Biedersteiner Fasching Feste fürs Leben

Was als kleine Studenten-Sause begann, ist mittlerweile über die Stadtgrenze hinaus zu einer Institution geworden: Der Biedersteiner Fasching findet in diesem Jahr zum 50. Mal statt. Ein Rückblick

Von Stefan Mühleisen, Schwabing

Horst Volling kann sich immer noch kaputtlachen über diesen Typ mit dem Geldschein-Kostüm. Zum Fasching 2002 waren die Euro-Banknoten erst ein paar Wochen im Umlauf, da kam ein Student auf die Idee, sich mit Dutzenden Scheinen zu bekleben und als flattriger 50-Euro-Knäuel zum Biedersteiner Fasching zu erscheinen. "Bei der Abrechnung fanden wir dann drei Scheine in der Kasse", prustet Volling. "Der hat damit bezahlt, obwohl sie nur einseitig kopiert waren." Da biegen sich die zehn Studenten in der Küche des Wohnheim-Baus an der Biedersteiner Straße vor Lachen. Volling ist hier nicht nur der Hausmeister, er ist die gute Seele des Wohnheims. Alle kennen, alle mögen ihn, alle nennen ihn nur "Horst". Und er ist ein heiterer Chronist des legendären Biedersteiner Faschings, der heuer zum 50.

Mal stattfindet, an vier Abenden, noch einmal am Samstag, 6.

Februar. Ein halbes Jahrhundert schon organisiert die jeweilige Bewohner-Generation eine krachende Faschings-Party in zwei Wohnheim-Blöcken: den Atriumfasching und den Kellerfasching. Was als kleine Studenten-Sause begann, wird bald über die Stadtgrenze hinaus zur Institution. Die Faschings-Feten sind berühmt für Entgleisungen und Exzesse; Legion sind die Geschichten über diese Feste, bei denen immer wieder mit frischem Überschwang die Jugend, die Liebe und das Leben gefeiert werden. Es gibt nur eine Regel: Nur wer in Verkleidung kommt, darf rein.

Die Tickets sind begrenzt, 1000 Stück werden verkauft. Für den Atriumfasching kann man vorbestellen; Karten für den Kellerfasching bekommt man nur am Veranstaltungstag - wobei das schon das Warm-up für die Party ist: Schon mittags bildet sich eine lange Schlange vor dem Haus an der Biedersteiner Straße 28, um eine der begehrten Karten um 16 Uhr zu bekommen. Es gibt Glühwein und Bier, dazu sicher viele Gespräche über erlebte und leider verpasste Ausschweifungen. Schon die Femme fatale der Achtundsechziger, Uschi Obermaier, hat es hier krachen lassen - in welcher Kostümierung ist leider nicht überliefert. Ins kollektive Gedächtnis für maßlose Maskenspektakel schaffte es der Biedersteiner Fasching 1991: In der Tatort-Folge "Die chinesische Methode" wabert die feiernde Menge, während auf der Toilette ein Student von einem Gorilla erstochen wird.

Horst Volling hat ein Vierteljahrhundert Biedersteiner Geschichte erlebt, die Anfänge hat er bei älteren Semestern recherchiert. Demnach wohnten an der Biedersteiner Straße in der prüden Nachkriegszeit nur Männer, die Studentinnen waren an der Kaulbachstraße. "Bei einem Faschingsball konnten sie die Mädchen einladen." Der Kommentar von Gustav Voigts, Ex-Bewohner und treuer Faschingsgast, dazu: "Die Gründungsidee war also, dass die Jungs im Biedersteiner die Mädels in der Kaulbachstraße klar machen wollten." Schallendes Gelächter in der Wohnheimküche. Wäre das also auch geklärt.

Neben der Lust am frivolen Gelage hat sich über die Jahre eine andere Leitidee erhalten: Die Studenten organisieren die Party zusammen. "Es ist eine Gemeinschaftsleistung", sagt der Organisator des Kellerfaschings, Jonathan Smit Wiesner. Durch die Zusammenarbeit für den Fasching, so der Ansatz, lernen sich die 160 Bewohner besser kennen. Das funktioniert bestens: Jede WG gestaltet eine eigene Bar in einem der acht Räume, es gibt einen festen Dienstplan, wer wann welchen Zapfhahn übernimmt. Allein in den Räumen des Kellerfaschings geht Bier aus gut vier Dutzend 50-Liter-Fässern über den Tresen, erzählt Wiesner; dazu bis zu 60 Kisten à zehn Flaschen Wodka. Es wird gezecht, was das Zeug hält, und mittendrin: Hausmeister Horst, mal als Teufel, mal als Mormonenprediger verkleidet. Einmal stieß er im Lager auf einen Verirrten, der kurzerhand ein Fass angezapft hatte und sich genussvoll den Bierschwall in den Mund laufen ließ.

In den proppenvollen Gängen tummelt sich das kunterbunte Volk: Da wanken die mannshohen Zahnpasta-Tuben Aronal und Elmex an allerlei Comic-Figuren und einer Horde römischer Götter vorbei. Auch eine wandelnde Duschkabine wurde schon gesichtet. "Der braucht dann beim Tanzen nur den Vorhang zumachen, schon ist man unter sich", bemerkt Horst Volling anerkennend. Er selbst ist über die Jahre selbst zum Kult geworden, eine Art Hausmeister-Mythos. Jedes Jahr gibt es einige, die sich einen roten Overall anziehen und sich als Horst verkleiden. "Fünf waren es letztes Jahr", sagt er stolz.