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"Sicherheitskonferenz" im Theater:Ungesagtes auf der Bühne

Sagen, was verschwiegen wird: Zur "Sicherheitskonferenz" hat Regisseur Stefan Kaegi das Neue Haus der Münchner Kammerspiele in den Festsaal des Bayerischen Hofs verwandelt.

Stefan Kaegi, 1972 in der Schweiz geboren, rief mit Helgard Haug und Daniel Wetzel das Theaterkollektiv Rimini Protokoll ins Leben, inszeniert in verschiedensten Konstellationen dokumentarische Theaterabenteuer - der Begriff "Experten des Alltags" wurde zum Merkmal für die Nichtschauspieler, mit denen er arbeitet. Mal tourt er mit zwei bulgarischen Lastwagenfahrern und einem umgebauten LKW quer durch Europa, dann entwickelt er in Kairo ein Projekt über den Gebetsruf im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ("Radio Muezzin") oder theatralisiert die Hauptversammlung der Daimler AG in Berlin. Am Donnerstag hat seine erste Produktion an den Kammerspielen Premiere: Zur "Sicherheitskonferenz" verwandelt er das Neue Haus in den Festsaal des Bayerischen Hofs (20 Uhr).

SZ: Haben Sie echte Sicherheitsexperten, Teilnehmer der jährlichen Münchner Sicherheitskonferenz dabei?

Stefan Kaegi: Na ja, im Grunde ist ja jeder ein Sicherheitsexperte. Im engeren Sinn ist das natürlich Wolfgang Ohlert. Der war lange der Protokollchef der Konferenz und musste zum Beispiel darauf achten, dass Sarkozy schon drin ist, wenn Putin als letzter kommt, oder die Israelis nicht auf dem gleichen Hotel-Stockwerk wie die Iraner wohnen. Dann haben wir noch einen Kameramann, der im Balkankrieg, so sagt er, dazu beigetragen habe, dass Kroatien eher anerkannt wurde als Serbien: Weil die Serben ihn nicht haben filmen lassen und er also seine Aufmerksamkeit den Kroaten schenkte. Und einen Robotic-Experten, der uns Maschinen gebaut hat, die sich gegenseitig kaputt schlagen. Und einen kleinen Helikopter, der die Teilnehmer filmen wird. Ferngesteuert. Eine Metapher dafür, dass man glaubt, auf der Konferenz weit entfernte Probleme lösen zu können.

SZ: Wie recherchierten Sie denn über die Konferenz, einen Sachverhalt, der einem ja per se nicht offensteht?

Kaegi: Das ist tatsächlich ein bisschen schade. Wir haben lange über alle möglichen Kanäle versucht, da hineinzukommen, aber das wollen natürlich viele. Also haben wir übers Jahr verteilt die Leute getroffen, die da normalerweise drin sind. Weniger die Top-Minister, die sieht man ja eh im Fernsehen, da sagen sie schon das, was sie gegenüber uns bereit wären zu sagen, sondern die Leute im Hintergrund, den Protokollchef eben, eine Dolmetscherin, die die englische Stimme für Scharping und Schröder war. Wir sprachen mit Stefan Kornelius von der SZ, mit Sicherheitsleuten, die auf die vielen Hintertreppentreffen aufpassen, auf denen extrem schnell Punkte abgehandelt, Truppen verschoben oder Grenzen geändert werden. Und wir haben Sidigullah Fadai dabei, der im August 2001 eine Afghanistan-Konferenz in München in einem großen Partyzelt veranstaltet hat, auf der etwa der Taliban-Außenminister vertreten war; dann kam der elfte September, und einige der Teilnehmer sitzen jetzt in Guantanamo.

SZ: Was damals passierte, was etwa diese Partyzeltkonferenz wollte, müssen Sie ihm einfach glauben. Bei den meisten Ihrer bisherigen Arbeiten haben Sie gesehen, was die Leute machen. In Realität.

Kaegi: Im Zentrum stehen ja immer Biographien. Hier auch. Wir nehmen den Raum der Sicherheitskonferenz und besetzen um. Nicht die Haupthampelmänner, sondern die, die kausal in die Auswirkungen der Konferenz verstrickt werden. Wir spielen ja nicht die Sicherheitskonferenz nach.

SZ: Dennoch waren bislang Figur und Biographie in Ihren Arbeiten eins. Jetzt haben Sie Schauspieler der Kammerspiele dabei, die wohl kaum von ihren eigenen Biographien erzählen werden.

