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Schallplatte:"Der Klang ist vor allem softer und viel intensiver"

Der DJ: Henry Singer

Henry Singer, alias Don Schmocko, legt im Holy Home auf.

(Foto: Steffen Leiprecht)

"Der Klang ist vor allem softer und viel intensiver", unterbricht Henry Singer einen seiner Freunde und DJ-Kollegen, mit denen er gerade über die Vor- und Nachteile der Platte fachsimpelt. Zu fünft stehen sie hier - eingerahmt von kaltem Industrieküchen-Edelstahl - im Backstage-Bereich der Bar "Holy Home" am Gärtnerplatz, trinken Bier und überfordern die Dunstabzugshaube mit dicken Rauchschwaden. Sie alle legen nur mit Vinyl auf. Hier im Holy Home werde generell nur mit Vinyl aufgelegt, erklären sie. Singer - Künstlername Don Schmocko - steht an diesem Abend abwechselnd mit einem Freund an den Turntables.

Dafür hat der 50-Jährige einen Koffer mitgebracht, gefüllt mit fast 250 Singles und 30 Langspielplatten. Welche er einpackt, das entscheide er meist auf den letzten Drücker - je nach Stimmung. Aber das Partygepäck wiegt schwer. "Da überlegt man sich schon zweimal, ob man das Taxi nimmt", sagt Singer lachend. Vinyl habe hier auf jeden Fall Nachteile. "Man kann eben nur spielen, was man hat", gibt er zu. "Ich habe schon mal sieben Jahre auf eine Platte gewartet", erzählt er. "Aber dann war der Moment, in dem ich mit ihr aufgelegt habe, einfach nur geil. Und das spüren die Leute." Es sei eben doch etwas anderes, ob jemand da mit einem Computer stehe oder echte Platten spiele.

Doch Singer hegt keinen Groll gegen digitale Musik: "Klar, wenn da einer mit einer mittelmäßigen mp3-Datei am Laptop eine super Clubanlage bespielt, tut das schon weh." Doch er verstehe den Reiz. "Als wir angefangen haben, da konnte man sich ja nichts leisten. Jetzt kaufst du dir einfach einen Laptop und kannst durchstarten, bringst die Leute zum Tanzen." Am Ende gehe es ja nur um den Spaß: "Es sind einfach zwei verschiedene Kulturen. Aber wir respektieren uns gegenseitig", sagt er.

Singer lächelt. Für ihn ist es jetzt Zeit, seinen Freund am DJ-Pult abzulösen. Das Holy Home ist prall gefüllt. Er setzt die Kopfhörer auf und ist auf einmal ganz für sich. Singer, jetzt "Don Schmocko", wippt mit der Musik mit und schließt die Augen. Der Mann mit dem freundlichen, wachen Gesicht ist ganz in seinem Element. Die Handgriffe sitzen, das Lächeln wird breiter. Hammondorgelklänge fließen über funkige Beats. Die Stimmung ist gut.

Mit sieben Jahren hat sich Singer seine ersten Platten gekauft. Elf Jahre später, bei einem Besuch im Berliner Technoclub Turbine, wurde ihm dann klar: Er will auflegen. Techno, Jazz, Hip-Hop, Funk oder Soul - das ist ihm egal. Er ist auf der Jagd nach guter Musik. Mit dem Erfolg der CD begannen viele Leute, ihre Plattensammlung zu verkaufen. "Wir profitierten davon", sagt Singer verschmitzt. Heute seien Platten wieder gefragt. Singer freut es, dass sich auch wieder mehr junge DJs für Vinyl entscheiden. Doch der Einstieg ist schwierig: So eine Sammlung wie seine koste insgesamt 10 000 bis 20 000 Euro, schätzt Singer. "Da muss man dann schon mal das Haus von der Oma verkaufen", scherzt er. Doch es lohne sich dranzubleiben.

Inzwischen hat Singer ein paar Tausend Platten. Als Sammler sieht er sich aber nicht. Er glaubt, echte Sammler legen nicht auf. "Die freuen sich, wenn sie ihr Schätzchen zu Hause haben und keiner berührt's." Er sagt das belustigt, aber auch ein wenig bedauernd.

Der Klangmechaniker: Willibald Bauer

Willibald Bauer werkelt am Motor seines Designerstücks.

(Foto: privat)

Willibald Bauer ist Vinyl-Fan, schon seit er 15 Jahre alt ist. Nach einer Lehre zum Fotografen wurde er Hi-Fi-Händler. Dann kam ihm die Idee, einen Schallplattenspieler zu bauen. "Mit Ignoranz und Arroganz bin ich damals darangegangen. Ich dachte, ich könnte das", erinnert sich Bauer. "Dann habe ich gemerkt: So einfach ist das gar nicht. Aber ich bin drangeblieben und habe dann mithilfe von verschiedenen Seiten den dps entwickelt."

