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Sport und Spaß im Freien, Folge 6:Mit dem Kopf über die Wand

Beim Parkour kommt es darauf an, sich seine direkte Route durch die Stadt oder die Natur zu suchen. Wer effektiv von einem Punkt zum anderen kommen will, kann auf Mauern keine Rücksicht nehmen

Lea beobachtet genau, wie Florian auf zwei rote, hintereinander stehende Ziegelmauern zurennt. Nach drei großen Schritten ist er an der ersten angekommen, er stützt seine Hände auf der brusthohen Oberkante auf, springt mit seinem ganzen Körper zwischen seinen Armen durch, dann drückt er sich auch mit seinen Armen ab, fliegt kurz durch die Luft und kommt schließlich mit seinen Fußballen auf der gegenüberliegenden Mauer zum Stehen. Kurz balanciert er auf der Kante, dann springt er wieder auf den Boden. Lea hat vorher selbst schon probiert, diese Sprungfolge nachzumachen. Sie zieht ihren blonden Pferdeschwanz fester, dann nimmt auch sie Anlauf, der Sprung über die Mauer klappt, aber dann schrammen ihre Turnschuhe an den Ziegeln der zweiten Mauer hinunter, und sie kommt vor ihr zum Stehen. "Ich trau mich nicht", sagt sie und grinst, "aber das ist was anderes als ,ich kann das nicht'!"

Sie weiß, dass sie das eigentlich auch beherrscht, denn die 20-Jährige betreibt bereits seit vier Jahren Parkour. Dabei geht es darum, so effektiv wie möglich von einem Punkt zu einem anderen zu gelangen. Die Bewegungen sollen dabei fließend ineinander übergehen, und die Umgebung soll kreativ genutzt werden. Ein Traceur, was im Französischen in etwa "der, der eine Linie zieht" bedeutet, zieht sich an Hindernissen hoch, macht Salti und Rollen, springt über Mauern und lässt sich von Stangen hängen - je nachdem, was er vorfindet und was ihm in den Sinn kommt.

Lea trifft sich jeden Samstag mit anderen Traceuren im Olympiadorf. Die Gruppe besteht dieses Mal vor allem aus jungen Leuten, manche sind schon wie Lea seit Jahren dabei, andere erst seit ein paar Wochen. Anfänger erkennt man schon, bevor das Training begonnen hat: Ein Mädchen trägt als einzige enge Sportleggings, alle anderen weite Jogginghosen. Jenny, eine Studentin mit blau gefärbten Haaren, lacht und sagt: "Je länger ich hier bin, desto weiter wurden meine Hosen."

Vanessa, so heißt das Mädchen mit den Leggings, ist aber eben erst das zweite Mal dabei. Sie lernt noch die Grundlagen und übt gerade Präzisionssprünge. Immer wieder hüpft sie auf einen niedrigen Betonklotz und versucht, dort stehen zu bleiben. Zwischendurch schielt sie zu den anderen. Einer aus der Gruppe hängt an einer übermannshohen Mauer. Er drückt sich mit seinen Beinen ab, dreht sich leicht seitlich in der Luft und hängt dann an einer gegenüberliegenden Mauer. Hin, her, hin, her, mit jedem Sprung verzieht sich sein Gesicht immer mehr vor Anstrengung, ein letzter Sprung, dann setzt er sich erschöpft auf den Boden. Seine Hände sind von dem rauen Stein aufgeschürft, Schweiß läuft ihm über die Stirn - aber er lächelt stolz.

Für Parkour braucht man Kraft und ein wenig Technik - aber tatsächlich noch viel wichtiger ist der Kopf. "Die mentalen Grenzen sind viel schneller erreicht als die körperlichen", sagt Lea. Den Sprung über die Mauer, den ihr Freund vorher gezeigt hat, den hat sie in einer Halle schon geschafft. Aber hier draußen ist es etwas anderes. Wenn man hier einen Fehler macht, dann fällt man auf den harten Boden. Dabei passiert meistens zwar nichts, denn Lea hat gelernt, sich abzufangen. Wenn überhaupt, dann leidet ihre Hose, am Knie hat sie schon mehrere kleine Löcher. Und trotzdem, manchmal ist die geistige Hürde einfach zu groß.

