Sonic Youth in München Zuckerbrot und Peitsche

Das Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben: Im Münchner Haus der Kunst zeigt die legendäre No-Wave-Band Sonic Youth, warum sie immer noch Vorbildfunktion hat.

Von Beate Wild

Eigentlich weiß man von Anfang an genau, auf was man sich bei diesem Konzert eingelassen hat. Sonic Youth spielen ihre legendären Songs aus den achtzigern Jahren im Münchner Haus der Kunst. Sämtliche Titel kennt man, es gibt nichts, womit man überrascht werden könnte. Neue Stücke hat die Band aus New York schon länger nicht mehr produziert. Die Frage, die einen umtreibt ist, ob die Musik von damals heute noch genauso authentisch und aussagekräftig ist wie damals.

Sängerin Kim Gordon von Sonic Youth gilt als Stilikone.

(Foto: Foto: AP)

Dann heulen die ersten Gitrarrenriffs auf, eine Begeisterungswelle geht durch die Reihen. Man fühlt sich augenblicklich wie zu Hause, der Sound von Sonic Youth wärmt einem sofort das Herz. Was am Donnerstagabend im Haus der Kunst zählt, ist, die unnahbare Einzigartigkeit, diese Band live zu erleben. Das hat im Fall von Sonic Youth aber gar nichts mit dem üblichen Nostalgie-Gedöns und dem seit einigen Jahren so beliebten Revival legendärer Rockbands zu tun.

Die Kommerzialisierung ihrer Music hat sich Sonic Youth selbst verboten. Als sie die Band 1981 gründeten, legten Kim Gordon, Thurston Moore und Lee Ranaldo Prinzipien fest, an die sie sich bis heute halten: Kein Mitglied der Band soll die Rolle des Frontmanns übernehmen. Die Musik soll sich vom Mainstream abheben. Die Bandmitglieder sollen sich von allen musikalischen Fesseln lösen.

So hört sich die Musik der New Yorker mal mehr, mal weniger experimentell an und widersetzt sich konsequent der üblichen Vereinnahmung durch das Pop-Business. Das war vor mehr als 25 Jahren schon so und hat sich bis heute nicht geändert. Kim Gordon, mittlerweile fast 56 Jahre alt, trägt wie immer ein reizvolles Kleidchen. Ihre Bandkollegen tun sich optisch nicht unbedingt hervor, bemühen sich aber um einen soliden Sound. Moore wirkt mit seinem gesteiftem T-Shirt und seiner kinnlangen Mähne wie ein 20-jähriger Teenager. Unglaublich, was diese Band für eine Geschichte hat.

Das Album "Daydream Nation", das vor 20 Jahren erschien, verschaffte der New Yorker Band den Durchbruch und legte den Grundstein für die nächsten zehn Jahre Rockmusik. Mit ihrem Sound haben Sonic Youth etwas ganz Besonderes geschaffen. Ohrwurm verdächtige Melodien brechen unvermittelt ab, oftmals gewinnt anarchischer Lärm die Oberhand, die Songs wehren sich gegen jede Art von Struktur. Sonic Youth waren angetreten, um sich von allen musikalischen Regeln zu befreien und den Begriff noise neu zu definieren.

Das gewaltige Wechselbad von Melodie und Lärm war damals neu. Ihr Stil war Vorbild für eine ganze Generation von Garagenrockern. Die Grungeband Nirvana wurde durch Sonic Youth erst berühmt. Die Gruppe um Kurt Cobain trat zum ersten Mal vor einem großen Publikum im Vorprogramm der vier New Yorker auf. Nach der Tour empfahl Thurston Moore der Plattenfirma Geffen Records die unbekannte Band. Der Rest ist Geschichte.

Das Konzert, das Sonic Youth an Montagabend gibt, ist zu Ehren des Malers Gerhard Richter, dessen Werke das Haus der Kunst derzeit zeigt. Die Band wählte für das Cover von "Daydream Nation" seinerzeit das Gemälde "Kerze" des Künstlers. Das mag zunächst wie eine Antithese erscheinen, doch Kim Gordon sagte einmal über das Motiv: "Uns gefiel es, ein Cover zu haben, das nicht nach Punk aussieht, wo das Äußere nicht mit dem Inneren übereinstimmt - wie ein trojanisches Pferd."

In München beschränkt sich Sonic Youth nicht nur auf sein Erfolgsalbum, sondern spielt querbeet durch ein Dutzend Alben. Der Sound reicht von atmosphärisch, ja fast meditativ, bis zu derbem Gitarrengeschrammel. Ein Highlight ist "100 %", bei dem sich das Publikum im Haus der Kunst kaum mehr halten kann. Auch "Becuz" aus dem Album "Waching Machine" ist einer der Höhepunkte des 90-minütigen Konzerts.

Bemerkenswert ist im Übrigen auch die Bühnenshow: Sie hat sich seit den Anfangszeiten der Band überhaupt nicht verändert. Immer gleich und fast schon stoisch bieten sie ihre Songs dar. Selbst die Tanzeinlagen von Kim Gordon sind immer die gleichen, seit mehr als 20 Jahren.

Und so ist man am Ende des Abends froh, sich auf das Konzert eingelassen zu haben. Die Songs von Sonic Youth haben eine solche Erhabenheit und konspirative Wirkung, wie sie eine Band von heute niemals erreichen könnte. Ein Vorbild für Musiker von heute, immer noch.