Den "dps" - kurz für "der Plattenspieler" - den Willibald Bauer entwickelt hat, gibt es mittlerweile in der dritten Generation. Gefertigt wird er in München, in einem unscheinbaren Haus unweit des Westparks. Ein Betrieb, vier Mitarbeiter und ungefähr 50 verkaufte Plattenspieler pro Jahr. Über die Jahre sind Lautsprecher, Tonarme und Phono-Verstärker dazugekommen. Der dps besteht aus ungefähr 30 Bauteilen. Jedes einzelne wird in der Umgebung von München hergestellt und dann in die Werkstatt geliefert. Dort werden die Einzelteile von Bauer und seinen Mitarbeitern in Handarbeit zu einem Designer-Stück zusammengebaut. Noch eine gründliche Qualitätsprüfung, dann kann das Gerät versendet werden.

Wenn man Willibald Bauer am Arbeitsplatz besucht, empfängt er einen in einem Zimmer, das gleichzeitig Beratungsraum, Büro und zweites Wohnzimmer ist. Durch zwei Türen kann man einen Blick in die Werkstatt werfen. In der Mitte des Zimmers steht ein Stuhl - gegenüber zwei selbst gebaute Boxen. Oft sitzt der 57-Jährige einfach dort, schaut Richtung Wand auf ein schwarz-weißes Gemälde und hört Musik. Gerade läuft "The Bell" von Ches Smith, Mat Maneri und Craig Taborn. Was aus den Boxen schallt, ist ganz unterschiedlich: "Von Klassik über Jazz, Rock und Pop bis hin zu New Yorker Avantgarde-Klängen ist alles dabei. Ich höre einfach, was mir gerade gefällt."

Die meisten seiner Kunden kommen aus Deutschland - aber auch in Griechenland, Frankreich und sogar Australien wird der dps verkauft. Zwischen 6000 und 8000 Euro kostet Bauers Spieler. "Ich habe mittlerweile eine gute Reputation", so erklärt Bauer seine Verkaufszahlen.

Laut dem Branchenverband gfu (Gesellschaft zur Förderung der Unterhaltungselektronik) sind 2016 etwa 106 000 Plattenspieler verkauft worden. Bauer hat mit 50 Geräten nur einen Bruchteil dazu beigetragen. Der Durchschnittspreis der verkauften Plattenspieler liegt allerdings bei nur 216 Euro. "Der dps ist irgendwo auch ein Möbelstück. Den Käufern geht es bei meinem Spieler um Design - und natürlich um den Klang."

Wenn es ums Musikhören geht, ist Bauer aber kein Vinyl-Fanatiker. Neben Langspielplatten hört er auch viel über verschiedene Streamingdienste. Das sei einfach komfortabel. Nur von der CD hält er nichts: "Sie ist in der Haptik einfach nicht schön. Ein komisches Plastikteil in einer Plastikhülle. Auch das Klangniveau ist nicht besonders. Da klingt ein guter Plattenspieler einfach besser."

© SZ vom 15.05.2019/axi
Medaille für Künstler

Bei den Münchner Musikverlagen ECM und Blanko Musik ist Vinyl in den vergangenen zehn Jahren wieder zu einem festen Bestandteil des Sortiments geworden. In der 50-jährigen Geschichte des Jazzlabels ECM sei die Platte nie aus dem Katalog verschwunden, erzählt der Pressesprecher Christian Stolberg. Seit sechs Jahren werden aber auch neue Alben wieder in dieser Art angeboten. Blanko Musik nahm Vinyl-Alben zeitweise sogar komplett aus dem Sortiment. Auf Wunsch ihrer Musiker habe man vor zehn Jahren wieder begonnen, Schallplatten anzubieten, sagt Geschäftsführer Hage Hein: "Mittlerweile ist das für Künstler wie eine Medaille - Vinyl machen."

Inzwischen produziert das Label Platten hauptsächlich für Verkaufsstände bei Konzerten. Zuletzt sei die Schallplatte immer ein Nischenmarkt gewesen, sagt Hein. Besonders kunstaffine Menschen und Musiker würden zu Vinyl greifen. Es gebe Hörer, die sich über Vinyl definieren. Bei ECM zeige sich laut Stolberg ein ähnliches Muster: Jazz-Hörer würden sich in der Regel mehr mit Musik beschäftigen. "Für die ist Vinyl fast so eine Art Ausweis: das Musikhören anders und intensiv zu zelebrieren."

Für einen Verlag ist das Pressen von Schallplatten jedoch sehr zeit- und geldaufwendig. Besonders auf die Qualitätskontrolle werde viel Mühe verwendet, sagt Stolberg. "Wir könnten es aber nicht machen, wenn es sich nicht rentieren würde." Vergangenes Jahr wurden laut dem Bundesverband Musikindustrie wieder weniger Platten verkauft als im Vorjahr. Bei ECM zeichnet sich diese erneute Trendwende nicht ab: "Bei uns geht es noch aufwärts mit den Verkaufszahlen", berichtet Stolberg. Auch Hage Hein von Blanko Musik sieht kein Ende des Plattenbooms: "Vinyl bleibt definitiv." Carina Müller, Leonard Scharfenberg

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit der katholischen Journalistenschule ifp. Alle Autoren sind Stipendiaten des Jahrgangs 2019.

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