Manch andere Hürde taucht jedoch auch hin und wieder in ganz realer Form auf. "Hey! Das ist doch kein öffentlicher Spielplatz!", unterbricht eine laute Stimme das Training. Eine ältere Frau begutachtet kritisch von einem grün bepflanzten Balkon das Treiben der Gruppe. "Aber wir machen doch nichts kaputt", versucht Lea zu erklären. Doch die Bewohnerin lässt sich nicht überzeugen, und deshalb packen alle ihre Rucksäcke und Taschen zusammen und gehen, sie wollen niemanden stören. Und schließlich kennen sie noch andere Orte, an denen sie trainieren können.

Immer der Nase nach

Parkour wurde Ende der 1980er-Jahre in Frankreich von Raymond Belle entwickelt. Die Gruppe Parkour München (www.parkour-münchen.org) trifft sich jeden Samstag um 11 Uhr vor dem Park & Ride an der U-Bahnstation Olympiazentrum. Ein Einführungstraining findet jeden ersten Samstag im Monat statt und ist offen für alle ab 15 Jahren. Im Verein FAM München können bereits Kinder ab dem Alter von einem Jahr erste Bekanntschaft mit Parkour machen. Die ganz Kleinen lernen dabei natürlich keine Salti, sondern werden dazu angeregt, sich frei zu bewegen. Der Verein hat Trainingsangebote für alle Altersstufen, diese finden entweder am Parkour-Park am Candidplatz oder in einer Halle statt. Mehr Informationen dazu gibt es auf www.fam-münchen.de. Und auf der Website www.munichtracers.de werden weitere Internetadressen und Infos zu Parkour und verwandten Sportarten gesammelt. ahsc

Die "Rote Stadt" beispielsweise, eine Ansammlung an bunt besprayten Wänden mit Betonplatten als Dächer. Eigentlich handelt es sich um einen Spielplatz, aber Kinder sieht man gerade nur wenige herumklettern, dafür aber umso mehr Traceure: Die "Rote Stadt" ist bekannt in der Parkour-Szene. Auch Lea hat dort viel Zeit verbracht. Wochenlang hat sie sich täglich auf eine der schmalen Betonumrandungen gestellt, mit dem Rücken zur Kante, um das Halten des Gleichgewichts zu üben und sich an das Gefühl zu gewöhnen.

Inzwischen ist das kein Problem mehr. Lässig balanciert sie dort, unter ihren Fersen kommt erst mal nichts, dann weiter unten der Kiesboden. Sie kneift die Augen zusammen, murmelt ein kurzes "okay" und presst dann die Lippen zusammen, sie atmet aus - und springt, über eine Distanz von etwa zwei Metern. Ihr Ziel: Eine ähnliche Kante wie die, auf der sie gerade stand, und auch dahinter geht es erst einmal nach unten. Tatsächlich landet sie mit ihren Fußballen auf dem dünnen Betonrand, balanciert kurz und springt dann nach hinten ab. Eine ihrer Freundinnen hat sie beobachtet und freut sich mit ihr über den gelungenen Sprung. Konkurrenzdenken gibt es hier nicht. Jenny hat früher Hockey gespielt, aber irgendwann hatte sie genug von den Wettkämpfen. "Jeder kann hier beim Parkour irgendetwas anderes", sagt sie, "und wenn man ein Problem hat, dann kommt jemand, der einem hilft."

Deshalb ist es auch ganz egal, wie gut man ist. Lea, Jenny, Vanessa und zwei andere entscheiden sich, einen Run zu machen: Sie starten von demselben Punkt, suchen sich eine Route, und auf ihrem Weg zeigt jeder, was er kann. Eine schlägt ein Rad, Lea springt über die Mauern, Vanessa macht eine Rolle am Boden. Ein Gruppenmitglied hat sie gefilmt, und am Ende sitzen alle fünf in einer Ecke um das Handydisplay versammelt und freuen sich über ihre gemeinsame Performance: "Das ist so cool!", ruft eine. Nur kurze Zeit später ist jeder wieder mit den eigenen Übungen beschäftigt. Wenn es dann aber wirklich schwierig wird, hängen gleich drei Leute an der Wand und helfen sich dabei, den Sprung über die Mauerschlucht zu schaffen.

© SZ vom 29.05.2018

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