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"Scho schee":Das reine Gewissen am Leib

Foto: oh

Ökologisch korrekt kaufen oder auf Konsum verzichten? Schwierige Frage. Hauptsache, Shopping rückt in der Lernpause den Kopf wieder gerade

Von Theresa Parstorfer

Die Versuchung liegt so nah. Raus aus dem Historischen Seminar und dann die Schelling-, Amalien- oder die Türkenstraße entlang. In der Maxvorstadt kuscheln sich eine ganze Reihe kleine Designer-Läden an Smoothie-Bars, Second-Hand-Boutiquen und neuerdings auch den ersten Ohne-Verpackung-Supermarkt Münchens. Der gemeinsame Nenner ist nicht nur hip, sondern auch ökologisch verträglich zu sein.

Diese Läden sind meine Belohnung. Das sage ich mir, wenn die Buchstaben in den Geschichtsbüchern anfangen, sich vor meinen Augen zu drehen. Dann gönne ich mir eine halbe Stunde Schaufensterbummel durch eines der umweltbewussten Epizentren dieser schönen, reichen Stadt. Zumindest habe ich den Eindruck, dass in den letzten Monaten - oder vielleicht auch schon Jahren - die Zahl der Birkenstock tragenden, Rad fahrenden, veganen, studierenden Weltrettern zugenommen hat.

Gerade stehe ich einmal wieder vor einem schlichten Schaufenster. Schlicht aber schön ist auch das T-Shirt, das meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Aber auch schlicht zu teuer. Oder? Weltretten bekommt man nicht umsonst, das weiß ich. Und wahre Qualität ebenso wenig. Womöglich ist beides kombiniert noch teurer. Aber genau diese Kombination fühlt sich verdammt gut an. Vielleicht tragen deshalb viele junge Münchner genau dieses Bild vor sich her. Seht her, sagen sie, ich trage ein reines Gewissen mit mir herum. Und seht her, wie unglaublich gut ich dabei aussehe. Zwei U-Bahn-Stationen entfernt würde ich bei H&M zwölf T-Shirts für den Preis der schlichten, umweltbewussten Schönheit bekommen. Aber erstehe ich mir damit nicht auch ein schlechtes Gewissen? Auf einmal weiß ich gar nicht mehr, warum der Gedanke an einen Schaufensterbummel vor einer halben Stunde, als ich noch in der Bibliothek saß, so verlockend war. Denn der Gewissenskonflikt ob des Preises ist beinahe stressiger als jede verkopfte, historische Interpretation. Besteht die Versuchung darin, etwas zu kaufen oder darin, nichts zu kaufen? Konsumverzicht ist ja auch eine Möglichkeit, die Umwelt und den eigenen Geldbeutel zu schonen.

Dennoch: "Ich komme wieder", denke ich mir und werfe dem schlichten Shirt einen letzten Blick zu. "Wenn es mich in den nächsten drei Lernpausen wieder hierher treibt, dann komme ich und hole dich." Dann habe ich es mir verdient und muss mich nicht einmal schlecht fühlen.

© SZ vom 23.07.2016
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