletzt erhielten die pakistanischen Schnellfeuer-Pistolenschützen keine Einreiseerlaubnis zum Weltcup in Neu Dehli. Daraufhin wurden die zwei geplanten Quotenplätze in dieser Disziplin gestrichen und auf München übertragen. Am Ende dürften einmal mehr die chinesischen Athleten ganz oben stehen, sie dominieren die Sportart in fast allen Disziplinen seit Jahren und waren bereits am Sonntag bei der ersten Entscheidung am Luftgewehr der Frauen mit Silber und Bronze doppelt erfolgreich. Gold ging an die Inderin Apurvi Chandela. Damit sind am Montag noch 15 Quotenplätze frei.

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SZ vom 27.05.2019
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