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Reichenbachbrücke:Mordversuch wegen Zigaretten

Staatsanwaltschaft wirft Angeklagtem vor, sein Opfer fast zu Tode geprügelt zu haben

Der Angeklagte ist genervt. Genervt von den Fragen der Richterin. Wann und wo er geboren ist, wie lange er zur Schule gegangen sei, ob er einen Beruf erlernt habe, wie die Vornamen der Eltern lauten und so weiter. Nikolay T. verdreht die Augen. Er sitzt am Montagmorgen auf der Anklagebank des Schwurgerichts am Landgericht München I und die Vorsitzende Elisabeth Ehrl stellt, so wie es die Strafprozessordnung nun einmal vorsieht, die Fragen zur Person des Angeklagten. "Bitte hören Sie mir zu. Der Mann ist nicht gestorben und war nicht schwer verletzt", sagt Nikolay T. plötzlich zur Richterin. Zur Tat komme man noch, lässt die den Gebäudereiniger wissen. Gleich. Nikolay T. wird noch zu seinem Alkoholkonsum gefragt. Alkohol war auch bei der Tat im Spiel, wegen der der Vater zweier Kinder nun vor Gericht steht. Am 22. März vergangenen Jahres soll T. einen Mann am frühen Abend in der Nähe der Reichenbachbrücke fast zu Tode geprügelt haben. Versuchter Mord, lautet die Anklage. Der 60-Jährige war eine Zufallsbekanntschaft. Auch er hatte, wie Nikolay T., Bier getrunken. Auslöser für den mutmaßlichen Gewaltausbruch des 32-Jährigen, soll eine Lappalie gewesen sein. Angeblich ging es um Zigaretten.

Nikolay T. räumt die Tat ein. Zumindest indirekt. Er habe zugeschlagen, ja, aber der andere zuerst. Dass er gegen den Kopf des 60-Jährigen getreten habe, stimme nicht. Tritte, wie "gegen einen Fußball", sollen es gewesen sein. So steht es in der Anklage der Staatsanwaltschaft. Dabei soll der Gebäudereiniger "den Tod des Geschädigten zumindest billigend in Kauf genommen" haben. Nikolay T. trug bei der Tat Arbeitsschuhe mit Stahlkappen.

An jenem 22. März, einem Freitag, arbeitete der 32-Jährige bis zum frühen Nachmittag und trank anschließend am Hauptbahnhof ein Bier. Eine Flasche Bier sei für ihn "kein Alkohol", so Nikolay T. Es soll aber nicht bei dem einen Bier geblieben sein. Bis zur Tat sollen zwölf weitere sowie eine halbe Flasche Schnaps dazu gekommen sein. Vom Bahnhof war T. mit Bekannten weiter zur Reichenbachbrücke gezogen. Dort lernte er sein späteres Opfer kennen. Was an der Reichenbachbrücke passierte, daran könne er sich nicht mehr so genau erinnern, so T. Als er im Gras lag und nicht mehr ansprechbar war, hatte der 60-Jährige einen Krankenwagen gerufen, da er glaubte, der Gebäudereiniger werde erfrieren. Die Sanitäter weckten T. Sie waren sich sicher, dass er keine weitere Hilfe benötigt. Der 60-Jährige sicherte den Sanitätern zu, er werde sich um seinen neuen Kumpel kümmern. Danach saßen beide auf einer Parkbank an der Ecke Reichbach- und Eduard-Schmid-Straße. T. soll den Mann nach Zigaretten gefragt haben. Als er ihn zum dritten Mal fragte, wurde der sauer und soll T. angefahren haben, jetzt "mit seinen Scheiß-Zigaretten" aufzuhören. Danach schlug der Gebäudereiniger völlig unvermittelt auf sein Opfer ein. Der Prozess dauert an.

© SZ vom 11.02.2020
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