Schizophrenie:Ein Leben in zwei Welten

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Ein Raunen im Saal

Die Krankheit zu beschreiben - das ist inzwischen sein Job. Neben der Patienten-Beratung tritt er immer wieder vor Schulklassen, bei öffentlichen Veranstaltungen oder Tagungen auf.

Durch seine Arbeit ist er inzwischen zu einer Art Medienexperte geworden: Einmal haben sie einen Beitrag über ihn für die heute-Nachrichten gemacht, dann einen Bericht auf RTL. Im Herbst wird er als Gast in der Kerner-Show im ZDF auftreten.

Für seine Arbeit an der Klinik hat Hansen sich inzwischen eine Menge Fachwissen angeeignet. Wie Vokabeln hat er sich die komplizierten Namen der antipsychotischen Wirkstoffe eingeprägt. "Levomepromazin" zum Beispiel war zuerst schwierig zu merken. "Das ist ein niederpotentes Neuroleptikum", rezitiert er.

Dann erklärt er, wie die wichtigsten Medikamente gegen Schizophrenie funktionieren: Sie beeinflussen im Gehirn das durcheinander geratene System der Botenstoffe Dopamin und Serotonin. Das klingt plötzlich so sachlich, als wäre die Krankheit etwas völlig Abstraktes.

Doch seine eigenen Medikamente liegen mitten auf dem Küchentisch: Ein Kästchen mit vier Schubladen, auf denen die Tageszeiten stehen, darin lauter Pillen und Tabletten. 15 Präparate muss Hansen regelmäßig einnehmen, um keinen neuen Schub zu bekommen.

Die kleinen grünen, die in fast jeder Schublade liegen, sind Haldol, ein starkes Antipsychotikum. 90 Milligramm davon nimmt Hansen täglich, zusätzlich bekommt er alle drei Wochen eine Haldol-Spritze. Das ist weit mehr als die empfohlene Höchstdosierung. "Wenn ich auf Kongressen davon berichte, geht ein Raunen durch die Menge", sagt er, fast ein bisschen stolz.

Nach dem ersten Schub mit 21 Jahren hatte er immer wieder Rückfälle. Fünf Jahre seines Lebens hat er insgesamt in psychiatrischen Kliniken verbracht, das hat er einmal ausgerechnet. Vor neun Jahren hat er dann in München einen Arzt gefunden, der mit der Zeit die optimale Kombination von Medikamenten für ihn herausgefunden hat: Seitdem ist die Krankheit nicht mehr ausgebrochen.

Selbst die Nebenwirkungen sind mit der Zeit verschwunden, außer einer: der Gewichtszunahme. Unter dem weiten Strickpulli trägt Wulf-Peter Hansen einen kleinen Bauch vor sich her.

Traumberuf: Psychiater

Bevor er krank wurde, wollte Wulf-Peter Hansen Psychiater werden. Sein Vater war Arzt für Innere Medizin. Einmal lieh er sich von ihm ein medizinisches Fachbuch aus, von 1912, und las darin über eine Krankheit namens Schizophrenie. Das fand er faszinierend.

Als Jugendlicher war er dann lange wegen Depressionen in Behandlung. In den Kliniken kam er mit Schizophrenen in Kontakt. "Das ist wenigstens eine handfeste Diagnose", dachte er damals.

Die Mitarbeit in der Klinik gibt Hansen ein Selbstbewusstsein, das er lange nicht hatte. "Ich musste ja sagen: Ich bin arbeitslos". Bevor er krank wurde, war er Krankenpflegehelfer, zwischen seinen Schüben war es schwer, regelmäßige Arbeit zu finden.

Seit vier Jahren arbeitet er nun in der Klinik - ehrenamtlich zwar, aber er bekommt eine Aufwandsentschädigung von zehn Euro pro Stunde, zusätzlich zu seiner kleinen Rente.

"Dass es mir seit Jahren so gut geht mit meiner Krankheit, liegt sicher nicht nur am richtigen Medikamenten-Mix", meint Hansen. Er achtet sehr genau darauf, was ihm gut tut und was nicht. Er vermeidet es zum Beispiel, sich von Sinneseindrücken überrollen zu lassen.

Heraus kommt dabei ein etwas altmodischer Lebensstil. Wenn er Radio hört, dann macht er nur das: sitzt in seinem Küchen-Sessel und lauscht dem Programm. Fernsehen mag er nicht, das Flimmern und die schnellen Bilder irritieren ihn, er fühlt sich manipuliert.

Nur beruflich schaltet er manchmal doch ein. Zum Beispiel, um den Kerner schon mal ein bisschen kennen zu lernen. "Das ist eine tolle Möglichkeit aufzuklären", sagt er, "ich bin da ja in Millionen Wohnzimmern zu sehen." Jetzt klingt er wie ein Profi.

Die Texte sind von Kursteilnehmern der Deutschen Journalistenschule verfasst.

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