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Sicherheit auf der Wiesn:Wie München den Ausnahmezustand plant

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Der Himmel im Bierzelt, die Hölle für Sicherheitsexperten: willkommen auf dem Otkoberfest.

(Foto: AFP)

Wie evakuiert man eine nicht mehr zurechnungsfähige Masse? Und wohin, wenn alles überfüllt ist? Aus der Sicht von Sicherheitsexperten dürfte vieles auf der Wiesn nicht genehmigt werden. Was die Stadt unternimmt, alles irgendwie im Griff zu behalten.

Von Dominik Hutter

Jetzt sind erst einmal die Architekten am Zug. Preisfrage: Wie bringe ich 1500 zusätzliche Gäste im neuen Schützenzelt unter, das doch im kommenden Jahr aus Sicherheitsgründen kleiner ausfallen soll als das alte? Bis Jahresende, zum Anmeldeschluss für die Wiesn 2015, müssen die Pläne fertig sein. Erst dann kann die Prüfung im Kreisverwaltungsreferat (KVR) beginnen - endlich, könnte man sagen, wo doch die Enge ums Schützenzelt den Katastrophenschützern schon seit Jahren Bauchschmerzen bereitet.

Andererseits ist keineswegs sicher, dass die Probleme durch den Neubau auch gelöst werden. Für die KVR-Experten ist die Konstruktion des Zeltes nur ein Baustein in der ziemlich komplizierten Sicherheitsarchitektur, die viel mit Vorschriften, aber noch mehr mit jahrelangen Erfahrungen zu tun hat. Erfahrungen mit einem Fest, das man in dieser Dimension und Enge wohl nie genehmigen könnte, wenn es zum ersten Mal stattfände. Weil es eigentlich jedem Sicherheitsdenken Hohn spricht.

Bei der Katastrophenvorbeugung auf dem größten Volksfest der Welt gilt es, den Ausnahmezustand im Ausnahmezustand zu planen. Bei den Bierzelten heißt das vor allem: die Evakuierung einer eigentlich nicht mehr zurechnungsfähigen Masse auf ein ohnehin schon überfülltes Gelände, und das zügig und ohne Panik. Gleichzeitig müssen Rettungskräfte anrücken können. Die Szenarien reichen vom Dämlack mit Pfefferspray über den Stromausfall bis hin zum Brand der aus Holz gefertigten Zelte oder einem Terroranschlag.

Bei der Konstruktion der Zelte, berichtet Peter Bachmeier von der Branddirektion, gilt: Je hundert Gäste muss der Fluchtweg mindestens 60 Zentimeter Breite haben, und es dürfen nur maximal 30 Meter ins Freie sein. Im neuen Schützenzelt soll dies unter anderem durch eine Verlegung der Schießstände gewährleistet sein, trotz höherer Kapazität. Nur: Wie wirkt sich das auf die heute schon bestehenden Engpässe im Freien aus? 24 Meter Abstand sollten zwischen zwei Großzelten schon sein, aus Brandschutzgründen. Die Außenwände von Schützenhalle und Winzerer Fähndl trennen derzeit nur elf Meter. Elf Meter, auf denen oft drangvolle Enge herrscht.

Ab drei Personen je Quadratmeter, sagt Bachmaier, kommen auch Rettungskräfte nur noch im Schneckentempo durch. "Suboptimal" nennt daher KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle die Situation rund um das Zelt. Zwar haben die Behörden schon in der Vergangenheit etwas vom Biergarten abgezwackt. Klar ist aber: Das Zelt muss insgesamt kleiner werden, von der Grundfläche her, damit breitere Fluchtwege bleiben. Ob dies dann ausreicht, um noch einmal fast ein Drittel mehr Gäste hineinpacken zu können, ist völlig offen.

Andere Gesetze für ein einmaliges Massenphänomen

Dabei könnte alles so einfach sein: Dasselbe Zelt auf dem Frühlingsfest oder auch ganz allein auf der Theresienwiese - und schon gäbe es keine Probleme mehr. Aber die Wiesn ist eben ein einmaliges Massenphänomen - weshalb andere Gesetze gelten. Eigentlich hat sich der Stadtrat schon 2002 darauf verständigt, in der Wirtsbudenstraße keine zusätzlichen Plätze mehr zu genehmigen. Die Kapazitätskurve steigt trotzdem an - von 95 000 Plätzen in den Bierzelten und -gärten 1993 auf inzwischen 118 000, und rechnet man die kleinen Schänken mit ein, werden es noch mal mehr.

Den größten Schub machte zwar die Erfindung der Oidn Wiesn mit ihren zusätzlichen Zelten aus. Aber auch im Bestand geht es laut Blume-Beyerle stetig aufwärts. Immer mehr Schausteller wollen auch mit Speisen und Getränken Geld verdienen. Überließe die Stadt das Fest einfach sich selbst, würde wohl schnell eine einförmige Zeltstadt entstehen, aufgelockert durch einige versprengte Karussells. Selbst ein Klassiker wie der Schichtl lebt längst nicht mehr von Enthauptungen allein, sondern schenkt in Massen Bier aus.

Fahrgeschäfte dürfen nicht benachteiligt werden

Im Stadtrat wird deshalb schon im Interesse der Münchner Familien darauf geachtet, dass die Fahrgeschäfte nicht auf der Strecke bleiben. Ein Umzug des Schützenzelts, etwa in Richtung Esperantoplatz, kommt deshalb für die Lokalpolitiker nicht in Frage, weil das eine Art Stachel im Fleisch der dort angesiedelten Schaustellerei wäre. Einfach zum Umbau verdonnern wollten CSU und SPD den Wirt des Schützenzeltes aber auch nicht. Schließlich seien die Fluchtwege nur so eng, weil die Stadt einige Jahre vorher eine Verlängerung des Winzerer Fähndls genehmigt hatte, berichten Alexander Reissl (SPD) und Manuel Pretzl (CSU). Da schien den Großkoalitionären ein Trostpflaster von 1500 zusätzlichen Plätzen angemessen. Wenn es verantwortbar ist, natürlich. Grünen-Stadträtin Lydia Dietrich mahnt trotzdem, dass die Sicherheit im Vordergrund stehen müsse und nicht die Interessen des Wirts.

Die Genehmigung muss das KVR erteilen. Dessen Chef Blume-Beyerle macht unmissverständlich klar, dass er in Sicherheitsfragen kompromisslos ist. Es sei guter Brauch, dass der Stadtrat auf solche Entscheidungen keinen Einfluss nimmt. Denn streng genommen ist die Stadt in einer angreifbaren Doppelrolle: Sie ist Veranstalterin eines Festes, das sie sich selbst genehmigt. Da sieht es nicht gut aus, wenn das Unmögliche plötzlich möglich wird.

© SZ vom 04.10.2014/infu

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