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"Scho schee":Alles eine Frage der Tasche

Handtasche

Foto: Florian Peljak

Die Münchnerinnen wirken so elegant. Warum, das begreifen Zugereiste nicht sofort.

Kolumne von Alice Hasters

Als Zugezogene kam ich mir in München erst einmal vor wie der Nerd auf dem Schulhof, der zuschaut wie die coolen Kids in der anderen Ecke abhängen. "Cool" ist für München vielleicht nicht das perfekte Wort. Eher schick. Oder elegant. Denn egal ob Jung oder Alt: Die Münchner, vor allem die Münchnerinnen, bewegen sich mit einer Grazie durch die Straßen, die ich in meiner Heimatstadt Köln nur selten gesehen habe.

Verglichen mit ihnen war ich der größte Trampel. Das war allerdings keine Frage der Kleiderwahl. Selbst eine Münchnerin in Jeans und Riesenpulli besaß immer noch mehr Feine-Dame-Charme als ich in Kleid und hohen Hacken. Nach Wochen der Observation wurde es mir klar: Der Trick liegt im Detail - oder viel mehr im Accessoire: Es ist die Handtasche. Die tragen die Frauen in München mit besonderer Perfektion: in der Armbeuge, den Unterarm nach oben abgeknickt. So baumelt die Tasche elegant auf der idealen Höhe und ist immer richtig ausgerichtet, sodass Form, Farbe und Marke sofort zu erkennen sind. Ich verstand auf einmal, was Bruce Darnell damals meinte, als er junge Frauen bei "Germany's Next Topmodel" anschrie: "Die Handetasche muss lebendig sein!" Ich versuchte mich also auch an dieser Art des Taschetragens. Und tatsächlich: War die Trageposition einmal eingenommen, war kein Schlurfgang, keine krumme Rückenhaltung mehr möglich. Alles in mir schien sich plötzlich aufzurichten. Und ehe ich mich versah, war ich assimiliert. Doch wie in der Pubertät ist das Anpassungsbedürfnis als Stadtneuling nur vorübergehend. Meine Begeisterung für die Handtaschenhaltung nahm ein plötzliches Ende, als ich ihren Ursprung herausfand: Sie war keine Erfindung der Münchnerinnen, sondern von Hollywood. Teure Hersteller bezahlten Prominente dafür, mit dem neuesten Teil der Saison abgelichtet zu werden. Damit die Marke, besonders gut zu erkennen ist, tragen sie die Tasche in der Armbeuge.

Inzwischen bin ich in der Rebellenphase angekommen und jetzt will ich nicht mehr mit der Masse der Münchnerinnen mitschwimmen. Und weil sich mittlerweile jegliche Weise, eine Handtasche zu halten, falsch anfühlt, trage ich seit kurzem Rucksack.

© SZ vom 19.07.2016
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