Kaegi: Nein, die vertreten andere. Caroline Ebner etwa vertritt eine Ärztin, die gerade in Afghanistan bei der Armee ist, Annette Paulmann jene Dolmetscherin, Jochen Noch den Vertreter einer Rüstungsfirma hier in der Nähe von München. Der weiß gar nicht genau, dass wir ihn vertreten.

SZ: War das von Anfang an geplant, oder wurden diese Vertretungen notwendig durch Sachzwänge?

Kaegi: Sowohl als auch. Es war ja klar, dass wir zum Beispiel niemanden von der Rüstungsindustrie dazu kriegen, bei einem Theaterstück mitzumachen. Wäre schön gewesen. Aber vermutlich hätte der eh nur laviert. Jetzt können wir die Geschäftsentwicklung der Firma in den letzten 50 Jahren ganz trocken erklären.

SZ: Diese stärkere Theatralisierung ist ja eher neu für Sie. Ist das der Weg einer Entwicklung, vielleicht gar im Gegensatz zu den beiden Rimini-Weggefährten Helgard Haug und Daniel Wetzel?

Kaegi: Es gibt da keine grundsätzliche ideologische Trennung. Wir sind immer auf der Suche, Neuland zu entdecken. Es ist ja nicht falsch, einen Schauspieler auf die Bühne zu stellen. Das können auch interessante Menschen sein. Annette Paulmann etwa ist schon eine Figur für sich. Es geht nicht darum, dass die großartig spielen. Sie vertreten - das ist viel zurückgenommener und für die auch neu.

SZ: Hat es für Sie Vorteile, mit Schauspielern zu arbeiten?

Kaegi: Ich finde sehr schön daran, dass es so die Möglichkeit gibt, Texte klarer zu formulieren. Wenn man über die Biographie spricht, verhandelt man ja in einer Ko-Autorenschaft auch Dinge, über die der andere nicht sprechen will, die aber vielleicht wichtig wären. Oder umgekehrt ist dem Menschen vielleicht manches ungeheuer wichtig, was für die Zuschauer langweilig ist. Wenn die Menschen sich selbst erzählen, sind die Grenzen viel enger.

SZ: Wenn die Leute nur für sich selbst stehen, als die "Experten des Alltags", besteht ja immer ein bisschen die Gefahr eines Skurrilitäten-Kabinetts.

Kaegi: Die lassen sich tatsächlich nicht unbedingt leicht in Schranken weisen. Das Timing bestimmen wir - aber es ist oft ein langer Verhandlungsprozess. Es ist nicht leicht, wie etwa bei "Radio Muezzin", aus der Moschee kommende Wertvorstellungen auf die des Theaters treffen zu lassen. Das ist zwar auch sehr interessant, aber manchmal sind die Abstriche sehr groß, die man an den Klugheitstransfer, der in einem durchgeformten Theaterabend auch steckt, machen muss.

SZ: Wie rigide sind Sie denn als Regisseur?

Kaegi: Ich schreie einfach so lange rum, bis die machen, was ich will (lacht). Nein, ich bin ja eher ein Zuhörer als ein großer Besprecher. Das ist ja eigentlich mein Beruf: Zuhörer. Und Redakteur des Abends, der versucht zu strukturieren, zu rhythmisieren, zu editieren. Ich sage nicht auf Proben: Jetzt mach's nochmal lauter, stärker, mit mehr Gefühl. Ich rede eigentlich immer nur über die Texte, die gesprochen werden. Und ein paar technische Abläufe. Es geht nie ums Wie, immer nur um das, was gemacht wird.

SZ: Wäre es nicht gleich effizienter, aus den Interviews ausschließlich Texte für Schauspieler zu destillieren?

Kaegi: Diese Interviews sind total langweilig im Vergleich zu dem, was dann als Theatertext herauskommt, weil wir ja mit den Experten immer weiter verhandeln. Schauspieler solche Texte sprechen zu lassen, wird ohnehin viel gemacht, das ist dann dokumentarisches Theater. Ich bin da als Zuschauer meistens sehr abgelenkt durch die Art, wie die Schauspieler das machen. Da denkt man automatisch über das Kunsthandwerk nach. Und ich bin ein bisschen ein Feind von solchen Virtuositäten. Mit den Experten, die auf der Bühne stehen, steht ja auch ganz viel Ungesagtes auf der Bühne.

© SZ vom 21.10.2009/sonn
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